Moby – "future quiet" Album Release

Ein Zufluchtsort in vierzehn Kapiteln

Anne

Preview von Anne
16.02.2026 — Lesezeit: 8 min

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Moby – "future quiet" Album Release
Bild/Picture: © Moby/Snowhite PR

"future quiet" von Moby ist fertig und das neue Album steht kurz vor der Veröffentlichung. Am 20. Februar ist es so weit. Ich gebe es zu: Als ich erfahren habe, dass ich "future quiet" vorab hören darf, musste ich kurz innehalten. Es hat mich sehr bewegt und ich fühle mich geehrt. Meine Eindrücke möchte ich heute mit euch teilen.

Moby ist für mich keine neutrale Größe. Wenn ihr mein Interview mit ihm aus dem Sommer 2024 gelesen habt, wisst ihr das. Er ist einer der Künstler*innen, die mich als Person, die Musik als Teil ihres Lebens versteht, zum Nachdenken anregen. Und als vegan lebender Mensch. Als Mensch überhaupt. Für mich ist seine Arbeit immer ein Aufruf, weiterzumachen. Auch wenn die Welt heute schon wieder lauter schreit als gestern. Oder gerade deshalb. Und genau darum geht es auf dieser Platte.

"future quiet" ist Mobys sage und schreibe 23. Studioalbum. Es erscheint am 20. Februar bei BMG. Es ist kein Album, das ihr einfach so nebenher hören werdet. Und es ist kein Album, das ihr analysieren müsst, um es zu verstehen. Es ist ein Album, das ihr fühlt. Oder besser: Beim Hören werdet ihr spüren, wie auch diese 14 Songs ganz langsam und stetig die Schultern nach unten drücken, bis ihr merkt, wie verspannt ihr die ganze Zeit wart.

Stille als Haltung

Moby – "future quiet"Moby – "future quiet"

Moby hat das selbst am besten beschrieben, wie er es so oft tut – präzise, ehrlich, ohne Umschweife:

"Die Welt schreit uns an, unsere Bildschirme schreien uns an, andere Menschen schreien uns an, und um uns von diesem Geschrei zurückzuziehen, brauchen wir Sicherheit und Zuflucht. Das ist für mich das Ziel von 'future quiet'. Das Schreiben und die Aufnahmen waren für mich eine Zuflucht, und ich hoffe, dass das Anhören für euch eine Zuflucht ist."

Das klingt nach demselben Moby, der mir im Interview erzählt hat, wie er Aktivismus langfristig denkt. Nicht als Feuer, das man entfacht und abbrennen lässt, sondern als etwas, das man nährt. Täglich. Mit Yoga im Garten, mit veganer Pizza, mit Musik, die Raum lässt. "future quiet" ist das musikalische Gegenstück zu dieser Philosophie.

Vierzehn Tracks. Reduziertes Klavier, weite Ambient-Flächen, ausgewählte Vocal-Features. Keine überflüssige Note. Kein Bombast, der sich aufbläst, um Eindruck zu schinden. Stattdessen: Tiefe, die sich erst zeigt, wenn man aufgehört hat, aktiv zuzuhören und einfach da ist.

Der Auftakt: eine Vertiefung

Wer meine Ankündigung des Albums gelesen hat, weiß bereits: "future quiet" beginnt mit einer Orchesterversion von "When It's Cold I'd Like To Die". Dem Song, der 1995 auf "Everything Is Wrong" erschien und durch seine emotionale Verwendung in der Netflix-Serie "Stranger Things" eine völlig neue Generation erreicht hat. Inzwischen ist das Stück Mobys am häufigsten gestreamter Titel. Ein Song ohne Schlagzeug und Bass, der nie offiziell als Single veröffentlicht wurde. Das sagt doch alles, oder?

Die neue Version mit Jacob Lusk ist keine Neuerfindung. Sie ist eine Vertiefung. Jacob, bekannt vor allem für seine Arbeit mit den gefeierten Gabriels, bringt seine unvergessliche Stimme mit. Moby selbst sagt über ihn, seine Stimme sei "transzendent". Ich denke, besser kann ich es ganz sicher nicht formulieren. Streicher, Schweigen, diese Stimme. Es ist ein Auftakt, der sofort klar macht: Das hier ist keine gewöhnliche Platte.

