Botox ohne Mäuseleid
Darum ist das Ende des LD50‑Tests ein Zwischensieg
Beitrag von Anne
19.08.2026

Stellt euch vor, über 160.000 Mäuse müssten jedes Jahr allein in der EU sterben, weil ein Test ihr Leid bis zum Erstickungstod vorsieht. Genau das passierte bei der Chargenprüfung von Botox‑Produkten mit dem sogenannten LD50‑Test. Doch jetzt kommt Bewegung in das Thema. Cruelty Free Europe begrüßt die Pläne der europäischen Arzneimittelbehörde EDQM, diesen grausamen Test schrittweise abzuschaffen. Ein wichtiger Schritt hin zu einer Wissenschaft, die Ethik und Fortschritt verbindet. Hin zu tierleidfreien Behandlungen von Migräne, Dystonien, Spastiken, Bruxismus und anderen Leiden. Auch die immer häufigeren kosmetischen Eingriffe mit Botox werden diesem Anspruch zukünftig gerecht. Insgesamt: Ein Zwischensieg in Richtung cruelty-free in der Humanmedizin und Forschung.
Was beim LD50‑Test mit Mäusen passiert
Der LD50‑Test 1, den die EDQM jetzt schrittweise abschaffen möchte 2, ist ein Toxizitätstest, der die Dosis ermittelt, bei der 50 Prozent der Versuchstiere sterben 3. Bei Botox-Versuchen wird Mäusen das Botulinumtoxin in den Bauch gespritzt. Innerhalb von drei Tagen werden sie zunehmend gelähmt. Tiere in höheren Dosisgruppen verlieren die Fähigkeit zu atmen und ersticken. Etwa die Hälfte der Mäuse stirbt während des Tests, die Überlebenden werden am Ende getötet 4.
Laut Zahlen der Europäischen Kommission wurden 2023 in der EU 164.802 Mäuse für die Chargen‑Potenzprüfung von Humanarzneimitteln verwendet 5. Ein Großteil davon entfällt auf Botox‑Produkte. Das ist kein Einzelfall, sondern System. Und es ist unnötig, weil es seit Jahren tierversuchsfreie Alternativen gibt 6.
Die Tierschutz‑Perspektive: Warum dieser Test nicht haltbar ist
Aus tierschutzethischer Sicht ist der LD50‑Test nicht zu rechtfertigen. Er fügt empfindungsfähigen Wesen extremes Leid zu, um eine Charge auf ihre Wirksamkeit zu prüfen. Dabei geht es nicht um die Entwicklung neuer Medikamente, sondern um Routinekontrollen. Die Mäuse werden instrumentalisiert, obwohl ihre biologische Reaktion nicht eins zu eins auf den Menschen übertragbar ist 7.
Cruelty Free Europe führt den Test seit über einem Jahrzehnt auf der sogenannten RAT‑Liste 8. RAT steht für Replace Animal Test. Die Liste zeigt Tests, für die es bereits tierversuchsfreie Ersatzmethoden gibt. Botox steht dort, weil Zelltest‑Verfahren existieren, die genauso zuverlässig sind, aber kein Tier töten. Dass der Test trotzdem weiterläuft, liegt an veralteten Vorschriften und an der Trägheit von Systemen, die Veränderung scheuen.
Der LD50‑Test widerspricht dem cruelty-free-Anspruch "kein tierisches Leid" voll und ganz. Sein Ende wäre ein klares Signal, dass Ethik und Wissenschaft sehr wohl Hand in Hand können 9.
Ärzte gegen Tierversuche: "Widerspricht dem europäischen Tierschutzrecht"
Auch die Ärzte gegen Tierversuche positionieren sich klar gegen den LD50‑Test. Der bundesweite Verein hat zusammen mit der European Coalition to End Animal Experiments (ECEAE) im Juni 2026 die Kampagne "Stoppt Botox‑Tierversuche!" gestartet 10. Nach ihren aktuellen Schätzungen werden jährlich mehr als 100.000 Mäuse für Qualitätskontrollen von Botox‑Produkten in der EU und Großbritannien verwendet und qualvoll getötet 11.
