"Be kind to every kind"
Bernd von BRUECKEN über "years that answer"
Interview von Anne
16.07.2026

Vorsicht: Wenn ihr einmal den typischen Post-Rock-Synth-Sound aus Oldenburg im Ohr habt, kommt ihr aus der Nummer so schnell nicht wieder raus. Mir ist das irgendwann 2023 passiert, als ich mir das MMTH-Album "Infinite Heights" für Sounds Vegan vorgeknöpft habe. Damals haben mich vor allem die spannenden Synth-Schichten ziemlich sofort in ihren Bann gezogen. Was ich zu dieser Zeit noch nicht wusste: Einer der Menschen, die dafür maßgeblich verantwortlich sind, würde mir schon kurze Zeit später mit einem anderen Projekt wieder begegnen. Einige ahnen es vielleicht schon: Es geht hier um BRUECKEN. Willkommen zurück, Bernd Frikke! Moin! Ich habe mich mit dem Musiker über Musik und Veganismus ausgetauscht. Überraschung: Er lebt nämlich genau wie ich vegan!
Seit 2023 spielt Bernd Synths bei BRUECKEN. Das Oldenburger Projekt gibt es schon seit rund zehn Jahren. Gegründet im Fahrwasser von Bands wie Fjørt, The Tidal Sleep und Thrice, verloren BRUECKEN früh ihren Sänger und Bassisten Jan Wiethölter. Ein Schicksalsschlag, der die Band veränderte. Sie kehrten als rein instrumentales Post-Rock-Projekt zurück und veröffentlichten 2019 "Schall und Raum" und 2022 "Innere Unruhen" über Moment of Collapse Records. 2023 kam dann Bernd dazu. Mit seiner Ankunft in der Besetzung aus Florian Alemi, David Barteczko, Thorge Freidel und Jens Niehoff komplettierte er das Projekt und sorgte für eine neue Klangdimension.
Das Ergebnis ist das am 27. Februar 2026 via Moment of Collapse Records erschienene Album "years that answer". Der Titel der Platte ist einem Zitat der US-amerikanischen Schriftstellerin und Aktivistin Zora Neale Hurston entnommen: "There are years that ask questions, and years that answer." In einer Welt, die von Klimakrise, Krieg und zunehmendem Autoritarismus erschüttert wird, fragen BRUECKEN: Wie bewahrt man Hoffnung? Erstmals seit ihrer 2017er EP gibt es auf dem Album auch wieder Gesang zu hören. Gitarrist Thorge Freidel meldet sich auf "periapsis" mit einer einzelnen Stimme zurück. Im Finale "signs of springs" trifft er auf die Mehrstimmigkeit des Emder Kneipenchors. Ich hatte die Chance, Bernd einige Fragen zu stellen. Viel Spaß mit meinem Interview!
Anne: Bernd, schön, dass wir mal wieder sprechen! Als ich Ende 2023 "Infinite Heights" von MMTH für Sounds Vegan besprochen habe, habe ich natürlich noch nicht geahnt, dass wir uns beim nächsten Austausch über BRUECKEN unterhalten würden. Wie fühlt sich das an, mit diesen beiden Projekten unterwegs zu sein? Du bist ja multiinstrumental unterwegs und bist im einen Teil der Rhythmusgruppe und im anderen das Mastermind hinter den Synths! Wie gut, sich nicht für eins davon entscheiden zu müssen, oder?
Bernd: Hi Anne. Danke, ja, ich freue mich auch! Im Grunde fühlt es sich schon gut an, in diesen beiden Projekten beschäftigt zu sein. Ich würde mich allerdings eher weniger als "Mastermind hinter den Synths" bezeichnen. So richtig funktionieren beide Bands übrigens auch nicht wirklich parallel. Das habe ich relativ schnell realisiert. Man möchte ja nach Möglichkeit doch auch zu 100 Prozent bei der Sache sein, und das ist selbst mit Alltag, Partnerschaft und Beruf usw. schon schwer genug. Bis hierhin ist es gut aufgegangen, weil bei MMTH auch gerade ziemlich wenig los ist. Da darf der Fokus auch gerne auf BRUECKEN, also unserem neuen Album und unseren Konzerten, liegen.
