Antibiotika-Resistenz und industrielle Tierhaltung

Neue Nutztier-Studie wirft Fragen auf

Anne

Beitrag von Anne
02.04.2025 — Lesezeit: 7 min

Antibiotika-Resistenz und industrielle Tierhaltung
Bild/Picture: © Reve

Die wachsende Antibiotika-Resistenz könnte schon bald außer Kontrolle geraten – davor warnt jetzt eine neue Studie ausdrücklich. Der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung könnte laut der Forschenden bis 2024 sprunghaft ansteigen. Damit würde die Resistenz eine massive Bedrohung für die menschliche Gesundheit und für die weltweite Ernährungssicherheit bedeuten. Dennoch kommen die Forschenden zu einer abstrakten Schlussfolgerung, die ganz anders aussieht, als man zunächst vermuten könnte.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO)1 spricht davon, dass in der genannten Antimicrobial Resistance (AMR) eine der größten Bedrohungen unserer Zeit liegt. Bereits im Jahr 2019 war sie für das Versterben von 1,27 Millionen Menschen direkt verantwortlich. Sie habe innerhalb desselben Zeitraums zudem zu 4,95 Millionen Todesfällen beigetragen, so die WHO.

Antibiotika-Überdosierung wird zur akuten Bedrohung

Die Überdosierung sowie der Missbrauch von Antibiotika bei der Behandlung von Menschen, Tieren und Pflanzen sieht die WHO als die Haupttreiber für die Entwicklung resistenter Pathogene. Die Antibiotika-Resistenzen betreffen alle Regionen und Einkommensstufen. Ihre Ursachen und Folgen werden durch Armut und Ungleichheit noch verschärft, sodass Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen zuerst und am stärksten betroffen sind.

Viele der Ziele, die sich die moderne Medizin gesteckt hat, geraten durch die Resistenzen in Gefahr. Sie könnten die Wissenschaft um viele Jahrzehnte zurückwerfen. Infektionen werden durch sie schwieriger oder nicht mehr behandelbar, und medizinische Behandlungen wie operative Eingriffe, Krebstherapie und Entbindungen würden unter erschwerten Bedingungen stattfinden. Das Risiko, an derartigen Routine-Eingriffen zu sterben, würde massiv ansteigen.

Die Antibiotika-Krise zeichnet sich immer deutlicher ab

Die Welt sieht sich mit einer wachsenden Antibiotika-Versorgungskrise konfrontiert. In der Folge muss die Forschung immer schneller reagieren und neue Wege finden. Angesichts der immer weiter zunehmenden Resistenzen besteht dringender Bedarf an zusätzlichen Maßnahmen, um einen gerechten Zugang zu neuen und bestehenden Impfstoffen, Diagnostika und Arzneimitteln zu gewährleisten.

Neben der offensichtlichen Bedrohung kommt der erhebliche wirtschaftliche Faktor hinzu. Die Weltbank schätzt, dass die Antibiotika-Resistenz bis ins Jahr 2050 zusätzliche Gesundheitskosten in Höhe von einer Billion US-Dollar verursachen würde. Bis 2030 würde das zu Bruttoinlandsprodukt-Einbußen zwischen 1 und 3,4 Billionen US-Dollar pro Jahr bedeuten.

Für das Gesundheitswesen steht bei der Bekämpfung der Resistenzen natürlich die Verhütung von Infektionen, die zu einem hohen Einsatz von Antibiotika führen könnten, im Vordergrund. Hinzu kommen die Ermöglichung des allgemeinen Zugangs zu einer qualitativ hochwertigen Diagnostik und der angemessenen Behandlung von Erkrankungen, strategische Information und Entwicklung, die auch die Überwachung der Resistenzen einschließt – inklusive Verbrauch und Verwendung. Die Erforschung und Entwicklung neuer Impfstoffe, Diagnostika und Arzneimittel sind weitere Aspekte.

