Hen Ogledd – "Discombobulated"
Zwischen den Rissen dieser Welt

Hen Ogledd sind wieder da und klingen, als hätten sie zwischen den Rissen dieser verwundeten Gegenwart eine Tür gefunden, hinter der die Klänge in schillernden Farben schimmern und zugleich der ganze Zorn der Welt lauert. Heute erscheint ihr neues Album "Discombobulated". Mit der Platte lädt die Band aus Newcastle upon Tyne dazu ein, kurz innezuhalten und sich für einen ausgedehnten Moment im akustischen Unterholz aufzuhalten.
Zu hören sind darin das Flirren politischer Brüche, das leise Knacken persönlicher Erschöpfung, das ferne Brummen einer Gesellschaft, die längst aus dem Takt geraten ist. Und doch wirkt diese Musik einladend und offen. Nicht trotz ihrer Dunkelheit, sondern weil sie die Dunkelheit nicht leugnet. Genau dort, in den tiefsten Schatten und Abgründen, sucht sie nach Licht und findet es.
"Discombobulated" handelt von Kollaps und Widerstand. Von einer Welt, die aus den Fugen gerät und der Frage, wie wir trotzdem weitermachen. Die Songs erzählen von Grenzregionen, im geografischen sowie im metaphorischen Sinne. Von Bergbaulandschaften, die in sich zusammenfallen. Von Tänzen, die zu Aufständen werden. Von alten Märchen, die sich mit politischem Zorn vermischen. Es ist ein Album über das Ende von etwas und den zähen Versuch, etwas Neues aus den Trümmern davon aufzubauen. Dabei klingt nichts glatt oder gefällig. Die Musik, die diese Geschichten erzählt, ist alles andere als glatt und gefällig. Sie stolpert, bricht, flackert und hört dabei niemals auf zu suchen.
Sally Pilkington, Dawn Bothwell, Rhodri Davies und Richard Dawson haben mit "Discombobulated" ihr drittes Album vorgelegt. Ihren Bandnamen haben die vier aus dem Walisischen gewählt. Er bedeutet so viel wie "The Old North" ("der alte Norden"). Dabei handelt es sich um die historische und politische Region, die das heutige Nordengland und Südschottland während des frühen Mittelalters umfasste. Es geht um Grenzen, um Geschichte, um das, was bleibt, wenn Landstriche auseinanderfallen und Karten neu gezeichnet werden.
Eine Sammlung musikalisch verwebter Rituale und Risse

Es wird im Moment heiß diskutiert und viele sind sich einig, dass "Discombobulated" das bisher komplexeste und emotional aufgeladenste Hen Ogledd Album ist. Die Band widmet sich auf den insgesamt acht Songs den großen Verwerfungen unserer Zeit: Politik, die entgleist, persönliche Erschöpfung, die Frage, wie wir eigentlich noch bei Verstand bleiben sollen in einer Welt, die sich anfühlt wie ein Karussell ohne Notbremse. Auch wenn es zunächst gewohnt extrem losgeht, ist die Platte dennoch ihre bisher zugänglichste geworden. Sie ist herzenswarm und lädt zum Entdecken der Welt von Hen Ogledd ein. Richard Dawson sagt über seine Band:
"There's something to Hen Ogledd that's really not like a normal band. It's something... else."
"Es ist etwas an Hen Ogledd, das nicht wirklich ist, wie bei einer normalen Band. Es ist etwas... Anderes."
Dieses "Else", sprich das Andere, ist in jedem einzelnen Track auf "Discombobulated" spürbar. Denn Hen Ogledd sind keine klassische Band. Ihr Zusammenspiel gleicht einem Ritual. Zu hören ist eine mystische Versammlung. Ein Chor aus fremd und vertraut wirkenden Stimmen finden sich und driften auseinander, um anschließend in Reprisen zurückzukehren. Sally Pilkington erzählt:
"Maybe Hen Ogledd is more like a family than a band. There's something really special about having kids' voices in the music." "Vielleicht ist Hen Ogledd mehr wie eine Familie als wie eine Band. Es ist etwas wirklich Besonderes daran, die Stimmen von Kindern in seine Musik einzubringen."
Die Kinderstimmen, die Sally beschreibt, tauchen plötzlich auf, als würde jemand die Schwerkraft kurz ausschalten. Chris Watson und David Reid haben Feldaufnahmen beigesteuert, die sich anfühlen wie Funksignale aus einem Paralleluniversum. Pferde, Insekten, Wind, das Knarren von Zweigen im Wind und was ist noch im Hintergrund? Es kommt mir so bekannt vor. Dazu kommen gesprochene Wortbeiträge von Matana Roberts, Truly Kaput, C. Spencer Yeh und Singer-Songwriter Janne Westerlund (natürlich auf Finnisch). Will Guthrie an den Drums, Fay MacCalman am Saxofon, Nate Wooley an der Trompete, Rhodri Davies' Tochter Elliw an der Flöte.
Ein ziemlich ausgedehnter Cast, oder? Dennoch fühlt sich auf diesem Album nie etwas aufgesetzt an. Alles ist organisch, verwoben und Teil eines größeren Ganzen. Ein natürliches Gefüge.
Acht Songs fassen unser flirrendes Zeitalter zusammen