Vierzehn Kapitel, eine Sprache

Moby. Bild/Picture: © Moby/Snowhite PRMoby. Bild/Picture: © Moby/Snowhite PR

Dann kommt "This Was Never Meant For Us". Der Track beginnt schwebend und nachdenklich. Das Piano trägt Mobys Gesang, der von Schmerz und Hoffnung erzählt, vom Abschied von vergangenen Zeiten. "All the years left us broken": Dieser eine Satz sagt mehr aus als komplette Alben mancher Musikprojekte. Falls das so klingt, als würde sich das Stück nur um einen Blickwinkel drehen: Das tut es nicht. "This Was Never Meant For Us" entwickelt sich. Der Song gewinnt an Weite. Irgendwann lässt er die Sorgen einfach davonfliegen.

"Retreat" ist verspielt und lebt von seinen Gegensätzen. Das Piano verzaubert und trägt, Erinnerungen an frühere Stücke tauchen im Hintergrund auf und werden von Tonbandrauschen in unsere Zeit getragen. Dann setzt die Geige ein und zeigt die Schönheit unserer Welt. So ungekünstelt, so direkt, dass es wehtut. Beim Hören denke ich: Wir sollten dieser Welt mit so viel mehr Liebe begegnen. Nicht nur, damit sich die Natur erholt, damit Tiere ohne Angst in Freiheit leben können. Sondern auch, damit wir uns selbst erholen und Frieden kennenlernen können.

"Estrella Del Mar" mit Elise Serenelle ist so hauchzart, entspannt und strahlend wie ein leuchtender Stern über dem gleißend blauen Meer. Herzzerfetzend der klassische Gesang von Serenelle, perfekt das Zusammenspiel mit den Bläsern im Hintergrund. Die Basis liefert, wie so oft auf diesem Album, Mobys Piano.

Dann: "Ruhe". Das deutsche Wort trägt nicht nur Frieden in sich, sondern auch nachdenkliche Unsicherheit. Das Gefühl, nicht zu wissen, was auf der nächsten Seite passiert. Moby spinnt diese Geschichte weiter. Sein Piano begleitet ihn auf dieser Reise. Schemenhaft dringt das Licht durch, dann wird es stärker, bis es schließlich aufflammt und alle Zweifel wegspült. Ein Stück, das sich genauso anhört, wie es heißt, und noch so viel mehr ist.

"Mott St 1992" trifft mich auf eine ganz persönliche Art. Die Mott Street liegt in Little Italy/Chinatown in Manhattan, mitten in dem New York, das Moby in den frühen Neunzigern so geprägt hat. 1992 war genau die Zeit, in der er als junger Musiker in der Undergroundszene dieser Stadt verwurzelt war. Clubs, Raves, diese eklektische Energie, über die wir auch in unserem Interview gesprochen haben. Der Titel fühlt sich so sehr an wie sein persönlicher Rückblick. Die Gefühle aus dieser unfassbaren Zeit kommen wieder hoch. Die Erinnerung umschließt alles, nimmt mich beim Hören auf und trägt mich selbst an Orte von früher. Oh, diese Orgel. Es ist so zauberhaft. Sofort bin ich wieder von Menschen umgeben, mit denen ich gefeiert habe, Nächte durchtanzt, DJs angefeuert, den Sonnenaufgang auf einem rostigen Baugerüst genossen habe. In den frühen Morgenstunden wurden wir von lautem Vogelgezwitscher empfangen, als wir aus dampfenden Clubs kamen. Mit zertanzten Schuhen und zerzaustem Haar. Ein Ort, ein Jahr, eine Erinnerung. Nostalgie, aber nicht wehmütig, eher wie ein stilles Dankeschön an eine Zeit, die Moby und seine Kunst geformt hat. Die uns geformt hat.

"Previous Mind" fügt sich perfekt an. Sanfte Besen streicheln die Drums, Piano zaubert und die Stimme von India Carney nimmt den Raum ein. Ihr kennt sie vielleicht aus The Voice US (Season 8, 2015). Mit ihrem Timbre, ihrem Gefühl und den Emotionen, die sie transportiert, sorgt sie für Gänsehaut. Die Geige begleitet sie, und beide werden eins. Ich möchte mehr davon. Ich möchte mehr davon. Die Geige begleitet sie und sie werden eins.

