Lynette von Bestial Mouths über "Dead Lines", Veganismus und Empathie
"Wenn Empathie unbequem wird, hat sie etwas zu bedeuten"

Letzte Woche habe ich den Fehler gemacht, "Dead Lines" nebenbei laufen zu lassen, während ich Rechnungen schreiben wollte. Ich gebe es offen zu: Viele Rechnungen habe ich nicht geschafft. Bestial Mouths reißen mich zuverlässig aus jeder abgestumpften Routine, und auf diesem Album richtet Lynette diese Kraft direkt gegen die Systeme, die uns ohnmächtig fühlen lassen. Die Songs handeln von Körpern, über die andere bestimmen wollen, von Trauer und von dem leisen Wunsch, einfach zu verschwinden. Trotzdem besteht das Album darauf, dass wir so nicht leben müssen.
Musikalisch gilt es als die direkteste Platte, die Bestial Mouths seit 2009 gemacht haben. Ihre dunkle Elektronik ist wie für volle, verschwitzte Clubs gemacht, denn Brants Produktion beißt und klingt zugleich angenehm poliert. Da ist ein Song auf Spanisch, der seine Krallen zurückfordert, und ein Sample von Alexandria Ocasio-Cortez in einem Goth-Song, womit ich ehrlich gesagt nicht gerechnet hatte. Weil das hier Sounds Vegan ist und ihr wisst, worum es hier geht, wollte ich vor allem wissen, wie weit Lynettes ihren Begriff von Ausbeutung fasst. So viel sei schon mal verraten: Bei der menschlichen Spezies hört er nicht auf. Ihre Antwort gehört zu den klarsten, die ich je von Musiker*innen zu hören bekommen habe. Hier kommt mein Interview für euch. Viel Freude beim Lesen!
Anne: Glückwunsch zu eurem neuen Album "Dead Lines". Es ist perfekt geworden! Ihr eröffnet die Platte mit einer Beschwörung statt mit einem Slogan. In "Chord" singst du:
"I am the weaver / Weaving the Thread of life / A tapestry of doom"
und dann
"You have no right / We have no rights ... Cut the cord."
Du startest also mit Mythos und Ritual statt mit etwas offensichtlich Politischem. Warum habt ihr euch dazu entschieden, ein so direktes und konkretes Album auf diese Weise zu eröffnen? Und warum ist die Stimme, die das Leben webt, ausgerechnet auch die, die sagt: "we have no rights"?
"Bevor etwas politisch wird, muss es menschlich sein"

Lynette: Bei Bestial Mouths ging es für mich schon immer um Rituale und bevor etwas politisch wird, muss es menschlich sein: Angst, Begehren, Überleben, Trauer, Wut, all das Chaotische, das wir in unseren Körpern tragen. Ich wollte die Platte so eröffnen, dass die Hörer*innen zuerst in diesen Raum versetzt werden, wie bei einer Anrufung. Die Weberin steht für Schöpfung, aber Schöpfung ist nicht unbedingt schön. Man kann etwas weben, das zur Falle wird. Daher kommt der Widerspruch zwischen "I am the weaver" und "we have no rights". Uns wird ständig gesagt, wir hätten Handlungsmacht und seien für unser eigenes Leben verantwortlich, während gleichzeitig so vieles in der Welt darauf ausgelegt ist, uns genau diese Handlungsmacht zu nehmen. Und "you have no right / we have no rights" verschiebt diese Perspektive. Es ist die Erkenntnis, dass die Systeme, in denen wir leben, allen das Gefühl geben können, enteignet zu sein. Wer entscheidet, was wir haben dürfen, wer wir sein dürfen, wessen Körper wem gehört, wessen Stimme zählt?
Diese Fragen sind politisch, aber sie sind auch uralt. Deshalb wird die Sprache mythologisch. "Cut the cord" heißt: Erkenne, was dich bindet, und versuche, es zu durchtrennen. Erkenne, dass du nicht immer weiter am selben Kreislauf teilnehmen musst. Wir müssen so nicht leben.
Anne: Bestial Mouths gibt es seit 2009, und du hast miterlebt, wie die Dark-Electronic-Szene einen Trend nach dem anderen durchlaufen hat, ohne dass du je einem hinterhergelaufen bist. Die Presse nennt "Dead Lines" eure bisher "polierteste und zugänglichste" Platte, und gleichzeitig ist sie eure politischste. Fühlt sich das direkteste, am leichtesten zugängliche Bestial-Mouths-Album nach sechzehn Jahren wie ein Höhepunkt an oder wie ein Bruch mit dem, was das Projekt bisher war? Und wen sollen diese Platte finden, die die früheren vielleicht verpasst haben?
