"Vegan zu leben hat für mich alles verändert"

Jordan von HamaSaari über Progressive Rock und Veganismus

Anne

Interview von Anne
30.04.2026 — Lesezeit: 7 min

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"Vegan zu leben hat für mich alles verändert"
Bild/Picture: © HamaSaari

Gegründet im Jahr 2021, vereint HamaSaari aus der Nantes-/Les-Mans-Region Jordan Jupin an Gesang und Gitarre, Axel Vaumoron an der Gitarre, Jonathan Jupin am Bass und Élie Chéron am Schlagzeug. Die Band veröffentlichte ihr Debütalbum "Ineffable" am 3. März 2023 über Klonosphere Records und legte Anfang 2026 mit ihrem zweiten Album "Pictures" nach. Ich hatte jetzt endlich die Gelegenheit, mit Jordan über Musik, das Leben und seine Entscheidung, es vegan zu leben, zu sprechen. Das Ergebnis ist nicht nur ein Interview. Es ist eine Erinnerung daran, dass wir alle die Werte, die durch HamaSaaris Musik fließen, Sensibilität, Intention, eine stille Aufmerksamkeit für die Welt, im Alltag vergessen sollten. Und dass sie keinesfalls im Widerspruch stehen zu verspielter, progressiver Musik.

HamaSaari sind die Architekt*innen eines Klangs, der gleichzeitig gewaltig und filigran ist. Aus jeder seiner Poren strömt der Geist des Progressive Rock. Inspiriert und begeistert von Bands wie Porcupine Tree und Karnivool formen sie ihre Musik mit Bedacht und Präzision und führen uns beim Anhören durch eine Welt aus Musikalität und Sinnsuche. Aus der Auflösung von Shuffle hervorgegangen, hat HamaSaari eine ruhigere und melancholischere Stimme gefunden. Ihre Musik bewegt sich wie ein aufziehendes Gewitter. Sie beschwört Bilder von Regen, der über einen dunklen, bewölkten Himmel bricht, bevor sie sich in etwas unglaublich Hoffnungsvolles auflöst.

"Wir möchten uns auf das fokussieren, das wirklich zählt"

Anne: Hi Jordan! Wie geht es dir? Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst!

Jordan: Hi Anne, mir geht es sehr gut, danke. Ich hoffe, es geht dir auch gut. Danke, dass du dir die Zeit nimmst!

Anne: HamaSaari ist aus der Asche von Shuffle entstanden. Was hat sich dieses Mal anders angefühlt, und was bedeutet der neue Name für dich persönlich?

Jordan: Mit HamaSaari wollten wir an den Ursprung zurückgehen und uns auf das konzentrieren, was wirklich zählt. Was treibt uns an? Einfach Musik zu spielen, mit echter Aufrichtigkeit.

Der Name ist vom finnischen "hämärän saari" inspiriert, was so viel bedeutet wie "Insel der Dämmerung". Der Moment zwischen Licht und Dunkelheit und umgekehrt.

Anne: Euer neues Album "Pictures" ist draußen. Herzlichen Glückwunsch! Kannst du mich durch den kreativen Prozess führen? Gab es einen bestimmten Moment, in dem du wusstest: Das ist das Album, das wir jetzt machen müssen?

Jordan: Danke! Wir sind wirklich glücklich damit!

Wir haben gejammt und Ideen und Inspirationen geteilt. Das Ziel war nie, uns einzuschränken, sondern Dinge auf verschiedene Weisen zu erkunden. So viel wie möglich zusammenzuspielen, um die Atmosphäre einzufangen.

Wir haben das Glück, in meinem Zuhause arbeiten zu können, das als Vintage-Studio eingerichtet ist. Im Wohnzimmer, mit Mikrofonen an allen Instrumenten, haben wir jede Session aufgenommen und dann die besten Takes ausgewählt, um die Arrangements zu formen.

Anne: Du hast erzählt, euer Sound sei "eine Flut von Regentropfen, die in einem Lichtkranz der Hoffnung gipfelt". Ich finde, das trifft es ausgezeichnet. Wie bewusst baut ihr diesen emotionalen Bogen auf? Ist das etwas, das ihr plant, oder entsteht es im Studio?

"Wir wollten nicht zu viel nachdenken"

Jordan: Ich glaube, das kommt aus diesem langen kreativen Prozess. Wir haben versucht, nicht zu viel nachzudenken und stattdessen alle möglichen Kombinationen zu erkunden. Manchmal haben wir einfach gespürt, wann es die Richtige war. Dann haben wir Arrangements hinzugefügt, um die Harmonie und den Rhythmus klarer zu machen und dabei eine Struktur beibehalten, die uns geholfen hat, loszulassen und nicht im Kopf zu bleiben.