Während die EU-Statistik für 2023 insgesamt 164.802 Mäuse in der Chargen-Potenzprüfung ausweist, kommen die Ärzte gegen Tierversuche mit ihrem Dachverband ECEAE auf eine eigene, botox-spezifische Schätzung: Eine aktuelle Studie (Watkins et al. 2025) wertete gezielt die öffentlichen Projektzusammenfassungen der Botox-Testeinrichtungen in Großbritannien, Deutschland und Irland aus und rechnet daraus auf mehr als 100.000 Mäuse pro Jahr in der EU und Großbritannien hoch.
Dr. med. vet. Corina Gericke, Vizevorsitzende von Ärzte gegen Tierversuche, bringt es auf den Punkt:
"Dass Tiere weiterhin für Produkte leiden, die überwiegend für ästhetische Zwecke eingesetzt werden, widerspricht dem europäischen Tierschutzrecht."
Besonders kritisch sehen die Organisationen, dass Botox trotz seiner überwiegend kosmetischen Verwendung rechtlich als Arzneimittel eingestuft wird und dadurch nicht unter das europäische Verbot von Tierversuchen für Kosmetik fällt.
Die Forderungen sind klar: Streichung des Mäusetests aus dem Europäischen Arzneibuch, Transparenz bezüglich der Zahl der verwendeten Tiere und des Zwecks der Tests sowie die Pflicht für Hersteller, Konsumenten über durchgeführte Tierversuche zu informieren. Bereits 2023 hatte die ECEAE rund 164.000 Unterschriften an die Europäische Arzneimittel‑Agentur (EMA) überreicht. Mit der neuen Kampagne appellieren die Organisationen erneut an die EU‑Institutionen.
"Regulatorische Entwicklung: EDQM, EU und UK machen Druck
Die europäische Arzneimittelbehörde EDQM kündigte an, den LD50‑Test für Botox schrittweise aus dem Europäischen Arzneibuch zu streichen 12. Die European Pharmacopoeia Commission reaktivierte dafür eine eigene Arbeitsgruppe, die einen Fahrplan zur Abschaffung erarbeitet. Diese Entscheidung spiegelt den starken Willen europäischer Behörden und Hersteller wider, Tierversuche zu reduzieren.
Parallel veröffentlichte das Vereinigte Königreich seine eigene Strategie 13. Der Plan, der bis Ende 2027 die Verwendung von Tieren für die Chargen‑Potenzprüfung von Botox beenden will, nennt sich "Replacing animals in science". Die britische Arzneimittelbehörde MHRA erkennt bereits seit 2024 eine tierversuchsfreie Alternative für die gängigsten Stärken von Botulinumtoxin Typ A an. Für Drittländer wird der LD50‑Test nicht mehr lizenziert.
Diese Entwicklungen sind eng miteinander verknüpft. Die UK ist weiterhin Mitglied des Europarats und orientiert sich am Europäischen Arzneibuch. Wenn die EDQM den Test streicht, hat das also Auswirkungen weit über die EU hinaus. Auch andere Regionen könnten folgen, weil sie sich an europäischen Standards orientieren. Das macht die aktuelle Bewegung so bedeutsam 14.
Wissenschaftliche Alternativen: Zellbasierte Tests sind ready
Die Technologie für tierversuchsfreie Potenztests ist keine Zukunftsmusik mehr. Zellbasierte Assays gibt es seit vielen Jahren. Sie nutzen menschliche oder tierische Zelllinien, um die Wirkung des Toxins zu messen, ohne ein lebendes Wesen zu töten. Ein Beispiel ist die Messung von SNAP‑25, einem spezifischen Zielprotein, das von Botulinumtoxin gespalten wird. Diese Methode ist reproduzierbar, sensitiv und stimmt gut mit den Ergebnissen aus Tierversuchen überein 15.
Einige große Toxinhersteller haben solche Tests bereits für ihre eigenen Produkte entwickelt und nutzen sie intern. Die Hürde war lange, dass die vollständigen methodischen Details nicht öffentlich geteilt wurden, weil sie als proprietär galten. Inzwischen gibt es jedoch zunehmend Validierungen und Zulassungen. Die FDA in den USA hat zellbasierte Potenztests für Botulinumtoxin Typ A anerkannt. Auch in China wurde ein cell‑based potency assay 2024 offiziell genehmigt 16.