Tierhaltung als größter Treiber der Antibiotika-Resistenz-Krise

Wie BBC Science Focus2 berichtete, hat der umfangreiche Einsatz von Antibiotika in der Viehzucht die Nutztierbranche in den vergangenen Jahrzehnten verändert und zu Produktivitätssteigerungen geführt. Die Landwirtschaft reagierte damit auf die wachsende Weltbevölkerung sowie die stetig steigende Nachfrage der Menschen nach Lebensmitteln tierischen Ursprungs.

Die lange als Wundermittel gelobten Antibiotika werden präventiv dazu genutzt, Tiere gesund zu halten, Infektionen zu verhindern und damit auch die Wachstumsraten immer weiter zu steigern. In der Realität führt dieser Missbrauch der Medikamente (genau darum handelt es sich de facto bei der Zweckentfremdung von Antibiotika) sowohl bei Menschen als auch bei Tieren zu einer wachsenden Gesundheitskrise, die sich früher oder später nicht mehr stoppen lassen wird.

So reagiert die Politik

Als Reaktion auf die kaum noch aufhaltbare Katastrophe einigten sich führende Politiker*innen letztes Jahr beim High-Level Meeting on AMR3 während der 79. UN-Generalversammlung, den Einsatz antimikrobieller Mittel in der Agrar- und Ernährungswirtschaft deutlich zu reduzieren.

"Seit Alexander Fleming in einem Londoner Labor auf das Penicillin gestoßen ist, haben sich Antibiotika zu einer tragenden Säule der Medizin entwickelt und einst tödliche Infektionen in behandelbare und heilbare Krankheiten verwandelt.

Die antimikrobielle Resistenz droht diesen Fortschritt zunichte zu machen und ist damit zweifellos eine der dringendsten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit",

sagte der WHO-Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus4 zu dieser Zeit. Einer aktuellen in nature communications veröffentlichten Studie5 einer von Dr. Alejandro Acosta6 geleiteten Forschungsgruppe zufolge sieht es nicht gut aus. Der Viehwirtschaftsexperte von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) nimmt an, dass der weltweit übliche Einsatz von Antibiotika in der Viehzucht bis ins Jahr 2040 um fast 30 Prozent ansteigen könnte. Vorausgesetzt, die Entwicklung läuft weiter, wie gehabt – trotz der Zusagen aus der Politik, den Einsatz einzuschränken. Gegenüber BBC Science Focus sagte Alejandro Acosta:

"Ich glaube, dass sich die Gesellschaft an einem Scheideweg befindet. Einerseits müssen wir das Nahrungsmittelangebot erhöhen, um die wachsende Nachfrage nach tierischem Eiweiß zu decken. Andererseits müssen wir den Einsatz von antimikrobiellen Mitteln verringern."

Die Prognosen seines Teams zeigen, dass, wenn wir so weitermachen und sowohl der Viehbestand als auch die Intensität des Einsatzes von Antibiotika weiter im derzeitigen Tempo zunehmen, der Antibiotika-Verbrauch bis 2040 auf über 143.000 US-Tonnen jährlich ansteigen könnte. Die Forschenden gehen bei ihren Berechnungen von der Menge an Antibiotika aus, die pro Einheit "tierischer Biomasse" eingesetzt werden.

Wir müssen endlich aufhören, Fleisch zu essen und Getreide und Hülsenfrüchte für Menschen statt zur Fütterung von "Nutztieren" anbauen

Doch das ist nicht alles, was die Wissenschaftler*innen herausfanden. Im Team untersuchten sie verschiedene alternative Szenarien. Dabei stellten sie fest, dass bereits eine Verringerung des Einsatzes von Antibiotika um lediglich 30 Prozent in Verbindung mit Produktionsverbesserungen, die die gesamte Biomasse des Viehbestandes verringern, den erwarteten Anstieg der Antibiotika-Nachfrage ausgleichen könnte.