Anne: Du beschreibst dich auf Bandcamp selbst als "naiven Keyboarder" bei BRUECKEN. Das meinst du noch nicht ernst, oder?
Bernd: Das ist komplett ernst gemeint, aber selbstironisch verpackt. Um aber ein wenig auszuholen, woher das kommt, springe ich mal zurück ins Jahr 2020. Damals drückte ich mit meinem langjährigen Freund und ehemaligen MMTH-Mitstreiter Jan Reno Haneborger beim Heimlich Manøver ganz naiv auf Tasten und drehte an Knöpfchen. Mit diesem, ich nenne es mal Ambient-Projekt, wollten wir ganz unbefangen Instrumente und Sounds ausprobieren. Sprich: Einfach ganz naiv antesten, was für Klänge und Töne herauskommen und wie sie sich auf minimalistische Art und Weise nach unserer Vorstellung zu Musik zusammenfügen lassen. Das ist eigentlich immer noch eine ganz interessante Herangehensweise, wie ich gerade feststelle.
Dadurch sind die Kollegen von BRUECKEN dann auf die Idee gekommen, mal bei mir anzufragen, ob ich es mir vorstellen könnte, das auch bei Ihnen zu tun. Bei meiner grundsätzlichen Herangehensweise ist es dabei auch geblieben, nachdem wir uns gemeinsam vergewissert haben, dass es auch im Bandkontext ohne es "wirklich zu können" gut funktionert.
Anne: Du bist 2023 zu BRUECKEN gekommen. War das nicht mitten in der laufenden Arbeit an "years that answer"? Wie war dieser Einstieg? Hat sich das Songwriting durch dich verändert, oder hast du dich eher in ein bereits bestehendes Gerüst eingefügt?
"Zora Neale Hurstons Worte haben sich uns eingeprägt"

Bernd: Mitten in der laufenden Arbeit stimmt nicht ganz. Die richtige und gezielte Arbeit an dem Album hat eigentlich erst 2024 angefangen und im Jahr 2025 haben wir es aufgenommen und produziert. Es gab aber durchaus vorher schon die ein oder andere Songskizze, die wir uns dann gemeinsam noch mal vorgenommen haben. Weitere Songs sind dann erst zusammen entstanden.
Anne: In eurer Pressemitteilung zum Album steht, dass elektronische Klänge und Synthesizer auf "years that answer" zu einem "eigenständigen und ausdrucksstarken Instrument im Songwriting" werden. Kannst du das an einem konkreten Moment auf der Platte festmachen?
Bernd: Also, nach meinem Gefühl gibt es da viele, weil ich ja auch genau weiß, was ich in jedem Song beigesteuert habe. Im Grunde ist es aber eigentlich schon direkt die schwebende Fläche am Anfang des Albums, bevor dann der Bass losbricht. Am konkretesten ist aber vermutlich der Song "Onward Transmission", der sowohl mit synthetischem Chor, als auch mit pulsierendem MS20-Synthie-Bass in den Song einleitet, das Tempo vorgibt und maßgeblich zur Atmosphäre des Songs beiträgt.
Anne: "years that answer" habt ihr nach einem Zitat von Zora Neale Hurston benannt:
"There are years that ask questions, and years that answer."
"Es gibt Jahre, die Fragen stellen und Jahre, die antworten."
Wann und wie ist dieser Satz aufgetaucht? Wer hat entschieden: "Okay, der passt perfekt zu uns!"
Bernd: David ist über das Zitat gestolpert und hat es mit in den Songwriting-Prozess eingebracht. Wir waren irgendwie alle sofort von der Kraft und Überzeugung, die in diesen Worten liegt, berührt und überzeugt. Durchzuhalten, weiterzumachen und die Hoffnung nicht aufzugeben, ist für die Band BRUECKEN schon immer ein roter Faden gewesen. Daher passte es auch einfach zu gut. Wir haben dann noch ein bisschen mehr über den Kontext und die Autorin recherchiert, und dann war uns gemeinsam sehr bald klar, dass es einfach der Albumtitel sein muss.
Anne: Wollt ihr mit der Platte die auf der Hand liegende und zugleich drängende Frage stellen, wie wir uns unsere Hoffnung bewahren können in Zeiten von Klimakollaps, Krieg und autoritären Regierungen? Habe ich das richtig in Erinnerung? Hat die Arbeit am Album die Frage für euch persönlich ein Stück weit beantwortet oder bleibt sie auch nach ihrer Veröffentlichung offen?
