Interview: Sangham Gründerin Christelle Meunier
"Unser Album handelt von der Ausbeutung von Tieren, menschlicher Dominanz und der alltäglichen Gewalt gegenüber den Verletzlichsten"

Das Letzte, womit ich an einem ruhigen Dienstagmorgen im Mai gerechnet hätte, war eine Nachricht, die dafür sorgte, dass ich erst mal tief durchatmen musste. Ich war super überrascht, neugierig und habe mich tierisch gefreut, als ich sah, dass mich die Sängerin und Gründerin der französischen Metal-Band Sangham, Christelle Meunier, höchstpersönlich angeschrieben hatte. Sie wollte einen neuen Song und ein Musikvideo über die Ausbeutung von Tieren mit mir teilen. Auf Sounds Vegan war sie gestoßen, weil es, wie sie es ausdrückte, so selten ist, auf Menschen zu treffen, die Musik und Veganismus miteinander verbinden. Ich gebe zu: Ich habe ihre Nachricht gleich noch ein zweites Mal gelesen und fühlte mich anschließend bestätigt und mit ihr verbunden. Ich betreibe diese Seite jetzt seit fast zwei Jahrzehnten und glaube nach wie vor stur daran, dass sich diese Kombination immer weiter durchsetzen wird. Dass mir Menschen schreiben, die ich bewundere, die in Marseille sitzen und harte Musik machen, die genau das ausdrückt, was ich denke, bestätigt mich natürlich. Über die Jahre konnte ich durch Sounds Vegan viele vegane Künstler*innen interviewen und kennenlernen, was sich wie ein großes Geschenk anfühlt. Jemanden zu treffen, dessen Überzeugungen so tief reichen und dessen Musik sie so direkt und kompromisslos transportiert, ist nach wie vor faszinierend für mich und macht mich jedes Mal aufs Neue glücklich.
Christelle und der Gitarrist und Sänger Cyril Lhuillier gründeten Sangham im Jahr 2020. Mit Einflüssen aus Modern Metal, Djent, Progressive Metal und Deathmetal erschafft die Band ihren ganz besonderen, organischen und kompromisslosen Sound. Ihr Debütalbum "Intangible" erschien im November 2021 über KLONOSPHERE und wurde von Season of Mist vertrieben. Es ist Album der leisen und philosophischen Art. Nachdenklich und schon fast in sich gekehrt erkunden Christelle und Cyril darin das fragile Verhältnis der Menschheit zur Welt. Ihr zweites Album "The Radiant Crown" erscheint am 5. November 2026 und markiert einen Wandel hin zu einer schwereren, dunkleren Stimmung. Es ist direkter und konfrontativer. Es behandelt Themen wie Feminismus, Tierrechte, Überkonsum und unsere Überzeugung, allen anderen Lebewesen überlegen zu sein. Die erste Single aus "The Radiant Crown", "Listen", erschien im Februar 2026 und läutete dieses neue Kapitel ein.
Im Mai folgte "Our Vain Pleasure" als zweite Single. Das Musikvideo lässt die Zuschauer*innen emotional in die erschütternde Erfahrung eines ausgebeuteten Tieres eintauchen und konfrontiert sie mit schonungsloser filmischer Intensität. Was ich an dieser Band besonders liebe, ist das greifbare Engagement. Sie organisiert Solidaritätskonzerte für Lebenshöfe und spendet Erlöse aus Merch-Verkäufen an antispeziesistische Organisationen. Ihre Leidenschaft für diese Themen ist aufrichtig und in jedem Aspekt ihrer Arbeit spürbar. Ich hatte die Gelegenheit, Christelle einige Fragen zum Album, zu ihrer Band und zu ihrem Engagement in der Tierrechtsbewegung zu stellen. Viel Freude mit meinem Interview!
Anne: Hi, Chris! Wie geht es Dir heute? Ich freue mich riesig, dich kennenzulernen! Wie ist dein Tag bis jetzt?
Chris: Hi Anne! Es ist mir eine Freude, mich mit dir auszutauschen. In letzter Zeit war einiges los, zwischen meinem Job und der Veröffentlichung unserer neuen Single mit der Band.