"Discombobulated" ist eine Fabel, die stellenweise satirisch und mit hörbarem Protest von Fallen und Wiederaufstehen erzählt. Die Stimmen versammeln sich, zerstreuen sich und kehren zurück, um ihre Erlebnisse zu teilen. Sie erzählen von den von Menschen gezogenen Grenzen ("lunatic seriousness"), tanzen durch Katastrophen, flüstern Visionen aus dem Reich der hungrigen Geister.
"Nell's prologue" öffnet das Album mit einem Kind am Lagerfeuer. Die Märchenseiten sind vom Regen aufgeweicht; die Buchstaben verschwimmen. Die Sprache selbst scheint an dieser Stelle wegzurutschen. Sie ist verschwommen, verwischt und dringt nur noch als eine Art Erinnerung durch. Doch aus diesem Durcheinander aus halb vergessenen Geschichten dringt eine Stimme. Glatt wie Quecksilber ruft sie nach Tír na nÓg, dem keltischen Land der ewigen Jugend. Ein Anfang, der kein Anfang ist, sondern ein Eintauchen.
"Scales will fall" stampft durch die Cheviot Hills wie ein zorniger Protestzug aus Hexen, Landstreicher*innen und Kindern. Der Song wettert zwischen zerrissenen Fahnen, die an uralten Steintürmen im Wind tanzen. Gegen die Gier der Mächtigen und alle, die mit Dreck Profit machen. Dawn Bothwells eindringlicher Gesang führt den Aufstand an. Mit eingeflossen sind hier Anspielungen auf die Frauen von Greenham Common und die Durham Miners' Gala. Sie selbst sagt:
"Although I love hip hop, I want to make it clear that I'm drawing more on the spoken word tradition. I made up this term 'Bard rap'; that's more how I think of it." "Obwohl ich Hip Hop liebe, möchte ich klar machen, dass ich mehr aus der Spoken Word Tradition ziehe. Ich habe mir diesen Ausdruck 'Bard Rap' ausgedacht. Das erklärt es eher, wie ich darüber denke.
Das Stück ist eine Ballade aus der Grenzregion, halb Anti-Kapitalismus-Karneval, halb rebellische Pageantry. James Hankins inszenierte dazu ein Video, in dem Dawn Bothwell in einem blauen Alien-Power-Anzug zu sehen ist. Als "alternative populist leader", wie sie lachend sagt, eine Anführerin, die eine Bande Kinder zum Aufstand provoziert.
Hen Ogledd – "Scales will fall"
"Dead in a post-truth world" ist eine korkenzieherartige Unpop-Ballade. Sie spiralt unaufhaltbar in einen Pomp-Pop-Meltdown hinein. Der ein "Otto-Normal-Vater" starrt wütend auf die Zeitung, fassungslos über unseren Appetit auf Schlangenöl-Verkäufer in Anzügen. Weird? Es wird noch krasser. Gehirne spritzen auf den Dancefloor, während hohle Slogans erklingen und der zerstörte Popstar am Podium uns immer näher an den Faschismus heransingt. An dieser Stelle gerinnt die Satire zu purer, saurer Frustration: "hornswaggled by our own bad choices" ("von unseren eigenen Fehlentscheidungen aufs Glatteis geführt worden").