"Die meisten Menschen wollen nur in Frieden leben"
Bernd: Ich würde sagen, teils, teils. Ich für meinen Teil habe in den vergangenen Jahren unter anderem in der Stärke durch die Gemeinschaft und durch den Zusammenhalt vielleicht nicht direkt Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit erhalten, aber dennoch das Gefühl bekommen, dass der Großteil der Menschen doch eigentlich nur in Frieden leben möchte. Die Jahre, welche Antworten geben werden, oder anders: welche zeigen werden, wohin es mit uns gehen könnte, lassen aber wohl noch auf sich warten.
Anne: Erstmals seit eurer 2017er EP ist wieder Gesang auf einer BRUECKEN-Veröffentlichung zu hören (Thorges Stimme am Ende von "periapsis" und der Emder Kneipenchor im Finale "signs of springs"). Was gab den Ausschlag, nach Jahren instrumentaler Musik diesen Schritt zu wagen?
Bernd: Ich könnte mir vorstellen, dass es sich für Thorge tatsächlich wie ein großer "Schritt" angefühlt hat. Für jemanden wie mich jedoch, der erst nach der Veröffentlichung des Debütalbums "Schall und Raum" (und damit auch nach dem Ableben des vormaligen Sängers Jan und dem damit verbundenen Mitgliederwechsel) dazu gestoßen ist, war das natürlich nicht so eine große Sache. Ich kann mich noch gut erinnern, als Thorge die erste Skizze vom Outro von "Periapsis" als Demo an uns schickte und es sich für mich gleich richtig anfühlte. Ohne den Vocal-Take war das Outro in meinen Augen nämlich immer noch zu leer. Gut also, dass Thorge sich getraut hat. Er setzt seine Stimme nämlich auch wunderbar als weiteres Instrument und Stilmittel in unserer Musik ein und macht sie damit für mich noch vollständiger.
Anne: Der Emder Kneipenchor auf "signs of springs" ist eine ungewöhnliche Wahl und einfach nur supercool. Wie kam es zu der Zusammenarbeit? Ich kann mir vorstellen, dass so ein Kneipenchor klanglich und emotional einiges mitbringt. Floss der Sound ganz natürlich in euren doch eher post-rockigen Sound ein oder war das eine Challenge?
"Die Vocals sollten das Album rahmen"
Bernd: Die Idee für den Gesang im ersten Stück hat im Prinzip das Tor für weitere Gesangspassagen geöffnet. "Sings of Spring" stand recht schnell als Kandidat für den Abschluss im Raum. Dann kam mir die Idee, das Album mit Vocals zu rahmen. Dieser ruhige Teil vor dem Finale war schon da und bot in meinen Augen eine Steilvorlage, um einen Chor draufzulegen. Ich sage es mal so: Wir mussten uns noch trauen, das auch auszuprobieren, da das natürlich ziemlich schnell ziemlich kitschig werden kann. Welchen Chor wir dann fragen, war im Grunde auch klar, da ich zu dem Zeitpunkt selbst im Emder Kneipenchor mitgesungen habe.
Der Aufnahmeprozess war dann vielleicht schon eine kleine Challenge, aber das hat unser Thorge sehr gut gemeistert.
Anne: Die Lyrics von "signs of springs" enden mit den Zeilen:
"This is not a given paradise / But we still can shape it more alike."
"Das ist kein gegebenes Paradis / Aber wir können es immer noch so formen, dass es mehr dazu wird."
Ich finde diesen Satz ziemlich einprägsam. Keine Flucht in Resignation, aber auch nicht der Versuch, Hoffnung zu verkaufen. Was liegt für euch in diesem Satz?
Bernd: Geschrieben hat diese Zeilen zwar Thorge, aber ich kann dir sagen, was sie mir bedeuten und was sie in mir auslösen: Sie geben mir einen Hoffnungsschimmer. Gleichzeitig macht es bei mir eine Art Gemeinschaftsebene auf. Ein "Zusammen können wir das schaffen". Das gibt mir ein wohliges Gefühl davon, dass eben noch nicht alles verloren ist, wenn wir alle an einem Strang ziehen.