Tallinn, die Hauptstadt Estlands, gilt als eine der am besten erhaltenen mittelalterlichen Altstädte Europas. Sie ist ruhig und pulsierend, melancholisch schön und zugleich zukunftsorientiert. Moby hat eine tiefe Verbindung zu Europa, zu seiner Art von stiller, historischer Schwere, die in den nordischen und baltischen Städten spürbar ist. Das alles fügt sich perfekt in "future quiet" ein. Die Stadt "Tallinn" und das Land Estland müssen bleibende Eindrücke in Moby hinterlassen haben. Nicht nur, weil er im August wieder im estnischen Tartu auftreten wird und 2009 beim Õllesummer Festival in Tallinn spielte. Seine Musik spiegelt all das wider, was diese Stadt ausmacht. Ihre Weite, die Wärme im Sommer, die Kälte im Winter, ihre Gassen, die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen. Beim Hören taucht man ein und wünscht sich, ganz da sein zu können, für einen Moment, für eine Woche, ein Jahr. Eine Hommage an eine Stadt und vielleicht auch der Hinweis: Warum machen es nicht mehr Städte so wie Tallinn? Innovation trifft auf Gemütlichkeit und Warmherzigkeit und liebevoll gepflegte Traditionen treffen auf Freude an neuen Ideen.

"On Air". Die Sendung läuft. Der Vorhang lüftet sich. Die Spannung steigt. Eine Sonate. "Tränen in den Augen, aber die Liebe ist nicht da". serpentwithfeets Gesang sorgt für weitere Gänsehautmomente. Hollywood-Träume, zarte Verspieltheit. Dieser Song möchte in Sälen erklingen. Besonders schön sind hier die kleinen Details, die zarte Percussion, die wie Frühlingsblüten ihre zarten Köpfchen durch den weichen Samt dieser vierschichtigen Kompositionen strecken. Ihr kennt den Track vermutlich schon vom Vorgängeralbum "Always Centered At Night". Auf "future quiet" gibt Moby ihm einen neuen Kontext, wodurch er sich noch tiefer entfaltet.

"Selene" ist ein Stück Kammermusik. Die Pianotasten sind spürbar, hörbar, sorgen für Nähe, Vertrautheit.

"Le Vide" passt perfekt in die Welt von "future quiet". Auch wenn es von der Leere handelt, würde ich sie in diesem Stück nicht als Leere im eigentlichen Sinne sehen. Sie fühlt sich mehr an wie die meditative, klösterliche, zurückgezogene Stille, die Ruhe und Insichgekehrtheit, das Ziehenlassen der Gedanken, bevor etwas Kreatives entstehen kann. Besonders eindrucksvoll auch hier wieder: die Streicher.

"Great Absence" trägt etwas, das ich schwer in Worte fassen kann. Viele sehen "future quiet" als direkten Nachfolger von Mobys minimalistischem Album "Ambient 23" aus dem Jahr 2023. In diesem Track ist das besonders spürbar. Mobys verträumt wirkendes, verspieltes Klavier bildet auch hier die Basis. Der Song erinnert an Trauer, die sich langsam in Stille auflöst. Sie verschwindet nie ganz, ist immer anwesend, verändert sich nur und trägt über die Zeit ein anderes Kleid. Du bist weg. Aber bist du wirklich weg?

"Mono No Aware" handelt von dem wunderbaren japanischen Ästhetikkonzept "Mono No Aware" (物の哀れ), das sich ungefähr mit "der Vergänglichkeit der Dinge" übersetzen lässt. Das trifft es jedoch nicht ganz. Es beschreibt dieses zärtliche, wehmütige Gefühl, das entsteht, wenn man erkennt, dass alles vergänglich ist. Nicht Trauer im schweren Sinne, sondern eher eine stille Rührung angesichts der Schönheit des Flüchtigen. In Japan verbindet man es häufig mit dem Anblick fallender Kirschblüten. Sie sind so schön, gerade weil sie nicht bleiben und vergänglich sind. Und genau so klingt dieser Song. Wie die fallenden Kirschblüten, die, kaum dass sie den Boden berühren, schneeflockengleich verrinnen. Das grüne Gras nimmt sie auf und wird durch sie noch grüner. Der Kreislauf der Natur beginnt von Neuem. Für mich ist das Stück eines meiner absoluten Highlights von "future quiet". Es sagt im Kern das aus, wofür das Album für mich steht. Diese Fähigkeit, in der Stille die Schönheit des Vergänglichen zu spüren, ohne dagegen anzukämpfen. Es ist auch ein sehr ehrlicher Moby Titel. Er spiegelt all das wider, was Moby als Künstler, Tierrechtsaktivist und Mensch, der seit 35 Jahren vegan lebt, erlebt und ist. All die Zweifel und den stetigen Wunsch, weiterzumachen. Nicht aufzugeben. Aktivismus als Langstreckenlauf zu sehen und jeden kleinen Vorstoß zu feiern.

