Im Gespräch mit Esco über die Single "rosarot"
"Unser Song steht sinnbildlich für alle Formen der Massentierhaltung"
Interview von Anne
13.05.2026

Vorsicht: Dieser Song lässt euch so leicht nicht wieder los! Nicht nur wegen seines eingängigen Hooks, sondern vor allem auch, weil er zum Nachdenken anregt. Wenn ihr erstmal wisst, worum es geht, gibt es kein Entkommen mehr. Esco aus Mecklenburg-Vorpommern machen seit 2014 kritischen und direkten Alternative-Rap und bringen die Bühnen mit ihrem Sound zum Glühen. Mit "rosarot" legt das Duo einen Song vor, der auf industrielle Lachsfarmen, Massentierhaltung unter Wasser und die Frage aufmerksam machen soll, warum wir, wenn es um Grausamkeit gegenüber Tieren geht, immer so lange wegsehen, bis uns endlich ein Licht aufgeht.
Eric war im Rahmen eines Projekts sogar selbst vor Ort und hat sich in Norwegen, in den Aufzuchtanlagen , ein genaues Bild gemacht. Er hat gesehen, was hinter den beliebten rosaroten Fischgerichten steckt, die weltweit auf den Tellern landen. Der Titel ist daher alles andere als Zufall: "rosarot" ist das deutsche Idiom für eine Wahrnehmung, die lieber beschönigt als hinsieht. Und genau darin liegt der Punkt des Songs. Ich hatte die Möglichkeit, Eric und Thomas einige Fragen zu stellen. Viel Spaß mit meinem Interview!
Anne: Eric, ihr macht seit 2014 Alternative-Rap. Direkt aus dem Herzen Mecklenburg-Vorpommerns. "rosarot" klingt nach einem vollkommen neuen Kapitel. Was hat dich persönlich dazu gebracht, einen Song über industrielle Lachsfarmen zu schreiben?
Eric: Ich bin vor einem Jahr im Rahmen eines Nachhaltigkeitsprojektes in Norwegen gewesen. Dort haben wir Einblicke in ein Lachsschlachthaus und die dort ansässigen Lachsfarmen bekommen. Was ich dort gesehen habe, ging mir lange nicht aus dem Kopf. Mir war klar, dass ich das verarbeiten muss, um etwas anzustoßen.
Anne: Du warst selbst in norwegischen Lachsfarmen und Schlachtereien. Was hast du dort konkret gesehen, das dich so bewegt hat, dass du es in Musik umwandeln musstest?
Eric: Ich habe gesehen, wie viele Fische trotz bescheinigtem "schnellen Tot ohne Schmerzen" seitens der Fabrik, nach dem Tötungsprozess noch weiter lebten und viele Strapazen durchlaufen mussten. Des Weiteren habe ich in den Lachsfarmen Einblicke in die Haltung der Fische bekommen. Es war schnell zu sehen, dass dort viel zu viele Tiere auf bedeutend zu wenig Platz waren. Das hat neben den unglaublich schlechten Lebensbedingungen für die Lachse auch einen großen Einfluss auf das gesamte Ökosystem drumherum. Vor allem die Unmengen an Kot, die dort ständig abgesondert werden, sind für den Ozean punktuell schwer zu verarbeiten.
Anne: Der Titel "rosarot" ist ein deutsches Idiom für eine beschönigte Weltwahrnehmung. Inwiefern spielt diese Bedeutungsebene im Song eine Rolle?
"Viele negative Dinge fallen uns erst viel zu spät auf"

Eric: Durch die "rosarote Brille" die wir gern aufhaben, wenn wir verliebt sind, nehmen wir auch Dinge, die uns später eventuell missfallen, zunächst als positiv wahr oder aber sie fallen uns immerhin nicht negativ auf, da andere noch größere positive Dinge überwiegen. Viele essen sehr gern Lachs und beschäftigen sich wenig damit, was dort dahintersteckt, da der Geschmack erst mal überwiegt und der eigene Genuss im Vordergrund steht. Schaut man aber hinter die Industrie, verliert der Fisch vielleicht für den einen oder anderen an Geschmack, weil durch das Wissen dahinter die Ernüchterung eintritt. Hinzu kommt noch, dass das Lachsfleisch rosarot ist und das in Verbindung mit seiner Konsistenz einer der Gründe für seine Beliebtheit bei vielen Fischessern ist.