Anne: Jan Oberg hat die Drums im Hidden Planet Studio in Berlin aufgenommen. Das Studio ist ziemlich bekannt. Dort haben auch schon The Ocean und Earthship aufgenommen. Wie war es, dort zu arbeiten?
"Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht"
Bernd: Da war ich leider nicht dabei. Ich meine aber, mich zu erinnern, dass die Arbeitsatmosphäre recht positiv gewesen sein soll und Jan recht fokussiert war, um einen guten Drum-Sound für unser Album einzufangen.
Anne: Den Rest habt ihr in Eigenregie produziert. Wie kam es zu dieser Aufteilung? Hat sie sich auf das Ergebnis ausgewirkt?
Bernd: Im Prinzip haben wir tatsächlich aus der Not eine Tugend gemacht: Wir hätten uns in dem Jahr (aufgrund der unterschiedlichen beruflichen und privaten Situationen und der räumlichen Distanz) nur schwer auf einen gemeinsamen Zeitraum für einen längeren Studioaufenthalt einigen können. Dieser flexiblere Ansatz und das Plus an Zeit ermöglichten es uns, alles in kleinen Arbeitsgruppen auszuarbeiten und aufzunehmen. Im Studio muss man sich doch einfach mehr beeilen. Thorge hatte zudem während des ganzen Prozesses den Überblick, aber auch die Verantwortung. Ich würde schon sagen, dass sich das positiv auf das Ergebnis ausgewirkt hat, vor allem in Bezug auf den Sound.
Anne: Roland Wiegner, der für den Mix verantwortlich ist, hat unter anderem mit The Hirsch Effekt und Ahab gearbeitet. Magnus Lindberg, der das Mastering übernommen hat, kennt man von Größen wie Cult of Luna, Russian Circles und Refused. Wie war die Zusammenarbeit? Hat es sofort gefunkt?
Bernd: Ursprünglich war tatsächlich sogar noch jemand anderes für den Mix eingeplant. Zu dieser Zusammenarbeit kam es dann aber doch nicht und wir können wirklich froh sein, dass Roland die Kapazitäten hatte, unsere Platte zu mischen. Er hatte, glaube ich, schon einen recht guten Eindruck davon, wohin die Reise gehen könnte, da wir bei ihm das ReAmping der Gitarren- und Bassspuren gemacht haben. Ich glaube, ich persönlich habe nach all den Jahren und meinen unterschiedlichsten Erfahrungen mit Produzenten und Mixing Engineers noch nie so wenig zu beanstanden gehabt. Er hat einfach aus dieser irren Anzahl an Spuren direkt herausgehört, was wichtig ist und wie es alles ausgewogen in einen Mix passt. Total klasse. Das Mastering war dann eigentlich nur das i-Tüpfelchen. Die Zusammenarbeit war einfach und fokussiert. Auch hier kamen wir ziemlich schnell zu einem Ergebnis und nach einer Revision hatten wir dann auch schon das Master, was man jetzt hören kann.
Anne: Ihr beschreibt euch selbst als "atmospheric energetic instrumental". Auf den ersten Blick wirkt das vielleicht widersprüchlich, aber ich finde es auch sehr aussagekräftig. Wie haltet ihr diese Spannung zwischen Ruhe und Energie im Songwriting aufrecht, ohne dass eines der beiden überwiegt oder ihr euch nur noch auf eine der beiden Seiten fokussiert?
Bernd: Nach meiner Erfahrung in dieser Band entsteht das schon aus der Summe aller einzelnen Bandmitglieder heraus. Die unterschiedlichen Hörgewohnheiten, Vorlieben und Erfahrungen, die jeder einbringt, ergeben in der Summe ein spannendes Potpourri. Zudem muss ich auch sagen, dass sich das keineswegs ausschließt. Energetische Musik kann ja durch eine gewisse Dringlichkeit durchaus eine Atmosphäre aufmachen, die in dem Fall zwar keine Ruhe, aber doch Spannung mit sich bringt und den Hörer im besten Fall dadurch fesselt.
Es gibt da aber keine festen Absprachen für Anteile von Ruhe und Energie auf einem BRUECKEN-Album. Die Ausgewogenheit kommt dann wohl am Ende auch aus uns heraus, vielleicht durch eine Art Harmoniebedürfnis?