Hier wird es interessant, denn: Die Schlussfolgerung hieraus sollte ja eigentlich lauten, dass sich die Lage verbessert, wenn weniger Tiere gezüchtet und in der Industrie prophylaktisch mit Antibiotika behandelt werden, oder? Ergo: Wenn wir die Flächen, auf denen sich heute riesige Viehbetriebe und Plantagen für den Futtermittel-Anbau befinden, dazu nutzen, Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Gemüse und Getreide für den menschlichen Konsum anzubauen, könnte es dem Planeten schon bald besser gehen.

Die Forschungsgruppe sieht das jedoch komplett anders. Sie geht davon aus, dass weiter Tiere für den menschlichen Konsum gezüchtet werden – und zwar stetig mehr! Dabei deutet unter dem Strich alles darauf hin, dass wir uns auf lange Sicht von dieser Nahrungsquelle wegbewegen müssen.

Die Forschenden kommen in ihrem ambitioniertesten Szenario zu dem Ergebnis, dass eine 50-prozentige Verringerung des Antibiotika-Einsatzes den Gesamteinsatz in der Tierhaltung bis 2040 um mehr als die Hälfte auf rund 62.000 Tonnen pro Jahr absenken könnte. Dr. Acosta formuliert es noch etwas anders:

"Wir prognostizieren nicht nur Zahlen, sondern helfen den Entscheidungsträger*innen zu verstehen, wohin sich der Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung entwickelt, wenn wir jetzt nicht handeln. Vielleicht liegt der wahre Wert dieses Papers darin, dass wir zeigen können, was passieren wird, wenn wir das politische Engagement nicht in praktische Maßnahmen umsetzen."

Ein Weckruf an die Politik

Die Arbeit seiner Forschungsgruppe kann man zwar ganz klar als Weckruf an die Politik sehen. Einen Hinweis, endlich zu handeln und nicht länger abzuwarten oder Dinge zu debattieren, die nicht zur Debatte stehen. Schließlich steht nichts Geringeres auf dem Spiel als die Gesundheit und Zukunft von uns allen. Dennoch spielt er dem unüberschaubaren Wachstum der Fleischindustrie mit dem Fazit seiner Arbeit eher in die Karten, als etwas zur Lösung (Schutz von Klima und Gesundheit) beizutragen.

Dr. Acostas Studie deutet auf große regionale Unterschiede hin. So werden laut dem Paper bis 2040 Asien und der pazifische Raum voraussichtlich 65 Prozent des weltweiten Antibiotika-Einsatzes bei Tieren ausmachen. 19 Prozent fallen auf Südamerika. In Afrika erwarten die Forschenden jedoch das schnellste Wachstum, was sie vor allem auf die steigende Bevölkerungszahl und den erhöhten Fleischbedarf zurückführen. Dr. Acosta sagte gegenüber BBC Science Focus:

"Politisch haben wir eine Reihe von Erklärungen zu diesem Thema gefunden. Wir sehen jedoch, dass der Trend darauf hindeutet, dass der Einsatz antimikrobieller Mittel zunehmen könnte. Es scheint also eine Herausforderung zu sein - die Länder verpflichten sich, den Bedarf an antimikrobiellen Mitteln zu reduzieren, aber die Zahlen zeigen, dass sich das System in eine andere Richtung bewegt."

Die Aussichten sind also nicht gerade rosig. Wenn es nach Dr. Acosta geht, liegt die Lösung nicht nur in der Einschränkung des Antibiotika-Einsatzes und leider auch nicht im Abbau von Tierhaltung. Er zieht seine Schlüsse insgesamt komplett anders und spricht von erhöhter Produktivität. Für ihn liegt die Lösung in mehr Milch, Eiern und Fleisch bei geringerem Einsatz von Ressourcen wie Land und Energie. Er behauptet, dass dies mit intelligenteren landwirtschaftlichen Praktiken möglich wäre und liegt damit längst nicht nur in meinen Augen falsch.