Anne: Ihr habt zuletzt mit "Kauf dies, kauf das" von der Konsumkritik her bereits gesellschaftliche Themen angesprochen. Ist "rosarot" der konsequente nächste Schritt in diese Richtung, oder fühlt sich das für euch nach einem Bruch an?
Thomas: Es fühlt sich keineswegs nach einem Bruch für uns an, da wir in einem Großteil unserer Songs ohnehin kritische Themen anreißen, hinterfragen und nicht zuletzt auch damit versuchen, ein gewisses Bewusstsein zu schaffen. Manchmal direkt, manchmal auch auf eine sarkastische Art, aber nie ohne unsere eigene Meinung.
Anne: Wie habt ihr musikalisch entschieden, welcher Sound zu einem Thema wie Massentierhaltung passt? Was wollt ihr bei den Menschen, die den Track hören, auslösen?
Thomas: Uns war bereits im Vorfeld klar, dass der Grundcharakter zu "Rosarot" schon schwer verdaulich sein darf. Immerhin besitzt die Thematik an sich eine Schwere, die wir musikalisch abbilden wollten. Das Feedback, das wir bereits erhalten haben, spiegelt genau das wider. Ein hartes Thema ohne "Happy End" und ein Sound, der das nochmals unterstreicht. Wir denken, dass genau diese Mischung für einen Aha-Effekt und im besten Fall zum Reflektieren über die eigene Denkweise zu diesem Thema sorgen kann. Musik ist da einfach ein ausgezeichnetes Mittel, um Menschen zu erreichen.
Anne: Welche Konsequenzen habt ihr für euer Leben daraus gezogen, was ihr gesehen habt?
Eric: Ich ernähre mich schon viele Jahre vegetarisch, konsumiere auch nur ab und an einige Milchprodukte. Aber auch dort gibt es viele Leidensprozesse, durch die Kühe oder andere Tiere gehen müssen. Auch das ist mir erst bewusst geworden, nachdem ich mich tiefer damit beschäftigt habe. Nun sind auch Milchprodukte nicht mehr in meinem Einkaufskorb zu finden. Außerdem, losgelöst von der tierischen Ausbeutung, habe ich gelernt, dass es sich immer lohnt, Dinge zu hinterfragen, die selbstverständlich oder allgegenwärtig erscheinen.
Thomas: Ich ernähre mich nicht ausschließlich vegetarisch oder vegan, aber ich habe in den vergangenen Jahren ein Bewusstsein entwickelt, was mich zunehmend auf Ersatzprodukte und generell zu Alternativen gebracht hat (die ich auch einfach nicht mehr missen möchte), Tendenz steigend. Zu Hause wird ohnehin vegetarisch, teilweise auch vegan, gekocht. Das liegt unter anderem auch daran, dass ich es liebe, verschiedene "Länderküchen" auszuprobieren. In den allermeisten Fällen lande ich dann ohnehin bei fleischlosen Gerichten. Milchprodukte sind ebenfalls bei mir schon seit Jahren durch Hafer und Soja ersetzt worden.
Anne: "rosarot" steht laut deiner Beschreibung sinnbildlich für alle Formen der Massentierhaltung. Warum habt ihr die Lachsfarm als konkretes Bild gewählt und nicht ein System, das in Deutschland sichtbarer ist?
"Massentierhaltung braucht mehr Sichtbarkeit!"
Thomas: Ich denke, dass ein großer Teil von uns die ganzen Bilder aus Haltungsanlagen vor Augen hat. Fischfarmen, Aufzuchtanlagen in Aquakultur und ähnliche Haltungsformen sind uns allen ebenso bekannt, aber gefühlt nicht greifbar. Vielleicht weil alles unter Wasser stattfindet und das ohnehin eine "andere Welt" ist? Zumindest fühlt es sich manchmal so an. Weil diese Massentierhaltung nicht weniger Sichtbarkeit erhalten darf, haben wir uns speziell für diese Form entschieden, um auch gleichzeitig den Schwenk auf alle Arten der Massentierhaltung zu bekommen.