Anne: Ihr habt "years that answer" mit einer ausgedehnten Release-Tour durch Deutschland, Prag und Wien begleitet. Findest du, dass die Musik noch eine weitere Ebene bekommt, wenn sie das Studio und den Proberaum verlässt?
"Die Visuals auf der Bühne sorgen live für eine weitere Ebene"

Bernd: Absolut, ja. Vor allem, weil wir live mit passenden Visuals für die Songs arbeiten, die dann ebenfalls eine weitere Ebene öffnen. Auch das Publikum und die Reaktionen spielen eine Rolle. Erst live kommt dann wirklich alles zusammen. Das hat auf der Tour auch wirklich toll funktioniert und fand Anfang Mai seinen Höhepunkt, als wir im Bremer Schlachthof das Hellseatic Festival eröffnen durften, wo später am Abend z. B. Crippled Black Phoenix gespielt haben.
Anne: BRUECKEN gibt es seit gut zehn Jahren. Die Band hat seither viele Hochs und Tiefs überlebt, Besetzungswechsel und leider auch den Tod eures ursprünglichen Sängers und Bassisten Jan Wiethölter. Ihr habt gesagt, "years that answer" zeuge von einer Band, die "den Blick in die Vergangenheit nicht scheut, und trotzdem mit Zuversicht nach vorn schaut." Wie präsent ist diese Bandgeschichte für euch und auch für dich als relativ "frisches" Mitglied, wenn ihr heute zusammen Musik macht?
Bernd: Das ist eine ziemlich schwierige Frage für mich. Ich weiß von den anderen natürlich, was sie durchgemacht haben, und habe auch das Gefühl, dass sie das sicherlich irgendwie verändert hat. Dass es diese Band aber aller widrigen Umstände zum Trotz noch gibt und sie ihr drittes Album veröffentlicht hat, zeigt für mich diesen dringlichen Willen zum gemeinsamen Musikmachen. Ansonsten ist die Bandgeschichte aber nicht unbedingt so präsent für mich. Ich erlebe unsere Gemeinschaft als Band überwiegend im Hier & Jetzt.
Anne: Kommen wir nochmal zu einem ganz anderen Thema. Ich habe gehört, dass du wie ich vegan lebst, und da kann ich mir ein paar Fragen natürlich nicht verkneifen. Ich habe in den Jahren, in denen ich Sounds Vegan betreibe, inzwischen viele vegane Musiker*innen interviewt. Justin Greaves von Crippled Black Phoenix hat mir im Interview gesagt:
"Es geht nicht um die Ernährung! Es geht darum, wie wir mit Tieren umgehen!" Soundsvegan
Wie siehst du das? Wie würdest du deine persönliche Haltung beschreiben? Vegan for the Animals? Wann wurdest du vegan?
"Kognitive Dissonanz zu sehen, lässt mich den Glauben an die Vernunft der Menschen verlieren"
Bernd: Diese Aussage sagt absolut alles. Je mehr ich diese kognitive Dissonanz bei dem Durchschnitts-Fleischesser wahrnehme, desto mehr verliere ich den Glauben an die Vernunft der Menschen.
Anne: BRUECKEN positionieren sich auf Bandcamp klar gegen alle Formen von Diskriminierung. Der Satz "Musiclovers unite against fascism!" ist mir sofort positiv aufgefallen. Könnte da in Zukunft auch noch ein "… and for animal rights!" dazukommen?
Bernd: Ich würde es mir wünschen, ja. Bei den Visuals zu "Sings of Spring", die ich beisteuern durfte, konnte ich mir ein abschließendes Standbild mit "Be kind to every kind" nicht verkneifen. Ehrlicherweise denke ich aber auch manchmal, dass es sinnvoller ist, sich auf einzelne Themen zu fokussieren, es gäbe ansonsten so viel Für oder Gegen das man eintreten sollte, was im Einzelnen dann auch mal überfordernd wirken kann.
Auf der anderen Seite finde ich aber auch, dass sich gerade beim Thema Veganismus viele Verschränkungen zu anderen Bereichen, wie z. B. Umverteilung von Reichtum oder Feminismus, ergeben können.