Die Umwandlung pflanzlicher in tierische Kalorien ist ineffizient

Logisch kann seine Rechnung gar nicht aufgehen, denn: Protein, Kalorien und Nährstoffe erst an ein Tier zu verfüttern, dieses anschließend zu schlachten und das Fleisch zu Lebensmitteln zu verarbeiten, kostet Energie, Rohstoffe und Treibhausgase. Das Ganze kann auf Dauer nur funktionieren, wenn wir endlich lernen, den Umweg über das Tier wegzulassen.

Zahlreiche Expert*innen betonen seit Jahren die Ineffizienz der Umwandlung pflanzlicher Kalorien in tierische Produkte und die damit verbundenen Belastungen für die menschliche Gesundheit und die Umwelt – und das Tierleid. So weist eine Studie im Fachjournal Nutrients7 darauf hin, dass die Produktion von pflanzlichem Protein im Vergleich zu tierischem Protein wesentlich weniger Land, Wasser und Energie benötigt und zudem deutlich niedrigere Treibhausgasemissionen verursacht. Laut den Forschenden dieser Studie,

"ist die Umstellung auf eine stärker pflanzenbasierte Ernährung eine der wirksamsten Maßnahmen zur Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks der Lebensmittelproduktion."

Die Kritik ist berechtigt

Über 20 Wissenschaftler*innen kritisieren die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) für die Unterschätzung des Potenzials von Ernährungsumstellungen zur Reduktion landwirtschaftlicher Treibhausgasemissionen. Sie fordern eine Korrektur der entsprechenden Berichte, um die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit zu wahren8. Und diese Kritik ist berechtigt: Eine Analyse in The Guardian hebt hervor, dass die FAO die Emissionen aus der Tierhaltung systematisch unterschätzt und das Potenzial pflanzenbasierter Alternativen herunterspielt9.

In seiner Studie spricht Dr. Acosta immer wieder von der "Optimierung der Biomasse des Viehbestandes". Diese ist in seinen Augen entscheidend, um die Effizienz zu steigern und die Tiergesundheit zu verbessern. Er möchte die Tiere also schlichtweg besser behandeln – mehr frische Luft, grünes Gras und gute Pflege. Besonders in Ländern mit mittlerem bis niedrigem Einkommen sei dies wichtig, so der Studienleiter. Dass sich die Dinge in genau diesen Ländern rasant in die entgegengesetzte Richtung bewegen, brachte ihn zu seiner Forschungsarbeit.

Dass ein wirklich nachhaltiger Ansatz wäre, diesen Ländern zu helfen, die durch die Viehzucht zerstörten Flächen zu renaturieren und für den Anbau von Lebensmitteln zu nutzen, klingt für ihn offenbar utopischer, als noch mehr Tiere zu züchten. Mit weniger Medikamenten – und gleichzeitig weniger Arbeitsaufwand? Wo genau der Fehler sitzt, lässt sich hier ausschließlich mit einer fehlenden Verbindung zu anderen Bereichen der Thematik erklären – Tierwohl und Klimaschutz zum Beispiel. Zwar reißt die Arbeit Ersteres kurz an, wie sich Dr. Acostas ultimative Lösung im Detail gestalten soll, bleibt dennoch offen. Für mich klingt das in allererster Linie nach hermetisch abgeriegelten Tierfabriken, in die keine Keime mehr reinkommen und das wäre vermutlich noch grausamer.

Dr. Acosta macht sich Sorgen und zieht das Fazit, dass es kein Patentrezept gibt. Als Livestock Economist befindet sich die auf der Hand liegende Lösung offensichtlich weit außerhalb seines Aufgabengebiets. Ein Blick über den Tellerrand hätte hier sicher nicht geschadet. Wenn man jedoch liest, aus welcher Richtung Politiker*innen sich Beratung holen, wundert es einen am Ende doch mal wieder nur sehr wenig, wie lange es braucht, bis sich auch nur die kleinsten Dinge verändern.

Wenn Ihr wissen möchtet, warum Erbsen glücklich machen, könnt Ihr hier weiterlesen.

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