Tracy Bryant über das neue Album "The Well"

"Ich war schon immer angezogen von schweren Lyrics zu schöner Musik"

Anne

Interview von Anne
22.04.2026 — Lesezeit: 6 min

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Tracy Bryant über das neue Album "The Well"
Bild/Picture: © Tracy Bryant

Erinnert ihr euch daran, wann euch zuletzt ein Song zum Weinen gebracht hat? Nicht vor Traurigkeit, sondern aufgrund seiner überwältigenden Wahrheit? Dieses merkwürdige Gefühl, wenn Musik irgendwo etwas so Konkretes und Persönliches trifft, dass man sich fragt, wie ein außenstehender Mensch das überhaupt wissen kann? Vorsicht: Tracy Bryants neues Album "The Well", das am 22. Mai 2026 via Taxi Gauche Records erscheint, könnte das mit euch machen, bevor der erste Hördurchgang überhaupt durch ist.

Tracy schrieb "The Well" in einer der intensivsten Phasen seines Lebens. 2022 verstarb sein Vater unerwartet und nur drei Monate später begrüßten er und seine Frau ihr erstes Kind. Zwei der einschneidendsten Dinge, die einem Menschen passieren können, passierten fast gleichzeitig. Er verarbeitete alles am Klavier, größtenteils allein während der Pandemie, und brachte die Songs ins Studio 22 in Cypress Park, wo Produzent Joo-Joo Ashworth sie auf Halbzollband einfing.

Trauer und neues Leben, keines ist dem anderen jemals begegnet. Der Eröffnungstrack "Cold Floor" erschien als Erster, und er sagt alles aus, was wir wissen müssen:

"It's an old road to a small door you know / A farewell on a cold floor."

Tracy Bryant schrieb über den Tag, an dem sein Vater starb, direkt und ohne es abzumildern. Das Klavier bewegt sich darunter weiter, fast unbeschwert, und dieser Kontrast erfasst das gesamte Album in jedem auch noch so kleinen Detail. Und das ist noch etwas, was "The Well" besonders macht: Tracy hat als Leitinstrument dieses Mal statt der Gitarre das Klavier gewählt und damit eine vollkommen neue Atmosphäre, einen neuen Stil und eine neue Erzählweise geschaffen. Ich hatte die Möglichkeit, einige Fragen über die Entstehung dieses Albums loszuwerden. Viel Spaß mit meinem Interview!

Anne: "Cold Floor" eröffnet das Album mit "a farewell on a cold floor". Das ist ein sehr konkretes Bild. Wusstest du von Anfang an, dass dieser Song der erste auf der Platte sein würde?

"Songs am Klavier zu schreiben, war einfach eine größere Herausforderung und aufregender"

Tracy Bryant – "The Well"Tracy Bryant – "The Well"

Tracy: "Cold Floor" war der allererste Song, den wir für dieses Album aufgenommen haben. Als alles andere zusammenkam, fühlte er sich einfach wie ein perfekter Opener an, weil er eine etwas andere Stimmung hat als die restlichen Songs. Er setzt auch thematisch den Ton für den Rest des Albums. Es schien, als würde er nirgendwo sonst hineinpassen.

Anne: Das Klavier trägt das gesamte Album. Gab es einen Moment, in dem du gemerkt hast, dass die Gitarre einfach nicht das passende Instrument für das ist, was du sagen wolltest?

Tracy: Es ging weniger darum, Klavier statt Gitarre zu verwenden, um einen lyrischen Punkt zu machen. Es hat sich einfach so entwickelt, nachdem wir 2020 unser Klavier bekommen haben. Songs am Klavier zu schreiben, war auch einfach eine größere Herausforderung und aufregender als hauptsächlich auf Gitarre zu schreiben, was ich bei den drei vorherigen Alben gemacht habe.

Anne: Ein motorischer Puls treibt den Großteil des Albums an, etwas fast Unerbittliches. Für ein Album, das sich mit Trauer befasst, fühlt sich das wie eine bewusste Entscheidung an. War es das?

Tracy: Es war bewusst, wie auch alles andere, was auf diesen Songs gelandet ist. Cameron Gartung, der das Schlagzeug gespielt hat, kam auf viele dieser Beats, die einfach zu den Songs gepasst haben, ohne dass viel darüber geredet werden musste. Wir spielen schon lange zusammen, und er ist wirklich gut darin, das zu spielen, was dem Song dient. Als wir die Songs im Studio mit Joo-Joo aufgenommen haben, ergab es für uns am meisten Sinn, dass dieses Schlagzeug eisig und schwer klingt, was ja durchaus zum Thema passt.

Anne: Der Albumtitel stammt aus einem Gedicht von Kimberly Fitzner. Wann wusstest du, dass das der richtige Titel ist? Was bedeutet "the well" für dich im Kontext dieser Songs?

"'The Well' hat mehrere Bedeutungen: Ein dunkler Ort, an dem man Dinge verstecken kann, oder einer, aus dem man schöpfen kann"

Tracy: "The Well" ist ein Gedicht, das Kim geschrieben und bei der Beerdigung meines Vaters vorgelesen hat. Es fühlte sich wie der richtige Titel für dieses Album an. "The Well" hat mehrere Bedeutungen: Ein dunkler Ort, an dem man Dinge verstecken kann, oder im Fall eines Wasserbrunnens einer, an dem Dinge aufbewahrt werden, aus dem man schöpft.

Anne: "Weight", "Widow", "Danny", "Halfway". Das sind ziemlich schwerwiegende Titel. Kamen sie dir vor der Musik oder danach?