Ich freue mich sehr, dass wir sowohl über Musik als auch über unsere gemeinsamen Werte sprechen können. Danke für die wertvolle Arbeit, die du mit Sounds Vegan leistest. Sie ist wichtig für die Tiere, natürlich, aber auch für Künstler*innen, die versuchen, diese Themen durch ihre Kunst lebendig werden zu lassen.
Anne: Ihr erzählt "Our Vain Pleasure" komplett aus der Perspektive des ausgebeuteten Wesens. Von der Geburt bis zur Schlachtung. Das ist eine sehr bewusste und unbequeme kreative Entscheidung. Was kostet es dich emotional, einen Song aus dieser Perspektive zu schreiben und ihn dann Abend für Abend zu performen?
"Ich möchte, dass sich die Hörer*innen in ausgebeuteten Lebewesen hineinversetzen können"

Chris: Ich wollte, dass sich die Hörer*innen direkt mit dem Opfer identifizieren können, das uns letztlich gar nicht so unähnlich ist. Wir sind alle empfindungsfähige Tiere mit eigener Subjektivität, eigener Persönlichkeit und eigenem Bewusstsein. Diese Perspektive einzunehmen, fühlte sich wie der ehrlichste Weg an, eine Realität sichtbar zu machen, die so oft übersehen wird.
Den Song zu schreiben, war emotional herausfordernd, weil ich mir vorstellen musste, was es bedeutet, absolute Verletzlichkeit zu erleben. Es ging nicht nur darum, ein Unrecht anzuprangern. Es ging darum, zu spüren, was es heißt, in einem System geboren zu werden, zu leben und zu sterben, das dich als nichts weiter als eine Produktionsmaschine betrachtet.
Auf der Bühne ist das wahrscheinlich der Song, der mir emotional am meisten abverlangt. Ich leite ihn mit einem kurzen gesprochenen Text ein, um etwas Kontext zu geben und das Publikum einzuladen, aufmerksamer zuzuhören. Wenn ich ihn performe, versuche ich, genauso viel Verletzlichkeit wie Wut zu kanalisieren.
Anne: Deine Zwillingsschwester Elise Meunier 1, die 2023 ja bereits "Vertigo" inszeniert hat, führte Regie beim Musikvideo zu "Our Vain Pleasure". Wie hat sich der kreative Prozess hinter dem Video entwickelt, und wie stellt ihr gemeinsam sicher, dass ein visuelles Konzept kraftvoll bleibt, ohne ausbeuterisch oder reißerisch zu werden?
Chris: Die Zusammenarbeit mit Elise hat sich immer vollkommen natürlich angefühlt. Sie besitzt die einzigartige Fähigkeit, unsere Musik über unsere persönliche Bindung in Bilder zu übersetzen. Dabei hat sie Ideen, auf die wir selbst nie kommen würden. Sie versteht unser künstlerisches Universum intuitiv und bringt zugleich eine wertvolle Außenperspektive mit. Für "Our Vain Pleasure" hatte sie die Idee, ein immersives Erlebnis zu schaffen. Wir wollten etwas, das direkt genug ist, um die Zuschauer*innen mit der Realität der Tierausbeutung zu konfrontieren, ohne in Gore, Voyeurismus oder Sensationslust abzurutschen.
Es war uns außerdem wichtig, die echten Opfer in die Geschichte einzubeziehen. Wir haben uns entschieden, reales Filmmaterial über einen Röhrenfernseher zu zeigen. Das schafft eine gewisse Distanz und verhindert zugleich, dass wir den Blick von der Realität abwenden. Der Bildschirm erinnert außerdem an Überwachungsaufnahmen und wird so zum stummen Zeugen von Grausamkeiten, die zutiefst verstörend sind und in unserer Gesellschaft dennoch als ganz gewöhnlich gelten.
Olivia, die Hauptdarstellerin, hat durch die Intensität und Aufrichtigkeit ihres Spiels eine zusätzliche emotionale Ebene eingebracht. Sie versucht nie, buchstäblich ein Tier darzustellen. Stattdessen vermittelt sie universelle Emotionen wie Angst, Verzweiflung und Verwirrung angesichts von Gewalt. Als wir das Endergebnis sahen, fühlte es sich sofort richtig an.
Ich glaube, die Stärke des Videos liegt genau in dieser Balance. Wir wollten genug zeigen, damit die Botschaft nicht ignoriert werden kann, und zugleich Raum für die Vorstellungskraft und die emotionale Reaktion der Zuschauer*innen lassen. Genau das macht für mich den Unterschied zwischen Aufklärung und bloßem Schockeffekt.