"Es geht um Verbindung"
Lynette: Bei Bestial ging es uns immer um Wachstum und Bewegung und darum, das zu erschaffen, was in unserer Seele steckt, statt dem zu folgen, was um uns herum passiert. Ich wollte nie zweimal dieselbe Platte machen, aber ich will auch nicht aufgeben, was Bestial so sehr zu Bestial macht. Ich wollte, dass die Emotionen und die Worte direkter durchkommen. Ich habe schon früher darüber gesprochen, dass die Leute die Reise in den Vocals hören und sich über ihre eigenen Erfahrungen mit der Geschichte verbinden sollen, und das ist immer noch ein großer Teil dessen, was ich mache. Die Produktion ist zwar polierter, aber dennoch nicht weichgespült. Da steckt immer noch eine Menge Wut, Spannung, Verletzlichkeit und Hässlichkeit drin. Es wird nur so vermittelt, dass es hoffentlich mehr Menschen erreicht.
Die politische Seite fühlt sich für mich nicht getrennt von der persönlichen an. Ich habe immer aus gelebter Erfahrung geschrieben, aus Schmerz und Trauma. Inzwischen kann ich diese Erfahrungen unmöglich von den größeren Systemen und Bedingungen trennen, die sie hervorbringen. In diesem Sinne ist "Dead Lines" gemeinschaftlicher geworden. Es geht um das Gefühl, unter Dingen gefangen zu sein, die viel größer wirken als man selbst, aber auch darum, sich zu weigern, das als einzig mögliches Ende hinzunehmen.
Und wer die Platte finden soll: ehrlich gesagt alle, die sie brauchen! Leute, die noch nie etwas von Bestial Mouths gehört haben, Leute, die sich irgendwo in diesen Songs wiedererkennen. Es geht um Verbindung.
Anne: "Hiss" klingt wie das Informationszeitalter, das in Echtzeit verrottet:
"Subsets of actors / In this post-reality",
"Progress is fragile / As seeds become venom",
"Emblem of cult."
Wie schreibt man einen Protestsong, wenn die gemeinsame Realität, an die sich Protest normalerweise richtet, selbst in viele Einzelne zersplittert ist? Und wen oder was hattest du bei "emblem of cult" im Sinn?
"Fortschritt ist nicht automatisch gut, nur weil wir ihn Fortschritt nennen"
Lynette: In "HISS" geht es darum, was passiert, wenn die Bedingungen für eine gemeinsame Realität zusammenbrechen, wenn sich Hass durch eine Kultur verteilt und man kaum noch sagen kann, wo persönliche Qual aufhört und die Maschinerie, die sie erzeugt, anfängt. Alle werden in Untergruppen und Fraktionen aufgeteilt, Identität wird zur Performance. Das meine ich mit "post-reality". Alle leben in einer anderen Version desselben Aufruhrs, und man kann sich nicht einmal mehr auf gemeinsame Fakten berufen, weil alles durch das gefiltert wird, woran sich jemand bereits festgeklammert hat. Der Song schaut also auf die Krankheit unter dieser Zersplitterung.
"Progress is fragile" ist wichtig, weil Fortschritt nicht automatisch gut ist, nur weil wir ihn Fortschritt nennen. Er kann trotzdem eine weitere Generation von Toxizität hervorbringen. Das ist der zyklische Teil des Songs: Das Gift wird vererbt. "Emblem of cult" ist kein geheimer Name für eine bestimmte Person. Ich habe eher allgemein daran gedacht, wie Menschen und Ideen zu Symbolen für kollektiven Hass oder Zugehörigkeit werden können. Ein Kult kann politisch, religiös oder sonst etwas sein. Entscheidend ist der Mechanismus aus Hingabe und Spaltung, wenn das Emblem oder Symbol wichtiger wird als die Menschen darunter. "HISS" versucht, mitten in diesem Widerspruch zu sitzen und ihn unübersehbar zu machen.
Anne: "Garras" ist der wildeste Moment des Albums. Auf Spanisch forderst du:
"Dame mis garras / Devuélveme mis garras" (gib mir meine Krallen, gib sie mir zurück)
und du singst:
"We are all immigrants / On these stolen lands ... We are all damned."
