Oslo Tapes: Interview zu "LÅST COMET"

Marco Campitelli über die Zusammenarbeit mit Ausnahmetalenten und die Entstehung des neuen Albums

Anne

Interview von Anne
03.02.2026 — Lesezeit: 7 min

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Oslo Tapes: Interview zu "LÅST COMET"
Bild/Picture: © Marco Campitelli

Als Marco Campitelli vor über einem Jahrzehnt zum ersten Mal nach Oslo reiste, löste das etwas in dem Musiker aus. Die karge Schönheit der norwegischen Hauptstadt, ihr Spiel von Licht und Dunkelheit und ihr avantgardistischer Geist hinterließen einen unauslöschlichen Eindruck auf seinem gesamten kreativen Weg. Aus dieser transformativen Erfahrung entstand Oslo Tapes. Seit der Veröffentlichung seines neuesten Albums "LÅST COMET" im November gehen mir diese zehn Songs nicht mehr aus dem Kopf. Schon beim ersten Hören wusste ich, dass ich Marco unbedingt einige Fragen dazu stellen musste. Glück für euch! Hier ist mein exklusives Oslo Tapes Interview!

Das Projekt verschob stetig und konsequent die Grenzen von Krautrock, Shoegaze und experimentellen Klanglandschaften. Seit der Veröffentlichung des Debütalbums "OT (un cuore in pasto a pesci con teste di cane)" im Jahr 2013, über das von der Kritik gefeierte "ØR" auf Pelagic Records 2021, bis zum introspektiven "Staring at the Sun Before Goin' Blind" 2023, hat Oslo Tapes einen einzigartigen klanglichen Raum erschaffen.

Jetzt kehrt Oslo Tapes mit "LÅST COMET" zurück und Marco legt damit sein bisher beeindruckendstes Werk vor. Veröffentlicht am 14. November 2025, markiert dieses Album ein spannendes neues Kapitel in der Entwicklung seines Projekts. Ich habe es hier vor Kurzem so beschrieben:

"zwischen rituellem Lärm und kosmischer Reflexion"

Die für das Album erweiterte Besetzung begeistert mit bemerkenswerten Kollaborationen mit Künstler*innen wie Emil Nikolaisen von Serena Maneesh und The Brian Jonestown Massacre, dem legendären Motorpsycho-Schlagzeuger Håkon Gebhardt sowie einem beeindruckenden Remix von Jeff Kim Schroeder (The Smashing Pumpkins). Produziert vom verlässlichen Amaury Cambuzat (faUSt, Ulan Bator), entstand "LÅST COMET" laut Marco "aus schlaflosen Nächten und Tagen voller Stimmungsschwankungen". Der Albumtitel, auf Norwegisch "Locked Comet", phonetisch aber ähnlich wie "Lost Comet" im Englischen, fasst die Dualität dieses faszinierenden Klangabenteuers perfekt zusammen.

10 Fragen an Oslo Tapes

Oslo Tapes – "LÅST COMET"Oslo Tapes – "LÅST COMET"

Anne: Marco, es ist wunderbar, dich wieder bei Sounds Vegan zu begrüßen! Seit unserem letzten Gespräch über "ØR" 2021 hast du "Staring at the Sun Before Goin' Blind" und nun "LÅST COMET" veröffentlicht. Wie hat sich dein kreativer Prozess über diese drei Alben hinweg entwickelt und was hat dich dazu bewegt, den "viszeralen und traumhaften" Klang zu erforschen, den du auf diesem neuesten Album erreicht hast?

Marco: Hallo Anne, danke für die Leidenschaft, die du in deine Texte steckst; ich folge deiner Seite schon lange und betrachte sie als eine meiner wichtigsten Referenzen beim Hören internationaler Musik. Zu deiner Frage: Ich würde sagen, dass sich der kreative Prozess über die von dir genannten Alben nicht wesentlich verändert hat. Ich glaube jedoch, dass es diesem neuesten Album gelingt, sehr träumerisch zu sein, obwohl es wenig Raum für lange, ausgedehnte Passagen gibt – ein Kontrast, den ich sehr spannend finde.

Anne: Was für ein großes Kompliment! Ich danke dir sehr herzlich! Das bedeutet mir sehr viel! Der Titel "LÅST COMET" ist faszinierend und sorgt bei mir sofort für Kopfkino. Ich kann mir so viel darunter vorstellen. Kannst du mir etwas über das konzeptionelle Gerüst der Platte erzählen? Wie spiegelt der Titel die Themen wider, mit denen du dich beschäftigst? Die norwegische Sprache scheint ja weiterhin zentral für deine künstlerische Identität zu sein.