Anne: Seit wann lebst du vegan, und wer oder was hat dich ursprünglich zu diesem Schritt inspiriert?
"Ich lebe seit zehn Jahren vegan"

Chris: Ich habe vor etwas mehr als zehn Jahren aufgehört, tierische Produkte zu konsumieren. Die Entscheidung entstand aus einer ganz einfachen Erkenntnis. Eines Tages saß ich beim Mittagessen vor meinem Teller, als mir klar wurde, dass ich niemals in der Lage gewesen wäre, eines der Tiere zu töten, die ich mein Leben lang gegessen hatte.
Von diesem Moment an habe ich komplett aufgehört, Fleisch zu essen, und einen langen Lernprozess begonnen, mit Büchern, Dokumentationen und persönlichen Berichten. Alles, was ich seitdem erfahren habe, hat mich nur in meiner Überzeugung bestärkt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Rückblickend ist es wahrscheinlich eine der besten Entscheidungen meines Lebens.
Anne: Würdest du als Veganerin sagen, dass es sich wie eine natürliche Erweiterung deines Lebens anfühlt, Musik über Tierausbeutung zu schreiben und zu performen? Oder bringt dich das an emotionale Orte, die selbst der tägliche Aktivismus nicht erreicht?
Chris: Ich würde sagen, es ist eine Möglichkeit, das, was mich antreibt und was ich kann, mit meinen tiefsten Überzeugungen zu verbinden. Musik ist meine Sprache, und Sangham erlaubt mir, den Themen eine Stimme zu geben, die mir am wichtigsten sind.
Ich glaube, dass sich alle Formen von Aktivismus ergänzen. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die regelmäßig direkt vor Ort aktiv sind, etwa die Ehrenamtlichen von Anonymous for the Voiceless oder hier in Frankreich von L214. Ich selbst hoffe, mit einer Art politischer Poesie die Herzen der Menschen zu berühren und zum Nachdenken anzuregen.
Anne: Zur Veröffentlichung von "Our Vain Pleasure" verkauft Eure Band außerdem ein exklusives T-Shirt, dessen Erlös teilweise an FUTUR geht, eine antispeziesistische Organisation. Warum ausgerechnet FUTUR, und was bedeutet es dir, dass euer Merch die Sache aktiv finanziert, statt nur die Band zu bewerben?
Chris: FUTUR zu unterstützen war eine sehr naheliegende Entscheidung. Ich arbeite dort seit einigen Monaten als Community Managerin und Grafikdesignerin, und ich wollte, dass meine Kreativität und mein Engagement über meine berufliche Rolle hinaus zur Organisation beitragen. Ich bin besonders dankbar, dass ich dort eine Arbeit machen darf, die sowohl zu meinen Werten als auch zu meinen Fähigkeiten passt.
Außerdem weiß ich genau, wohin die Spenden fließen, und ich bewundere die Menschen in unserem Team sehr. Ob es um die Versorgung der Tiere auf dem Lebenshof geht, um Aufklärungsarbeit, Recherchen oder die Organisation veganer Events in ganz Frankreich: Alle sind unglaublich engagiert bei dem, was sie tun.
Die Idee, ein Design speziell für die Tierrechtsbewegung zu entwerfen, war ebenfalls sehr reizvoll. Es erlaubt uns, die Werte von Sangham auszudrücken, und gibt den Menschen, die das Shirt tragen, die Möglichkeit, stolz ihre eigenen Werte zu zeigen.
Anne: "The Radiant Crown" dreht sich um menschlichen Überkonsum, patriarchale Dominanz, Tierleid und den Bruch der Menschheit mit der lebendigen Welt. Wie gelingt es dir, das alles zusammenzuhalten und etwa zu erschaffen, das sich erst nach Musik anfühlt und sich zu einem sehr klaren Statement entwickelt?
"Wir wollen, dass die Menschen etwas fühlen"

Chris: Wir versuchen mit unserer Musik nicht, Menschen um jeden Preis zu überzeugen. In erster Linie wollen wir, dass sie etwas fühlen. Für uns ist Musik eine emotionale Sprache, lange bevor sie zum Argument wird.