Von wem forderst du deine Krallen zurück? Und warum hast du für diesen Song Spanisch gewählt?
"Es war immer größer als eine einzelne Person"

Lynette: Die Krallen stehen für instinktive Selbstverteidigung und Handlungsmacht. Man wird mit ihnen geboren, bevor das Leben versucht, einem die Krallen zu ziehen. Sie sind ein Symbol für das, was Menschen verlieren, um in diesen Systemen zu überleben. Wenn ich also sage: "Gib mir meine Krallen zurück", ist das die Forderung, etwas wiederzuerlangen, das genommen oder unterdrückt wurde. Das richtet sich nicht an eine bestimmte Person oder Institution. Es kann sich gegen alles richten, was Menschen beibringt, ihrer eigenen Kraft zu misstrauen, oder sie von ihren Instinkten trennt. Und die Zeile "We are all immigrants / On these stolen lands" kommt daher, dass ich Geschichte in größerem Maßstab betrachtet habe: Vertreibung und Grenzen sind untrennbar mit der Geschichte unserer Spezies verbunden, und ich wollte diese Komplexität anerkennen. "We are all damned" bedeutet, anzuerkennen, dass wir alle die Folgen der Welten erben, die vor uns gebaut wurden.
Spanisch fühlte sich richtig an, weil der Song ein anderes emotionales Register brauchte. Verschiedene Sprachen tragen unterschiedliche Texturen und Geschichten in sich, und "Dame mis garras" zu sagen, hatte etwas Körperlicheres. Es knallt einfach mehr.
Anne: Seit 2018 ist Bestial Mouths dein "Soloprojekt", das ganz auf deiner Stimme aufbaut. "Dead Lines" dagegen hast du als "gemeinsam geschrieben" beschrieben, und Brant spricht davon, dass "wir alle bei Bestial Mouths" bei Protesten und in der Advocacy-Arbeit aktiv sind. Hattest du das Gefühl, dass du Bestial Mouths für eine Platte über gemeinschaftliche Solidarität wieder in eine echte Gemeinschaft verwandeln musstest, in eine Band statt eines Vehikels für eine einzelne Person? Was hast du dadurch gewonnen, und was musstest du als alleinige Urheberin aufgeben?
"Die Prämisse komplett verweigern"
Lynette: Ich habe Bestial nie nur als etwas gesehen, das größer ist als ich selbst. Auch als es technisch gesehen mein Soloprojekt war, gab es immer Mitwirkende, Produzentinnen, Musikerinnen, andere Künstler*innen und Menschen um mich herum, die es mitgeprägt haben. In diesem Sinne war es immer größer als eine einzelne Person. Brant ist einfach ein großartiger Mensch und Musiker, und das, was er produziert hat, hat den Songs einen weiteren Körper gegeben, durch den sie sich bewegen können. Das war für diese Platte wichtig, weil das Thema viel kollektiver geworden ist: Solidarität, Widerstand, Ausbeutung, Angst, die Art, wie Menschen gespalten werden, die Möglichkeit, diese Bedingungen gemeinsam zu verweigern. Es wäre seltsam gewesen, eine Platte über kollektives Handeln zu machen, bei der jede kreative Entscheidung von mir kommt. Es ist also auf eine andere Art persönlich.
Anne: "Choke" handelt unverkennbar von Macht über den Körper:
"Here / I was born a she / Punished for the air I breathe"
und der Refrain:
"You hold no real throne / Why do you dominate me."
Wenn ich richtig informiert bin, haben dich Mode und Aktivismus für Geschlechtergerechtigkeit zur Musik gebracht. 2026 gesungen, vor dem Hintergrund der Rückschritte bei reproduktiven Rechten und Trans-Rechten, klingt "punished for the air I breathe" schmerzhaft wörtlich. Wie viel von "Choke" ist autobiografisch? Und was bewirkt es, einem Unterdrücker "jeden echten Thron" abzusprechen, was bloße Wut auf ihn nicht bewirken würde?