Anne: Progressive Rock ist ein Genre, das viel Geduld einfordert. Sowohl von den Musikerinnen und Musikern, die ihn machen, als auch von denen, die ihn hören. Was bedeutet dieses langsame, bewusste Schaffen für dich, und wie prägt es die Art, wie HamaSaari schreibt?

Jordan: Ja, das Ziel ist es, frei von Regeln zu sein. Also erkunden wir viele verschiedene Richtungen, um die richtigen Schwingungen und Gefühle zu finden.

Wir wollen Musik spielen, die den tieferen Teil von uns selbst berührt. Also müssen wir über die Oberfläche hinausgehen.

Anne: Gibt es Texte oder klangliche Momente auf eurem neuen Album, die du als das Persönlichste betrachten würdest, das ihr je veröffentlicht habt?

Jordan: Wir wissen nicht, ob es persönlich ist. Vielleicht stellen wir uns nur vor, mit einer Stimme zu singen, die von innen kommt.

Es ist uns egal, was oder wer "wir" in diesem Prozess sind. Vielleicht sind wir einfach die, die Musik mit dem Herzen spielen.

Es klingt vielleicht paradox, aber am Ende sind die Geschichten, die wir erzählen, nicht nur unsere eigenen. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum wir sie teilen.

Anne: Wir sind über das Thema Veganismus in Kontakt gekommen. Seit wann lebst du vegan? Wie würdest du diesen Moment in deinem Leben beschreiben? War es eher ein Wendepunkt oder ein längerer Prozess?

Jordan: Ich lebe seit 2020 vegan, und die anderen in der Band sind Vegetarier. Alles begann 2018 mit einem Freund (Dimitri aus meiner anderen Band Could Seed), der bei uns zu Hause veganes Essen gekocht und uns gezeigt hat, wie es geht. Dazu kam das wachsende Bewusstsein für die Wahrheit hinter dem, was auf unseren Tellern landet. Es hat mein Leben und meine Art zu kochen komplett verändert. Am Anfang war ich nicht sehr organisiert und noch nicht bereit, alle Veränderungen anzunehmen. Aber nach und nach wurde ich vollständig vegan und habe viele neue Rezepte entdeckt (lacht).

Anne: Wie sieht ein typischer Tag auf Tour für dich aus, was das Essen angeht? Hast du Überlebensstrategien oder unerwartet tolle Entdeckungen, die du teilen möchtest?

Jordan: Auf Tour haben wir immer eine Tasche dabei mit Brot, Hummus, Obst, Gemüse, Nüssen und getrockneten Tomaten. Alles, was wir finden können, um mittags an einem schönen Ort zu picknicken, wenn das Wetter mitspielt. Wenn wir Zeit haben, durch die Gegend zu laufen, suchen wir lokale Läden oder Bäckereien, um gute Sachen zu finden. Bei langen Fahrten halten wir bei Supermärkten wie Aldi oder Lidl. Das ist zwar industriell, aber wir finden dort immer alles, was wir brauchen.

Abends essen wir meistens eine warme Mahlzeit im Venue oder wir finden ein Restaurant. Leider dreht sich das lokale Essen wegen Lobbyisten und "Traditionen" oft um Fleisch und Käse. Aber zum Glück gibt es in libanesischen, griechischen oder Ramen-Restaurants immer eine vegane Option. Und in Deutschland oder den Niederlanden ist es wirklich einfach. Die Menschen vergessen, wie unkompliziert veganes Kochen ist.

Anne: Beeinflusst der Veganismus, wie ihr euch in der Musikindustrie bewegt? Also in Bezug auf Merch-Entscheidungen, die Logistik auf Tour, die Zusammenarbeit mit Labels und so weiter?

"Wir wollen allen Lebewesen gegenüber respektvoll sein"

Jordan: Ich weiß es nicht. Wir waren uns all dieser Dinge immer sehr bewusst. Plastik vermeiden und so respektvoll wie möglich gegenüber Tieren, der Umwelt und Menschen sein. Mit Einheimischen sprechen und sie unterstützen, neue Dinge ausprobieren, anstatt einfach dem zu folgen, was das Fernsehen uns sagt. Wir geben einfach unser Bestes, um coole Sachen zu finden, und das macht uns Freude!

Anne: Progressive Rock ist bekannt für seine treue Fangemeinde. Aber es ist nicht immer die politischste oder werteorientierteste Szene. Hast du dich jemals fehl am Platz gefühlt, wenn du deine vegane Haltung in diesen Raum eingebracht hast?

Jordan: Ja, mit der Piratenflagge zu segeln, ist nicht immer einfach.