Studien zeigen, dass zellbasierte Verfahren äquivalent zum Maus‑LD50‑Test sind und sogar Vorteile bieten 17. Sie sind schneller, kostengünstiger und liefern stabilere Ergebnisse von Charge zu Charge. Zudem vermeiden sie die hohe Variabilität, die bei lebenden Tieren durch Stress, Genetik und Haltungsbedingungen entsteht. Wissenschaftlich gibt es also keinen Grund, am alten Test festzuhalten.
Warum das auch für euch als Community relevant ist
Als Veganerin beschäftige ich mich mit vielen Themen und ja: auch mit pharmazeutischen Testverfahren. Denn schlussendlich geht es hier längst nicht nur ums Essen. Es geht um meine Werte, um das Wohlergehen von Tieren, Haltung von Lebewesen und die Abschaffung von Tierleid in allen Bereichen. Vielleicht kennt ihr selbst auch Menschen, die Botox nutzen. Ich selbst weiß von einigen, die durch die Behandlung damit viel weniger Schmerzen haben als früher und dadurch ein selbstbestimmteres Leben führen können. Wenn ihr selbst es nutzt, oder Menschen in eurem Umfeld kennt, denen es ebenso geht, wisst ihr, wovon ich spreche. Und dann wäre da natürlich auch noch die kosmetische Komponente, die in unserer schnelllebigen, gefühlt ständig mit Selbstoptimierung beschäftigten Welt, nicht unerheblich ist 18.
Als Patient*innen könnt ihr Firmen direkt anschreiben und nachfragen, ob sie bereits tierversuchsfreie Chargentests verwenden. Ihr könnt euch bei Behörden wie der EDQM oder der MHRA einbringen, etwa durch Unterstützung von Kampagnen, die eine vollständige Abschaffung fordern. Und ihr könnt in eurem Netzwerk darüber sprechen, dass cruelty free auch bedeutet, keine Produkte zu unterstützen, die auf systematischem Tierleid basieren 19.
Bleiben wir realistisch: Der Weg zur vollständigen Abschaffung ist ein Prozess und diese ist noch lange nicht erreicht. Aus diesem Grund ist es wichtig, das Thema weiter voranzutreiben und, so oft es geht, darauf aufmerksam zu machen. Was jetzt wichtig ist, ist neben Validierung und regulatorischer Anpassung vor allem auch (wie so oft, wenn es um die Rechte von Tieren geht) die Bereitschaft aller Beteiligten. Doch immerhin stimmt die Richtung schon mal. Die Wissenschaft ist ohnehin bereit, sich weiter zu bewegen, und dem schließen sich nun auch die Behörden an. Jetzt kommt es darauf an, dass der Druck von außen weiter wächst 20.
Fazit: Veränderung ist möglich
Das geplante Ende des LD50‑Tests für Botox ist mehr als eine technische Neuregelung. Es ist ein Zeichen dafür, dass Ethik und Fortschritt Hand in Hand gehen können. Über 160.000 Mäuse jedes Jahr sind keine abstrakte Zahl. Es sind Individuen, die leiden und sterben, weil ein veralteter Test vorgeschrieben ist. Dass es Alternativen gibt, macht dieses Leid unnötig 21.
Die aktuellen Pläne der EDQM und die UK‑Strategie zeigen, dass Veränderung möglich ist, wenn Wissenschaft, Regulierung und gesellschaftlicher Druck zusammenkommen. Für euch als vegane Community ist das ein ermutigendes Signal. Es bestätigt, dass euer Einsatz für eine tierleidfreie Welt nicht umsonst ist. Jede Kampagne, jedes Gespräch, jede bewusste Entscheidung trägt dazu bei, dass solche Meilensteine erreicht werden 22.
Am Ende geht es um eine einfache Frage. Wollen wir eine Wissenschaft, die auf Angst und Tod basiert, oder eine, die auf Innovation und Respekt aufbaut? Die Antwort sollte klar sein. Der LD50‑Test gehört der Vergangenheit an. Seine Abschaffung ist ein Sieg für die Mäuse, für die Wissenschaft und für alle, die an eine Welt ohne Tierleid glauben.
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