Lynette: Da steckt definitiv Autobiografie drin, aber nicht in dem Sinne, dass jede Zeile ein bestimmtes Ereignis oder eine bestimmte Person beschreibt. Ich war mir mein ganzes Leben lang bewusst, was es bedeutet, sich in einem Körper durch die Welt zu bewegen, über den andere sich berechtigt fühlen zu bestimmen oder ihn zu beschämen. Damit setze ich mich in meiner Kunst schon lange auseinander. "Here I was born a she / Here punished for the air I breathe" ist bewusst sehr direkt. Es gibt Dinge, die man so früh und so oft erlebt, dass sie Teil der eigenen Identität werden, dass schon die bloße Existenz im eigenen Körper eine Provokation sein kann. Daher kommt das Würgen: Die eigene Existenz wird ständig eingeengt. Herrschaft setzt voraus, dass man die Autorität dessen anerkennt, der einen beherrscht. Wenn ich also sage: "You hold no real throne", nehme ich ihm diese Autorität weg. Ich sage: Du hast dir vielleicht eingeredet, dass du irgendein Recht hast, mich zu definieren oder zu kontrollieren, aber das stimmt nicht. Verweigere die Prämisse komplett.
Das ist mir wichtig, weil ich wollte, dass "Choke" den Moment enthält, in dem diese Beziehung zu bröckeln beginnt. "Why do you dominate me?" legt die Last dorthin zurück, wo sie hingehört. Und ja, die politische Realität rund um die Körper von Frauen lässt diese Worte schmerzhaft aktuell wirken. Ich habe mich im Aktivismus für reproduktive Rechte engagiert und gesehen, wie leichtfertig Rechte, für die Menschen unglaublich hart gekämpft haben, als verhandelbar behandelt werden. Das ist ein Grund, warum ich das Persönliche und das Politische nicht als getrennte Dinge sehe. Unsere Körper sind politisch, solange andere Menschen und Institutionen versuchen, über sie zu entscheiden.
Anne: Der Großteil von "Dead Lines" ist für verschwitzte, volle Clubs gemacht, aber "Sillk" bremst auf 90 bpm herunter und wendet sich nach innen:
"How I wish to wash away / How I wish to waste away",
"Bird who has no song",
"My rapture is imminent / My rupture is imminent."
Auf einem Album, das sich dagegen wehrt, ausgelöscht zu werden, klingt dieser Song nach dem persönlichen Wunsch, zu verschwinden. Warum gehört dieser Moment der Kapitulation auf diese Platte? Und wie verhinderst du, dass ein Song über den Wunsch, zu vergehen, gegen das Beharren des Albums arbeitet, dass "we don't have to live like this"?
"Manchmal ist da kein Kampfschrei. Manchmal ist da kaum eine Stimme"
Lynette: Widerstand ist kein Dauerzustand. Wenn du erschöpft bist, wenn du verschwinden willst und keine Energie hast, dagegen anzukämpfen, ist das auch berechtigt. Diese Gefühle gehören zur selben Realität. Das ist die Stimme, die sich Erleichterung wünscht, nicht mehr überwältigt zu werden, nicht ständig kämpfen zu müssen. Deshalb ist auch die Bildsprache so zerbrechlich: der Vogel ohne Lied, die sich auflösenden Fäden, "rupture" und "rapture", Bruch und Entrückung. Manchmal hast du keinen Kampfschrei. Manchmal hast du kaum eine Stimme.
Anne: Ich möchte dir gerne eine Frage stellen, die den Leser*innen von Sounds Vegan möglicherweise besonders am Herzen liegt. Deine Bildwelt ist zentral für Bestial Mouths, und du hast in "Resurrectedinblack" schon einmal "vegane Lederaccessoires" in deiner Garderobe erwähnt. "Dead Lines" macht Empathie politisch und nimmt Systeme der Ausbeutung und Extraktion ins Visier. Reicht diese Haltung auch über den Menschen hinaus zu den Tieren, die in derselben Maschinerie der Ausbeutung gefangen sind? Und prägt sie, was du trägst und isst und was nicht? Oder ist das eine Linie, die du lieber offen lässt, damit die Hörerinnen sie selbst ziehen?
"Sie sind Teil derselben Ausbeutungsmaschinerie"
Lynette: Für mich waren diese Dinge nie getrennt. Man kann nicht über Ausbeutung und Extraktion sprechen und dann beschließen, dass Tiere außerhalb dieser Debatte existieren. Sie sind Teil derselben Ausbeutungsmaschinerie. Ich bin seit langer Zeit vegan, und ich sehe das nicht nur als Ernährungsentscheidung. Genau das frustriert mich über die Jahre sogar zunehmend. Essen ist ein Teil davon, aber Tiere werden auch für Kleidung, Unterhaltung, Forschung, Kosmetik und alle möglichen schrecklichen Dinge benutzt. Die größere Frage ist für mich, warum wir die Vorstellung akzeptieren, dass ein anderes Lebewesen eine Ressource ist, die existiert, damit wir sie nutzen.