Anne: Ihr kommt aus Rostock, einer Küstenstadt mit einer langen Geschichte in der Fischerei und Schifffahrt. Hat dieser lokale Kontext den Song mitgeprägt?
Thomas: Oh, das ist eine spannende Frage. Natürlich sind die von dir genannten Bereiche historisch verankert und vielleicht haben sie auch unbewusst eine Rolle beim Songwriting gespielt :).
Anne: Wie geht ihr selbst mit dieser Kultur bei euch vor Ort um?
Thomas: Klar verbindet man Küstenregionen automatisch mit Fischerei und Seefahrt. Ich bin erst neulich wieder an einem Denkmal um die Ecke vorbeigelaufen: "40 Jahre Hochseefischerei Rostock-Marienehe" (1950-1990). Als Kind und generell im Jugendalter war es auch einfach normal für uns, dieses Bild davon zu haben. Über die Jahre hat sich dies jedoch stark gewandelt. Vor allem was die Fischerei angeht. Es gibt gefühlt nur noch eine Handvoll Menschen, die Fischerei ausüben (in unserer Region). Die Gründe dafür sind verschieden: kein lukratives Geschäft mehr und nicht zuletzt auch aufgrund zurückgegangener Bestände. Leider reflektiert man so etwas auch erst später, wenn es fast schon zu spät ist. Auch die eigentliche Seefahrt als solche ist bei uns natürlich mittlerweile auch auf einen großen Teil an Kreuzfahrten zurückzuführen. Das sind alles Dinge, die uns nachdenklich stimmen.
Anne: Wie sind die Reaktionen auf "rosarot" bisher?
"Wir wollen das Publikum bewusst auch mit unangenehmen Themen befeuern"
Thomas: Es ist interessant zu sehen, wie Menschen mit diesem Thema, vorwiegend auf Basis unseres Songs, umgehen. Bei so einem Inhalt kann man natürlich nie genug Reaktionen erhalten. Wir sind aber froh, dass der Song so gut aufgenommen wurde und sich viele dadurch so krass mit dem Thema auseinandergesetzt haben (und es nach wie vor noch tun). Wir haben dazu wirklich viele Nachrichten und Kommentare erhalten. Und das zeigt uns, dass wir anscheinend einen guten Kurs gefunden haben.
Anne: Ihr habt als Support für Acts wie Curse und Sharaktah vor großem Publikum gespielt. Wie verändert sich das Gefühl, wenn ein Song nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich etwas Unbequemes in den Raum stellt?
Thomas: Es ist immer eine Art Experiment. Aber die von dir genannten Acts sind nicht weniger kritisch, was es uns in gewisser Weise erleichtert, das Publikum auch mit unangenehmen Themen zu befeuern. Wir denken, dass so etwas auch mit einer gewissen Zielgruppe einhergeht, um kritische Inhalte platzieren zu können. Wir würden uns auch sehr schwer tun, auf dem Oktoberfest zwischen "Brezn" und "Hendl" Songs wie "Rosarot" in der Menge zu platzieren. Paradoxerweise wäre es dennoch der perfekte Ort, um Kritik anzubringen. Grundlegend ist es für uns auch immer spannend, die Reaktionen des Publikums einzufangen, sofern wir auf Events spielen, wo wir Acts und Publikum noch nicht so einschätzen können und am Ende dann überrascht werden von Aussagen wie: "Ich kannte euch bisher nicht, aber das, was ich musikalisch und textlich gehört habe, hat mich abgeholt!"
Anne: Was kommt nach "rosarot"? Bleibt das Thema Tierwohl und Konsum ein roter Faden in eurer weiteren Arbeit?
Thomas: Ob sich generell ein roter Faden zwischen den beiden Begriffen durchziehen wird, können wir bisher nicht sagen. Was wir allerdings spoilern können, ist, dass die kommenden Songideen nicht weniger kritisch sind. Und schauen wir uns die derzeitige geopolitische Lage an, dann gibt es leider genügend Futter für unsere Songs.
Anne: Vielen Dank, dass ihr meine Fragen beantwortet habt! Es hat mich gefreut, euch kennenzulernen. Haltet mich auf dem Laufenden und alles Gute für eure Pläne!