Marco: Die Themen "tiefgreifender Verlust" und "sich an weit entfernten Orten verlieren" sind wiederkehrende Motive bei Oslo Tapes. Durch das Leben und die enge Zusammenarbeit mit unserer norwegischen Sängerin Emilie Lium Vordal habe ich die Bedeutung und Phonetik bestimmter norwegischer Wörter entdeckt. Daraus entstand ein Titel, der nur wirklich Sinn ergibt, wenn man auf den "Klang" der Wörter selbst hört. Das fasziniert mich zutiefst. Etwas Ähnliches passierte auch beim Album "ØR". Damals war es Emil Nikolaisen, der den Titel vorschlug und als eine Art spiritueller Führer fungierte.

Anne: Du hast dieses Album als aus "schlaflosen Nächten und Tagen voller Stimmungsschwankungen geboren" beschrieben. Wie übersetzen sich diese emotionalen Extreme in die Klangarchitektur von Tracks wie "Inhuman Witch" und "Lazarus Awaking"? Man spürt eindeutig eine rohe, ungefilterte Energie im Album.

Marco: Oh ja! Nach einer anfänglichen Phase, in der ich mit Songschreiben beschäftigt war, haben Stefano und ich etwa zwei Monate lang jede Nacht aufgenommen und dabei eine Geometrie für die Klangarchitektur dieses Albums geschaffen. Ich erinnere mich, dass uns das erschöpft hat, was unsere Stimmung am Tag beeinflusste. Wir haben generell sehr wenig geschlafen. Die von dir erwähnten Tracks liegen wirklich an entgegengesetzten Enden des Spektrums, sowohl in ihrer Platzierung auf dem Album als auch in ihrer Entstehung. "Inhuman Witch" wurde Instrument für Instrument mit großer Präzision aufgebaut, während "Lazarus Awaking" ein improvisiertes Stück ist, das von einer kreativen Dringlichkeit geprägt ist. Dazwischen fließt diese viszerale Energie, wie Blut in den Adern, durch jeden Track und hält das Album zusammen.

Anne: Die Zusammenarbeit mit Emil Nikolaisen und Håkon Gebhardt stelle ich mir außergewöhnlich und spannend vor. Die beiden sind Legenden der norwegischen und psychedelischen Rockszene. Wie kamen diese Kollaborationen zustande? Was fügten die Künstler*innen zu "LÅST COMET" hinzu? Inwieweit hob das das Album über das hinaus, was du ursprünglich geplant hattest?

Marco: Absolut! Håkon habe ich über einen Freund kennengelernt, Andrea Angelucci (langjähriger Mitwirkender von Oslo Tapes); ich habe ihn kontaktiert, und er war sehr offen dafür, mit uns zu arbeiten. Nach einigen Versuchen bei ein paar Tracks spielte er schließlich Gitarre bei "In Deep". Wir haben das Stück in seinem Studio aufgenommen.

Marco: Mit Emil war es eine andere Geschichte. Wir kennen uns seit Jahren und schreiben uns oft; ich hatte schon lange gehofft, mit ihm zusammenzuarbeiten, da ich ein großer Fan seiner Musik bin. Er blieb eine Woche bei mir, und wir stürzten uns tagelang in die Musik und hatten dabei viel Spaß. Mit ihm "verlor die Uhr jegliche Bedeutung" (lacht). Beim Arbeiten an mehreren Tracks konnte ich das Album zu einem kosmischeren, psychedelischen Klang hinführen, voller Layer und Fragmentierung. Es war eine wunderschöne Erfahrung, genährt von Einfachheit und Leidenschaft. Ich habe das Gefühl, viel von seiner Vision mit ihm zu teilen.

Anne: Jeff Kim Schroeders Remix von "Pyramid Shape" fügt dem Album noch eine weitere Dimension hinzu. Wie war es, ein Mitglied von The Smashing Pumpkins dein Werk neu interpretieren zu lassen? Wie verändert seine Version das Original und was zeigt sie über die verborgenen Schichten des Tracks?

Marco: Das war eine weitere Überraschung, die mir dieses Album geschenkt hat. Jeff ist ein herausragender Gitarrist, der mit The Smashing Pumpkins unglaubliche Klanglandschaften geschaffen hat. Ich teilte das Album mit ihm, und schon bald meldete er sich zurück, um einen Track zu dekonstruieren und einen Remix zu erstellen. Für mich war es ein großes Privileg, Jeffs einzigartigen Ton zu hören (den man auf seinem Soloalbum "Metanoia" voll genießen kann); ich glaube, er brachte eine deutliche "komische deutsche" Note in seine Version von "Pyramid Shape" (Jeff Kim Schroeder Remix) ein.