Das beeinflusst definitiv, was ich trage und kaufe. Die Bildwelt von Bestial ist wichtig, aber ich will nicht, dass diese Ästhetik davon abhängt, dass ein Tier dafür getötet wurde. Deshalb siehst du vegane Materialien und Accessoires in unserer Bildsprache. Man kann die Dunkelheit, die Rüstung, die Verwandlung und all das trotzdem haben, ohne den Körper eines anderen zu brauchen, um es möglich zu machen. Es beeinflusst natürlich auch, was ich esse, aber ich finde, wenn man sich nur auf Essen konzentriert, wird die Debatte kleiner, als sie sein müsste. Die ethische Frage ist viel größer als das, was auf deinem Teller liegt. Es geht um unsere Beziehung zu anderen Tieren und darum, ob wir bereit sind, aufzuhören, sie als ausbeutbare Ressourcen zu behandeln. Das hängt sehr direkt mit "Dead Lines" zusammen. Wenn ich über Systeme singe, die Menschen zu Waren machen, oder über Extraktion und Herrschaft, kann ich nicht so tun, als würden diese Gedanken an der Grenze der menschlichen Spezies haltmachen. Empathie muss etwas bedeuten, wenn sie unbequem wird, sonst ist sie nur ein Wort, das wir auf eine Platte schreiben.
Ich erwarte nicht, dass alle, die Bestial Mouths hören, am selben Punkt ankommen wie ich, aber ich hoffe, dass die Platte die Leute dazu bringt, einige der Strukturen zu hinterfragen, die man ihnen als normal beigebracht hat, und dazu gehört auch, wie wir mit Tieren umgehen. Das ist alles Teil derselben Debatte.
Anne: "Deadening" macht aus seinem Titel einen Befehl:
"Stop this deadening / We don't have to live like this"
und enthält ein Sample von Alexandria Ocasio-Cortez. Bestial Mouths hat immer mit Abstraktion und Bildern der Leere gearbeitet, also ist es ein großer Schritt, eine reale, lebende, polarisierende US-Politikerin in einen Goth-Song zu holen. Warum war AOC die richtige Stimme dafür? Und machst du dir Sorgen, Musik, die zeitlos wirken soll, an einen bestimmten politischen Moment zu binden, der später veralten oder einen schalen Beigeschmack bekommen könnte?
"In der realen Welt passieren Dinge, für die es keine Metapher braucht"
Lynette: Ich habe ihre Stimme verwendet, weil ich mich irgendwann nicht mehr hinter Abstraktion verstecken wollte. Bestial hatte immer eine sehr symbolische Sprache, und ich liebe diese Welt, aber "Dead Lines" ist aus einer viel unmittelbareren Lage heraus entstanden. In der realen Welt passieren Dinge, die keine Metapher zwischen sich und den Hörer*innen brauchen. Diese bestimmte Rede, der Gedanke hinter "we don't have to live like this", wurde so etwas wie das Rückgrat des Songs: zu erkennen, wie abstumpfend all diese Systeme wirken, die uns einreden, dass die Bedingungen, unter denen wir leben, unvermeidlich sind. Ich wollte, dass eine echte menschliche Stimme dazwischengeht und sagt: Nein, das ist nicht unvermeidlich.
Ich wollte nicht, dass das Sample den Song zu einer Unterstützungserklärung für eine Politikerin macht oder Bestial in eine politische Kampagne verwandelt. AOC ist eine bekannte zeitgenössische politische Stimme, und dieser Wiedererkennungswert ist ein Teil dessen, was dem Sample Gewicht gibt. Es versieht den Song mit einem Zeitstempel: Das passiert jetzt echten Menschen. Wir reden nicht über irgendeine erfundene Dystopie. Ich habe kein Problem damit, dass die Platte von ihrer Zeit geprägt ist. Manche der kraftvollsten politischen Musikstücke sind tief in den Umständen verwurzelt, aus denen sie entstanden sind, und die Emotion überdauert, weil die Umstände ihre Form verändern, statt zu verschwinden.