Wir haben außerdem gemerkt, dass wir am Übergang zweier Welten stehen: Metal und politisches Engagement. Dadurch erreichen wir Menschen, die sich mit einer dieser Sphären identifizieren, ohne die andere unbedingt zu kennen. Manche entdecken unsere Überzeugungen durch unsere Musik, andere entdecken Metal durch unsere Überzeugungen!
Anne: Du hast das zentrale Bild Eures Albums als Doppelsymbol beschrieben, die Sonne und das Virus. Es spiegelt die ständige Spannung zwischen Schöpfung und Zerstörung. Die Krone selbst steht für die selbst ernannte Herrschaft der Menschheit über alle Lebewesen. Das ist ein zutiefst kritisches Bild unserer Gegenwart. Aber wo lebt auf diesem Album die Hoffnung für dich?
Chris: Ich glaube, dass es bereits ein Akt der Hoffnung ist, bestimmte Realitäten offenzulegen und ans Licht zu bringen. Oft ist das der erste Schritt, um zu hinterfragen, was wir für selbstverständlich halten. Songs können außerdem Menschen zusammenbringen, die ähnliche Werte teilen, sie daran erinnern, dass sie nicht allein sind, und zeigen, dass Musik ein Raum sein kann, in dem sie sich repräsentiert fühlen.
Trotzdem glaube ich, dass wir einen klaren Blick auf die Welt behalten müssen, in der wir leben. Eine der zentralen Referenzen hinter dem Album ist das berühmte Zitat aus "The Matrix", das die Menschheit mit einem Virus vergleicht, der kein Gleichgewicht mit seiner Umgebung findet. Dieses Bild stellt infrage, wie wir uns zur lebendigen Welt verhalten und wie sehr wir Wachstum, Dominanz und Ausbeutung behandeln, als wären sie natürlich oder unausweichlich.
Menschen sind zum Besten wie zum Schlimmsten fähig, und leider gibt uns unsere Zeit genug Gründe zur Sorge. Aber Hoffnung liegt für mich nicht darin, diese Realität zu leugnen. Sie liegt in unserer Fähigkeit, ihr ins Auge zu sehen, sie zu hinterfragen und uns andere Arten vorzustellen, die Welt zu bewohnen. Kunst ist Teil dieses Prozesses. Sie kann die Welt nicht allein verändern, aber sie kann Risse in unseren Gewissheiten hinterlassen und dabei helfen, ein Gefühl der Ohnmacht in Reflexion oder sogar in Handeln zu verwandeln.
Anne: Euer Debütalbum "Intangible" erschien im November 2021 auf KLONOSPHERE mit Vertrieb über Season of Mist, eine bedeutende Plattform für ein Debüt. Gab es je eine Spannung zwischen der künstlerischen Freiheit, die Ihr gebraucht habt, und den Erwartungen, die mit einem Label-Release einhergehen? Gerade jetzt, wo das zweite Album deutlich kompromissloser ist?
Chris: Als wir bei KLONOSPHERE unterschrieben haben, war "Intangible" bereits geschrieben und komponiert. Deshalb hat sich die Frage nach künstlerischen Kompromissen nie wirklich gestellt.
"The Radiant Crown" veröffentlichen wir dieses Mal unabhängig. Das erlaubt uns, unsere kreative Freiheit vollständig zu bewahren und die volle Kontrolle über unsere künstlerischen Entscheidungen zu behalten.
Anne: "Listen", die erste Single aus "The Radiant Crown", handelt von Krankheit, Schmerz und Selbstakzeptanz. Ein zutiefst persönliches Thema. "Our Vain Pleasure" wendet sich dann nach außen, zur systemischen Gewalt gegen Tiere. Ist diese Abfolge, von innen nach außen, die emotionale Architektur des gesamten Albums?
"Unser Album will, dass wir als Menschen darüber nachdenken, wie wir mit Krankheit, Leid und Tod umgehen"

Chris: Es war nicht bewusst als emotionale Entwicklung vom Persönlichen zum Kollektiven angelegt. "Listen" entspringt zwar einer zutiefst persönlichen Erfahrung, aber der Song will eine breitere Reflexion darüber anstoßen, wie wir als Menschen mit Krankheit, Leid und Tod umgehen.