"Clara" flackert wie eine aus der Spur geratene Filmrolle. Eine pastorale Idylle wird von Abraumhalden und schwelenden Kohleflözen heimgesucht. Ein Pferd trabt durch Clara Vale, doch der Boden kollabiert unter seinen Hufen, gibt nach und bricht schließlich ein. Unter dem trüben Wasser glüht noch die Kohle. Die Bergbaulandschaft verwandelt sich in einen lebendigen und verschlungenen Ort, der gleichzeitig Tier und Sumpf ist. Eine Diskokugel dreht sich wie ein warnendes Licht über allem. Die Festtagsstimmung und die Katastrophe liegen dicht beieinander.
"End of the rhythm" bricht in ekstatisches Tanzfieber aus. Die Menschen stürzen sich kopfüber in den Sonnenuntergang, außer sich und nicht zu bändigen. Sie sind gekommen, um sich Altes wieder anzueignen. Zeichen aus der Vergangenheit treffen auf zerrissene Flaggen. Die Grenzen müssen eingerissen werden! Dawn Bothwell teilt die unerschütterliche Botschaft des Songs:
"They want us to fail, but workers can win." "Sie wollen, dass wir aufgeben, aber Arbeiter*innen können gewinnen."
Hen Ogledd – "End of the rhythm"
Das insgesamt dritte Video von James Hankins zu "Discombobulated" explodiert in eine farbgewaltige, psychedelisch anmutende 3-D-Welt. Sichtbar inspiriert von frühen 90er-Rave-Visuals, verbindet es den treibenden Rhythmus mit schillernden, eigenwilligen Bildern. Hankins sagt:
"For this third and final Discombobulated video. I wanted to blast off into space... sort of. Inspired by early 90's rave visuals and similar computer animations from that time, we started creating a bunch of different gaudy, vibrant visuals that we would then take into our 3D world and apply to the objects we built." "Für dieses dritte und finale Discombobulated Video wollte ich alles ins All schießen... auf eine Art. Inspiriert von den Rave-Visuals der 1990er-Jahre und ähnlichen Computeranimationen aus dieser Zeit haben wir angefangen, eine Reihe von unterschiedlichen knalligen Bildern zu gestalten, die wir dann in unsere 3-D-Welt übertragen und den Objekten, die wir gebaut hatten, hinzufügen wollten.
"Amser a ddengys" ist walisisch und bedeutet so viel wie "Die Zeit wird es zeigen". Das Stück sinkt in die Tiefe wie eine bebende Meditation. Ein alter Mann spricht. Er erzählt von seiner Angst und im selben Atemzug von der Erleichterung, noch da zu sein. Von vergangenen Jahren und dem Glück, überlebt zu haben.
"Clear pools" reißt einen mit durch dunkles Gewässer, über scharfe Felsen und durch Chaos, das einem die Luft nimmt. Dann, urplötzlich, herrscht glasklare Stille. Menschen stehen knietief in leuchtendem Wasser, verstört und verwundert. In ihren Blicken flackert so etwas wie Hoffnung. Der Song erzählt von einem Zyklus aus Zusammenbruch und Wiederauftauchen, Stille nach dem Sturm.
"Land of the dead" schließt das Album mit schwerem, grauem Gewicht. Die Inspiration kommt aus Ursula Le Guins Erdsee-Büchern: Ein Wanderer irrt durch ein Labyrinth aus Sumpf und Nebel. Der Weg will kein Ende nehmen. Dann lockt ihn eine Flötenmelodie geradewegs in einen Schacht, der tiefer ist als alles Vergangene. Ein Fall ohne Boden.
Licht, das fällt – nicht Dunkelheit

Weil "Discombobulated" von Hen Ogledd ein Gesamtkunstwerk ist, fügt sich selbstverständlich auch das Albumcover passend ein. Es trägt den Titel "It's Not Darkness That Falls, It's Light" (in Anlehnung an das Thelonious Monk Zitat "It's always night, or we wouldn't need light")und basiert auf einem Gemälde von Richard Dawson, das in 32 Teile zerschnitten und als Weihnachtsgeschenke an geliebte Menschen rund um die Welt verschickt wurde.
Diese Verschiebung der Perspektiven passt einfach perfekt zu den Themen des Albums. Es geht nicht darum, die Dunkelheit zu leugnen. Es geht darum, zu erkennen, dass Licht nur existiert, weil wir es brauchen. Und dass wir es gemeinsam tragen.
Ein Live-Musikritual

Am 6. Juni (meinem Geburtstag, was ein Zufall!) möchten Hen Ogledd unter dem Titel "Discomboduration" ein achtstündiges Sound-Ritual im Londoner Horse Hospital aufführen. Ihr Plan:
"Wir möchten unser Album 'Discombobulated' durch Prismen von Drone, Improvisation, Tanz, Geschrei, kinetischer Skulptur, Verwirrung und traumhaftem Dream-Pop brechen. Mit Kostümen und einer lebensgroßen Pop-up-Buch-Kulisse von der Künstlerin Rachael MacArthur wird eine psychogene Fantasy-Landschaft entstehen, die sich mit jeder Phase der Performance verändert."
Hen Ogledd erkunden, was es bedeutet, durch Krisen hindurch aufzutreten. Zu tanzen, zu sprechen, inmitten der Ruinen. Für ihre gemeinsame Vision bauen sie einen vorübergehenden Raum und laden andere dazu ein, daran teilzunehmen.
Darum solltet ihr "Discombobulated" hören
"Discombobulated" weigert sich, die Welt so verworren, erschöpft und ungerecht zu akzeptieren, wie sie ist. Hen Ogledd öffnen viel lieber ein Fenster und lassen Licht herein. Nicht, weil die Dunkelheit dadurch komplett verschwindet. Sondern weil man ihr nur gemeinsam entgegentreten kann. Die Band setzt dem Chaos kein geschlossenes Gegenprogramm entgegen, sondern ein offenes, funkelndes Versprechen: dass inmitten tiefer Risse neue Räume entstehen können.
"Discombobulated" ist am heutigen 20. Februar 2026 beim Domino Recording Sub-Label Weird World erschienen.