"The Opposite Of Fear" Was könnte das Gegenteil von Angst sein? Mut und Furchtlosigkeit, Kühnheit, aber auch Vertrauen, Mitgefühl und Empathie. All das trägt dieses Stück in sich und bildet damit den perfekten Abschluss von "future quiet". Es klingt futuristisch, optimistisch, hoffnungsvoll. Bringt Wärme und Freude auf das, was kommt, mit.

Wurzeln und Gegenwart

Moby. Bild/Picture: © Moby/Snowhite PRMoby. Bild/Picture: © Moby/Snowhite PR

Was mich an "future quiet" so berührt, ist die Art, wie Moby seine Geschichte trägt und immer weiter erzählt. Ohne jemals traurig zurückzublicken. Es geht immer weiter. Er hat in Hardcore-Punkbands gespielt. Hat als DJ in Clubs aufgelegt, in denen Lautstärke als Sprache galt. Und er sagt selbst:

"Gleichzeitig brauchte ich die Zuflucht ruhiger Platten wie von This Mortal Coil, The Cocteau Twins, Eno & Bowies Ambient-Arbeiten, Górecki, Arvo Pärt und anderen. 'future quiet' ist definitiv das Ergebnis all dieser Einflüsse – ich kann gar nicht zählen, wie oft ich ‚Song to the Siren' oder Joy Divisions ‚Atmosphere' gehört habe."

Das hört man. Nicht als Zitat oder Hommage, sondern als gelebte DNA. Diese Platte klingt nach einem Menschen, der sehr viel gehört und irgendwann angefangen hat, nur noch das zu lassen, was wirklich bleibt.

Mehr als Musik

Moby wäre nicht Moby, wenn "future quiet" ein reines Klangprojekt wäre. Es ist auch eine Haltung. Wer ihn und seinen Tierrechtsaktivismus kennt, sein konsequentes Spenden von Toureinnahmen, seinen Film "Punk Rock Vegan Movie", seine Produktionsfirma Little Walnut, seinen Podcast "Moby Pod", der weiß: Bei diesem Künstler sind Werk und Werte nicht voneinander trennbar. Diese Platte trägt dieselbe Integrität.

Wahrscheinlich bewegt mich genau das am meisten. In einer Zeit, in der Lautstärke mit Bedeutung verwechselt wird, verstärkt Moby die Stille und setzt sich für die leisen Töne ein. Er beweist, dass Ruhe nicht Kapitulation bedeutet, sondern das komplette Gegenteil. Sie ist eine starke Form des Widerstands.

Warum ihr "future quiet" hören solltet

Mutet ihr euch gerade etwas zu viel zu? Liegt ihr manchmal nachts wach und wisst nicht, wohin mit diesen ganzen Gedanken? Liebt ihr die Stille, aber wünscht euch trotzdem gelegentlich in die Clubs zurück? Liebt ihr Ambient und Piano und Punk und Techno und alles, was das Leben schön macht? Findet ihr, dass Veganismus und Musik untrennbar miteinander verbunden sind? Trifft das alles auf euch zu? Oder auch nur eins davon? Dann hört euch "future quiet" unbedingt an.

"future quiet" erscheint am 20. Februar 2026 bei BMG.

Falls ihr Moby live erleben möchtet: Diesen Sommer wird er auch in Deutschland zu sehen sein: Am 11. August beim Open-Air an den Filmnächten am Elbufer in Dresden und am 18. August beim KUNST!RASEN Festival in Bonn-Gronau.

Moby live

  • 11.08.26 − Dresden / Open−Air at Filmnächte am Elbufer
  • 18.08.26 − Bonn / KUNST!RASEN Festival in Bonn−Gronau

Lesetipp: Mein exklusives Interview mit Moby aus dem Sommer 2024 über seinen Tierrechtsaktivismus und seine innige Beziehung zur Musik.

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