Genauso handelt "Our Vain Pleasure" von der Ausbeutung von Tieren, erkundet aber auch unser Verhältnis zum Anderen, zu Dominanz und zu der Gewalt, die wir den Verletzlichsten antun können. Die Themen des Albums sind vielfältig, aber sie sind durch gemeinsame Fragen und Anliegen miteinander verbunden, nicht durch eine bewusste Entwicklung vom Intimen zum Kollektiven.
Anne: Eure dritte Single "Reclaim" steht noch aus, bevor das Album erscheint. Ohne zu viel zu verraten: Was kannst du uns darüber erzählen, wo sie in der emotionalen Reise von "The Radiant Crown" steht?
Chris: "Reclaim" ist eine Hommage und Hymne an den Ökofeminismus. In diesem Song erkunde ich die Fähigkeit von Frauen, ihre Verletzlichkeit in Stärke zu verwandeln, ebenso wie ihre Fähigkeit, zu erschaffen, Widerstand zu leisten und sich neu zu erfinden. All das sind kraftvolle Ressourcen, die es uns ermöglichen, uns zu wehren, einander zu unterstützen und ein tiefes Gefühl von Schwesternschaft aufzubauen.
Anne: Metal hat ein kompliziertes Verhältnis zu feministischer und antispeziesistischer Politik. Die Szene kann unglaublich offen und unglaublich feindselig zugleich sein. Hat die politische Dimension von Sangham je zu Reibungen mit Venues, Veranstalter*innen, anderen Bands oder dem Publikum geführt, und wie geht ihr damit um?
Chris: Bislang haben wir zwar nicht unbedingt das Gefühl, dass unsere Werte bei Venues oder Veranstalter*innen besondere Begeisterung auslösen, aber wir wurden überall, wo wir gespielt haben, sehr gut aufgenommen. Echter Ablehnung sind wir in der Livemusik-Szene bisher nicht begegnet.
Vor allem in den sozialen Medien wird die Spaltung sichtbar. Je offener wir zu unseren Überzeugungen stehen, desto größer wird das Publikum, das wir erreichen. Aber wir ziehen auch mehr Kritik und mehr Trolle an. Das gehört einfach dazu, und in gewisser Weise sortiert es die Dinge auch!
Anne: Im April 2026 habt ihr im Jas'Rod für Black Bomb A eröffnet, eine Band mit einer langen Geschichte politischen und ökologischen Engagements. Was bedeutet es dir, die Bühne mit Künstler*innen zu teilen, deren Haltung sich wirklich mit eurer eigenen deckt und nicht nur stilistisch kompatibel ist?
Chris: Es war definitiv eine Freude, die Bühne mit einer Band zu teilen, die die politische Dimension ihrer Musik voll und ganz lebt. Ich finde es eigentlich ziemlich erstaunlich, dass sich in manchen Ecken der Metal-Szene ein Teil des Publikums als unpolitisch bezeichnet, wo Kunst doch schon immer ein Weg war, eine Weltsicht, Werte oder gesellschaftliche Anliegen auszudrücken.
Künstler*innen haben die Möglichkeit, Botschaften zu vermitteln, ob explizit oder nicht. Ich persönlich mag es, wenn Bands diese Freiheit nutzen, um für Ideen einzustehen, die ihnen wirklich am Herzen liegen. Es ist manchmal faszinierend zu beobachten, welche Reaktionen das auslösen kann, als würden manche Menschen erwarten, dass Musik nichts weiter als Unterhaltung ist, losgelöst von der Realität. Dabei sind es oft gerade die Werke, die herausfordern, verunsichern oder zum Nachdenken anregen, die den stärksten Eindruck bei mir hinterlassen.
Anne: Djent und Progressive Metal sind Genres, die historisch sehr männlich dominiert und sehr auf Technik fokussiert waren, manchmal auf Kosten emotionaler Direktheit. Wie bewusst arbeitet ihr gegen diese Konventionen, und was bedeutet es dir persönlich, derart politische Musik in einem Genre zu machen, das Politik oft auf Abstand hält?
"Bei Sangham ging es nie um technische Virtuosität"

Chris: Sangham wollte nie eine Band sein, die sich über technische Virtuosität definiert. Cyril, der unsere gesamte Musik schreibt, komponiert in erster Linie aus dem Herzen. Er hat keine formale musikalische Ausbildung, und sein Ansatz war schon immer zutiefst intuitiv. Das Ergebnis sind Songs, die sich reich und persönlich zugleich anfühlen.