Wir haben bemerkt, dass in der Musikindustrie und in der Welt im Allgemeinen Menschen Fahnen schwingen, die sie selbst nicht leben. Und viele Menschen wollen ihre "Traditionen" nicht ändern. Wir können sagen, dass es besser geworden ist als noch vor einigen Jahren. Auch, da viele Veranstalter*innen vegan kochen. In diesem Sinne freuen wir uns, zu sehen, wie sich die Dinge verändern.

Anne: Viele Menschen, die "ihre" Bands verfolgen, überdenken ihre eigenen Lebensentscheidungen wegen eines*r Künstlers*in, den sie bewundern. Wie fühlt es sich an, wenn Fans dir sagen, dass du sie dazu inspiriert hast, vegan zu werden?

Jordan: Das ist vielleicht eines der schönsten Dinge, die wir hören könnten. Wir spielen Musik, um einen positiven Geist zu teilen. Natürlich geht es auch darum, zu versuchen, das Dunkle ins Licht zu wandeln. Frieden und Liebe sind die Botschaft. Es tut gut, wenn Menschen diese Philosophie verstehen. Besonders in einer Welt, in der Fernsehnachrichten und Hollywoodfilme oft Krieg, Hass, Gewalt, Sexismus und Konsum fördern.

Anne: In meinem Interview mit Crippled Black Phoenix hat mir Justin Greaves erzählt, dass das Thema Veganismus auf Tour fast täglich zur Sprache kommt und die Menschen immer neugierig sind, aber die meisten den Gedanken beiseitelegen, sobald man weg ist. Erkennst du dieses Muster? Und was glaubst du, braucht es wirklich, um jemanden von "Ich bin neugierig" zu "Ich mache es" zu bringen?

Jordan: Du kannst Veränderungen nicht durch ein Gespräch erzwingen, und ich gebe zu, dass es lange gedauert hat, mich in diesem Punkt selbst zu verändern. Ich glaube, wir tragen das Erbe einer gewaltsamen Geschichte der Herrschaft in uns, und wir müssen akzeptieren, diesen Teil von uns loszulassen. Viele Menschen sind so sehr an das gebunden, was sie ihr "Ich" nennen, dass es unmöglich wird, eine wirkliche Entscheidung zu treffen.

Anne: Zurück zur Musik: HamaSaaris Sound wird als zugleich gewaltig und zart beschrieben. Wie haltet ihr diese beiden Dinge in der Spannung, ohne dass eines das andere verschluckt, besonders live?

"Wir müssen lernen, mit unseren Nachbarn zu leben"

Jordan: Unsere Musikgeschmäcker sind wirklich kontrastreich. Diese Kontraste öffnen Tore zwischen Dimensionen (lacht). Wir lieben es, wie Musik einen packen und transportieren kann.

Anne: Was hoffst du, tragen Menschen noch sechs Monate nach dem ersten Hören von "Pictures" noch in sich?

Jordan: Der Vater meiner Partnerin hat mir kürzlich erzählt, dass er sich nicht so wohl gefühlt hat und Schlafprobleme hatte. Er hat mir erzählt, dass er nachts Zeit damit verbracht hat, das Album zu hören, sich dabei glücklich gefühlt hat und wieder einschlafen konnte. Dieses Album ist das schönste Geschenk, das wir machen können. Wir hoffen einfach, dass Menschen es nutzen können, um sich wohlzufühlen.

Anne: Wenn du eine Sache auf der Welt verändern könntest: Was wäre es und warum?

Jordan: Vieles (lacht). Wir müssen noch lernen, mit unseren Nachbarn zu leben. Vielleicht sind unsere Ängste da, damit wir die Dinge verstehen und nach innen schauen, anstatt uns von ihnen niederhalten zu lassen.

Wenn die Menschen sich die Zeit nehmen könnten, durchzuatmen, anstatt einander wegen äußerer Ideologien oder "Traditionen" zu bekämpfen, würden wir weniger leicht in die Falle tappen, die Lobbyisten und Politiker für den industriellen Profit aufstellen. Es hängt alles zusammen.

Anne: Vielen Dank, dass du meine Fragen beantwortet hast! Es war mir eine Freude, mit dir zu sprechen!

Jordan: Danke, Anne! Es war mir Ehre, unsere Gefühle und unsere Musik mit dir zu teilen. Lass es dir gut gehen!

HamaSaari feat. Christelle Ratri – "Frames"

HamaSaari réinvente la puissance en douceur dans Les Sessions Olinfact

HamaSaari – "Bleak"

HamaSaari – "Crumbs"

HamaSaari – "Lost in Nights"

HamaSaari – "Pictures"

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