"Für mich ist jedes Album ein zuvor unerforschtes Gebiet"

Anne: Amaury Cambuzat ist von Anfang an euer Partner bei Oslo Tapes und hat auch "LÅST COMET" produziert. Wie hat sich eure kreative Beziehung nach über einem Jahrzehnt der Zusammenarbeit entwickelt? Wie bereichert er deine Vision?

Marco: Die Entwicklung war spontan und proportional zu unseren persönlichen Visionen. Dialog ist die Grundlage von allem, aber heute kennen wir vor allem auch die Eigenheiten des anderen sehr gut. Wir teilen unsere Neugierde und die Liebe dazu, ständig neue Lösungen zu suchen. Ich sehe all das als Zeichen großer Komplizenschaft, ein Merkmal, das ich für grundlegend halte. Es ist etwas, das man aufbaut. Dabei geht es um noch so viel mehr als um "Technik".

Anne: Beim Blick auf die Tracklist fallen bestimmte Titel sofort ins Auge: "Analemma", "Tribe Telepathy", "Bizarrå" und "Quasistar" zum Beispiel. Möchtest du mir einige dieser Titel näher beschreiben? Mich interessieren die klanglichen und konzeptionellen Reisen, für die sie stehen. Wie fließt das Album als Gesamterlebnis zusammen?

Marco: Die Titel repräsentieren Konzepte, die im gesamten Album kontinuierlich präsent sind. Es verschiebt sich von wissenschaftlichen Konzepten zu Paranormalem oder von tribalem Ritualismus zu Astronomie. Es gibt kontrastierende Elemente sowohl klanglich als auch in ihrer Bedeutung. Die Konstante ist, dass sie alle anthropologisch im Menschen vorhanden sind.

Anne: Du hast erwähnt, dass das Aufführen von Oslo Tapes "eine gute Portion Verrücktheit" von den beteiligten Musikern verlangt. Jetzt, wo "LÅST COMET" draußen ist, wie stellst du dir vor, diese Tracks live umzusetzen? Wird die erweiterte Besetzung und die Zusammenarbeit mit Gastmusiker*innen euren Ansatz auf Tour beeinflussen?

Marco: Natürlich muss diese gleiche Verrücktheit auch in das Live-Set zurückkehren. Wir machen die Kernelemente unserer Songs erkennbar und explizit, aber während des Konzerts gibt es immer etwas, das der Intensität, Energie und Emotion des Moments überlassen werden muss. Das ist, offen gesagt, das, was ich glaube.

Anne: Seit "ØR" habt ihr in renommierten Venues gespielt und wart unter anderem auf dem Roadburn Festival 2022 dabei. Wie haben diese Live-Erfahrungen deinen Ansatz bei der Erstellung von "LÅST COMET" geprägt? Würdest du sagen, dass die Reaktionen des Publikums die Richtung des neuen Materials beeinflusst haben?

Marco: Natürlich! Ich betrachte jede Live-Erfahrung als großartig und privilegiert, weil sie mir erlaubt, mich auszudrücken, genau das, was ich seit meiner Kindheit tun wollte. Speziell Roadburn war ein entscheidender Schritt, um zu erkennen, dass Horizonte unendlich sein können und dass Menschen da draußen aufgeschlossen sind, mit einem echten Wunsch, Leben zu teilen und zu feiern. Es ist wichtig, eine Verbindung herzustellen und zu verstehen, dass man jemandem aus einer vollkommen anderen Kultur ein kleines Stück seines Lebens geben kann. Musikalisch treibt es einen an, besser zu werden und diese Erfahrungen in den Kompositionsprozess einfließen zu lassen.

Anne: Mit Blick auf deinen Weg von dieser ersten einwöchigen Aufnahmesession 2013 bis zu diesem facettenreichen, international kollaborativen Projekt: Wohin wird es Oslo Tapes als Nächstes ziehen? "LÅST COMET" fühlt sich wie ein Höhepunkt und zugleich ein Neubeginn an. Welche unerforschten klanglichen Territorien rufen dich jetzt?

Marco: Es fühlt sich schon ziemlich verrückt an, wenn ich darüber nachdenke. Vor allem angesichts der Entwicklung, die dazwischen stattgefunden hat. Aber ich werde weiterhin dem natürlichen Prozess folgen, der mich all die Jahre geleitet hat. Ich tauche in einen Fluss aus Ideen und Gedanken ein und lasse die Instrumente sprechen. Du hast recht: Für mich ist jedes Album ein zuvor unerforschtes Gebiet. Es klingt vielleicht klischeehaft, aber gerade jetzt habe ich das Bedürfnis, "LÅST COMET" so oft wie möglich live zu spielen, und dann werde ich mich wieder in mein Studio einschließen, um neue Ideen zum Leben zu erwecken.

Oslo Tapes - "Inhuman Witch"

Oslo Tapes - "Analemma"

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