Genau über diesen Zugang haben wir sofort zueinander gefunden, und es war nie schwierig, seine Kompositionen mit den Texten zusammenzubringen, die ich schreibe. Technik ist für uns nie Selbstzweck, sondern immer ein Werkzeug im Dienst der Emotion.
Progressive Songstrukturen sind für uns allerdings besonders interessant. Sie erlauben uns, Kontraste zu schaffen, Spannung aufzubauen und die Hörer*innen innerhalb eines Songs auf eine emotionale Reise durch verschiedene Stimmungen und Dynamiken mitzunehmen.
Anne: Wenn jemand zu Eurem Konzert kommt, ohne je einen Gedanken an die Ausbeutung von Tieren verschwendet zu haben, und mit dem Gefühl geht, dass sich etwas verschoben hat, und sei es nur ein kleines bisschen: Welchen ganz bestimmten Gedanken soll diese Person am liebsten mit nach Hause nehmen?
Chris: Ich möchte, dass sie mit dem Verständnis heimgeht, dass Tiere keine Ressourcen sind, die man ausbeuten darf, sondern empfindungsfähige Wesen mit eigener Subjektivität und einer eigenen Erfahrung der Welt.
Die meisten von uns würden niemals einer Katze oder einem Hund ein Messer an die Kehle setzen. Warum akzeptieren wir dann, genau das einem Schwein, einem Huhn oder einer Kuh anzutun? Für mich wurzelt dieser Unterschied in der Behandlung ausschließlich in einem speziesistischen Blick auf die anderen Wesen, mit denen wir uns diese Welt teilen.
Anne: Wenn du eine einzige Sache auf der Welt verändern könntest, welche wäre es und warum?
Chris: Ich glaube, ich würde eine Welt umgestalten, die noch immer weitgehend von einer kleinen Zahl von Männern und von ererbten Machtstrukturen dominiert wird. Aus meiner Sicht entspringen viele Formen der Gewalt, die wir anderen antun (ob gegen Frauen, Minderheiten, Tiere oder die lebendige Welt als Ganzes), tief verwurzelten Systemen der Dominanz.
Ich möchte in einer Welt leben, die Empathie, Kooperation und Fürsorge für andere stärker wertschätzt. Ich glaube fest daran, dass es Minderheiten, Tieren und letztlich der gesamten Gesellschaft besser ginge, wenn wir lernen würden, denen mehr Rücksicht und Mitgefühl entgegenzubringen, die anders sind als wir!
Anne: "The Radiant Crown" erscheint am 5. November, mehrere Singles gehen dem Album voraus. Ihr habt euch mit Sangham in diesem Jahr live viel Momentum aufgebaut. Wie sieht der Rest von 2026 für euch aus? Wo soll diese Band stehen, wenn der Albumzyklus vorbei ist?
Chris: In der zweiten Jahreshälfte 2026 konzentrieren wir unsere Energie auf die Veröffentlichung des Albums und auf das Booking für die Saison 2027. Die Singles, die wir jetzt veröffentlichen, helfen uns dabei, uns nach der Pause durch unsere Besetzungswechsel neu vorzustellen und diese neue Inkarnation von Sangham zu präsentieren.
Auch die Musikvideos spielen eine wichtige Rolle. Sie sind wertvolle Werkzeuge, mit denen wir in der nächsten Booking-Saison auf Festivals zugehen können. Unser Ziel ist einfach: "The Radiant Crown" auf so viele Bühnen wie möglich zu bringen und das Album mit einem möglichst großen Publikum zu teilen.
Anne: Christelle, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, all diese Fragen zu beantworten. Das bedeutet mir unglaublich viel. Bitte halte mich über alles auf dem Laufenden, was noch kommt, und ich wünsche dir und der ganzen Band viel Erfolg mit "The Radiant Crown" und allen Plänen, die vor euch liegen!
Chris: Vielen Dank! Die Arbeit, die du machst, ist wirklich wertvoll. Ich freue mich sehr, dass ich deine Fragen beantworten durfte und wir uns über diese Themen austauschen konnten, die uns so am Herzen liegen!