Anne: Das ganze Album kommt immer wieder auf die Angst zurück, ausgelöscht zu werden, und "Shuttered" klingt wie die Trauer, die sich unter dieser Angst verbirgt:
"I lost hold / In this maze",
"I wear you in the dust / on the language of",
"the scent of eternity ... well of souls."
Es wirkt fast so, als würde man die Toten mit sich tragen. Ist Erinnern, also sich weigern, Menschen vergessen zu lassen, auf einer Platte über Systeme, die "darauf ausgelegt sind, uns auszulöschen", eine eigene Form des Widerstands? Wen trägst du in "Shuttered" mit dir?
"Im Erinnern steckt eine absolute Form des Widerstands"
Lynette: Erinnern ist absolut eine Form von Widerstand, gerade wenn so vieles um uns herum darauf ausgelegt ist, Menschen im Rauschen und in der Geschichte verschwinden zu lassen. Sich an jemanden zu erinnern heißt, sich zu weigern, die Existenz dieses Menschen auf das zu reduzieren, was ihm passiert ist. "Shuttered" ist in diesem Sinne sehr persönlich. "I wear you in the dust" handelt von dem, was von einem Menschen an dir haften bleibt, auch wenn du ihn nicht mehr erreichen kannst. Ich will keine einzelne Person nennen und den Hörer*innen vorgeben, wen sie darin sehen sollen. Manche der Menschen, die ich mit mir trage, gehören zu mir, und manche gehören zu einer größeren, kollektiven Erfahrung von Verlust. Diese Uneindeutigkeit ist mir wichtig. Du sagst die Namen weiter, auch wenn du es nur in dir selbst tust. Der Tod ist nichts Schönes oder Romantisches. Wenn wir jemanden weitertragen, tragen wir sein Leben weiter. Und das wird zu einer eigenen Art des Überlebens. Für beide.
Anne: Du hast "Dead Lines" einen gemeinsamen Marsch und eine Absage an den Nihilismus genannt, ein Album für volle Räume und gemeinsame Befreiung. Aber eine große kathartische Show kann auch einfach nur Dampf ablassen. Die Leute schreien, fühlen sich für einen Abend besser, gehen nach Hause, und nichts ändert sich wirklich. Was sollen die Leute also mitnehmen, wenn der Song endet und sich der Raum leert? Was soll aus all der geteilten Wut werden?
"Du brauchst nicht abzustumpfen, um zu überleben"
Lynette: Es geht eher darum, dieses Gefühl der Isolation zu durchbrechen und sich daran zu erinnern, dass das, was du erlebst, nicht nur in dir passiert. Vieles von dem, worüber ich schreibe, ist dieser Kreislauf, in dem persönliche Qual von den Systemen und Kulturen getrennt wird, die sie erzeugen, und wir dann ermutigt werden, diese Wut gegen uns selbst oder gegeneinander zu richten. Ich möchte, dass die Show das für einen Moment unterbricht, wenn du mit all diesem Frust in einen Raum kommst und merkst, dass andere ihn auch mit sich tragen. Ich hoffe, die Leute nehmen diese Erkenntnis mit nach Hause, ein bisschen mehr Klarheit darüber, worüber man wütend ist und wohin diese Wut gehen kann. Vielleicht heißt das, etwas zu verweigern, von dem man dir gesagt hat, dass du es hinnehmen musst, oder jemandem den Rücken zu stärken. Oder vielleicht heißt es einfach, sich daran zu erinnern, dass du nicht abstumpfen musst, um zu überleben. Die Wut zählt, aber das Ziel sind Handlungsmacht und Verbindung.
Anne: Wenn du eine Sache auf der Welt ändern könntest, was würdest du wählen und warum?
Lynette: Die Art, wie wir miteinander umgehen. Ich würde den Kreislauf, in dem Angst und Hass weitergegeben werden, wirklich durchbrechen. Ich würde wollen, dass Menschen einander erkennen können, statt sofort nach einem Feind zu suchen. Wenn man das ändern könnte, hätten viele andere Dinge die Chance, sich mitzuverändern.
Anne: Was steht als Nächstes bei dir an?
Lynette: Im Moment arbeite ich an neuen Musikvideos und an unserem Remix-Album zu "Dead Lines", bereite die Tour vor, mache mehr von meinem Upcycling-Schmuck Ruin To Rune, verbringe Zeit mit meinen Hunden und schaffe es vielleicht irgendwann, mich mal richtig auszuruhen.
Danke für deine einfühlsamen Fragen!