Anne: Ja, das ist definitiv so. Sie begegnen mir in meiner Arbeit täglich und werden gefühlt immer mehr. Ich habe sogar direkt ein schönes Beispiel für dich: Der vegane Touralltag ist ja gerne so ein Thema für sich. Die Fleischesser*innen mögen meist die veganen Optionen lieber und dann bleibt manchmal kaum noch ein Stück Tofu übrig. Ist das bei euch auch so? Oder essen ohnehin alle Gemüse und es gibt gar kein Fleisch?
"In unserer Szene wird oft schon fast ausschließlich vegan gekocht"
Bernd: In den Gefilden, in denen wir uns bewegen (DIY-Kultur) wird beim Thema schon häufig inklusiv gedacht und es wird fast ausschließlich vegan gekocht. Wir haben auf der Tour jetzt auch erlebt, dass im Vorfeld abgefragt wurde. Das Catering beim Hellseatic Festival in Bremen, bei dem wir in diesem Jahr mit BRUECKEN spielen durften, ist nahezu komplett auf vegan umgestellt.
Was unterwegs aber halt auch nicht ausbleibt, ist, dass man sich zwischendurch auch mal selbst was organisiert, und da ist die App "Happy Cow" mein bester Freund.
Anne: Oh, da sagst du was. Wie oft mich diese App einfach unterwegs schon gerettet hat!
Ich finde, das Thema "Hoffnung bewahren", um das sich "years that answer" dreht, lässt sich ja auch auf den Tierrechtsaktivismus übertragen. Auch er ist eine Bewegung, in der man Hoffnung manchmal nur schwer finden kann. Gibt es da für dich eine Verbindung?
Bernd: Ich habe die Verbindung jetzt nicht so präsent gehabt, da ich zugeben muss, selbst jetzt nicht der größte Tierrechtsaktivist zu sein. Klar, ich lebe selbst eigentlich nur aus tierethischen Gründen vegan. In meinem beruflichen und privaten Alltag habe ich zwar schon fast andauernd den Austausch. Ich arbeite in einer Grundschule, da sind die Unterhaltungen schon wirklich spannend. Wenn ich da könnte, wie ich wollte, wäre die Hoffnung hier auch am besten aufgehoben. Kinder sind kognitiv noch nicht so verdreht, wie Erwachsene und würden, wenn man sie ehrlicher über die Empfindungs- und Leidensfähigkeit von Tieren aufklären würde, bestimmt nahezu alle entscheiden, lieber vegan zu leben.
Anne: Wenn du eine Sache auf der Welt verändern könntest. Was würdest du dir aussuchen und warum?
Bernd: Eine einzige Sache? Das ist verdammt schwer! Für mich wäre es wohl, dass sich alle Menschen nur noch vegan ernähren. Aber wenn wir ehrlich sind, ist das leider eher nicht das größte Problem auf der Welt.
Anne: Wie sehen denn eure Pläne für die nächsten Monate aus? Wenn du Bandgeheimnisse verraten möchtest, ist jetzt der richtige Zeitpunkt!
"Wir planen, im November mit Noorvik zu spielen"
Bernd: Es gibt da keine großen Geheimnisse, leider. Im November wollen wir noch mal für ein Wochenende zwei Konzerte mit unseren Freunden von Noorvik spielen. Das Besondere an diesen Konzerten wird sein, dass meine Frau Sandra für unseren Bassisten Jens einspringt und wir beide somit die Chance bekommen, mal eine Bühne zu teilen. Wobei wir auch zusammen einen neuen Kneipenchor gründen, das ist aber nicht das Gleiche.
Außerdem werden das dann die ersten beiden Konzerte als festes Mitglied an der Gitarre für Patrick (Büch, HYPERTONUS/MMTH), der auf Tour schon für Dave eingesprungen ist.
Darüber hinaus kann ich vielleicht auch schon mal droppen, dass es nächstes Jahr sogar auch schon wieder etwas Neues auf die Ohren geben wird. Mehr verrate ich aber noch nicht.
Anne: Danke, dass du dir die Zeit genommen hast! Es war mir eine Freude!
Bernd: Ich danke dir vielmals für die Gelegenheit, mich hier zu wirklich überaus interessanten Fragen auslassen zu dürfen.