Tracy: Die Titel kamen nach der Musik. Ich habe die letzte Gesangszeile des Songs "Widow" nachträglich aufgenommen, um das zum Thema und zum Titel des Songs zu machen.

Anne: "Cold Floor" eröffnet das Album mit diesem leichten, schönen Klavier. Und dann die Worte: "a farewell on a cold floor", geschrieben über diesen traurigen Tag in deinem Leben. Die Musik und die Lyrics machen also gleichzeitig zwei völlig verschiedene emotionale Dinge. War dieser Kontrast und diese Spannung etwas, das du geplant hast, oder hat er sich erst im Studio "herausgeschält"?

Tracy: Ich war schon immer angezogen von schweren Lyrics zu schöner Musik. Das kommt vielleicht davon, dass ich in meinen prägenden Jahren so viel Elliott Smith gehört habe. Der Kontrast und die Spannung waren definitiv geplant.

Anne: Du hast mit Joo-Joo Ashworth auf Halbzollband aufgenommen. Was macht das Band mit dieser Art von Musik, die ohnehin schon recht sparsam und präzise ist?

Tracy: Auf Band aufzunehmen, war Joo-Joos Idee. Ich glaube, das macht er normalerweise so. Es füllt definitiv die leeren Räume und gibt allem etwas Wärme und Charakter.

Anne: Du hast "Famished" und "Easy Street" mit Joo-Joo co-geschrieben, und deine Frau Kimberly hat ebenfalls zu "Easy Street" beigetragen. Wie sieht Zusammenarbeit bei einem so persönlichen Album aus?

Tracy: Bei "Famished" hatten wir den Song aufgenommen, aber das Gitarrensolo fehlte noch. Der Song klang großartig, aber es fühlte sich an, als ob etwas fehlte. Joo-Joo hat eines Tages einfach seine Gitarre eingesteckt und ein paar Stunden lang verschiedenes ausprobiert. Er schickte mir den Song mit diesem Riff, und ich liebte es. Er hat das Gitarrenriff auf der Melodie aufgebaut, die in der Mitte des ersten Verses auftaucht. Das Solo wurde nicht nur ein wichtiger Teil des Songs, sondern auch des Albums, da es das einzige so prominente Gitarrensolo ist.

Bei "Easy Street" hatte ich den Song zu Hause am Klavier ausgearbeitet. Meine Frau Kim sang die Zeile "Something's got to give" nach meiner Gesangsstrophe mit. Nachdem ich das gehört hatte, bekam ich es nicht mehr aus dem Kopf, und es musste Teil des Songs werden. Es ist tatsächlich ein wesentlicher Teil, der die meisten Gesangszeilen abschließt, und kam deshalb in die endgültige Version.

Anne: "The Well" wechselt zwischen treibenderen Tracks wie "Weight" und "Widow" und ruhigeren wie "Halfway" und "Danny". Hat sich die Reihenfolge von selbst ergeben?

"Wir haben nie einfach einzelne Songs aufgenommen, ohne sie als Teil eines gesamten Albums zu betrachten"

Tracy BryantTracy Bryant

Tracy: Ich hatte eine ganze Menge iPhone-Aufnahmen, die ich Joo-Joo bei jeder Session gezeigt habe, und wir haben entschieden, welche wir aufnehmen. Meistens haben wir den Großteil eines Songs pro Tag gemacht. Als wir sieben Songs oder so hatten, wählten wir Songs wie "Danny" und "Halfway" aus, die die treibenderen Tracks ausgleichen würden, um dem Album eine Art Balance und Dynamik zu geben. Wir haben nie einfach einzelne Songs aufgenommen, ohne sie als Teil eines gesamten Albums zu betrachten.

Anne: Du hast dieses Album während der Pandemie geschrieben. Nur du und dein Klavier. Wie viel von dieser Isolation ist noch im fertigen Album hörbar?

Tracy: Ich bin nicht sicher, ob diese Isolation für mich damals oder jetzt da war. Ich lebe mit meiner Frau zusammen, und unsere erste Tochter wurde im April 2022 geboren, also waren immer Menschen um mich herum. Songs zu schreiben kann ziemlich einsam sein, Pandemie hin oder her, und als ich anfing, mich mit Cameron Gartung zu treffen, der das Schlagzeug spielte, begannen die Songs wirklich Form anzunehmen und sich vollständig zu entfalten.

Anne: Du hast Vince Guaraldi und Arthur Russell als Einflüsse auf "The Well" erwähnt. Beide sind klavierzentriert, aber sonst sehr verschieden. Was genau hat dich an ihnen so fasziniert, während du dieses Album gemacht hast?

Tracy: Ich habe nach verschiedener klavierbasierter Musik gesucht, aus der ich für meinen Ansatz beim Schreiben dieser Songs schöpfen konnte. Vince Guaraldi verwendet seine linke Hand, um Basslinien zu erzeugen, die manchmal unkonventionell und interessant sind. Arthur Russell ist vielleicht weniger klavierzentriert, aber dennoch etwas unkonventionell in seinem Songwriting und nicht völlig gitarrenbasiert.

Anne: Dave Cooley hat das Album bei Elysian Masters gemastert. Ab welchem Punkt im Prozess begann das Album so zu klingen, wie du es dir vorgestellt hattest, und wie hat es sich angefühlt, den ersten gemasterten Song zu hören?

Tracy: Ich habe Dave 2014 kennengelernt, als er das Album "Maxed out on Distractions" von Corners gemastert hat. Er ist unübertroffen in seinem Mastering, und ich bin seit damals mit fast allem, was ich veröffentlicht habe, zu ihm gegangen. Die Mixes klangen bereits großartig, aber durch die Zusammenarbeit mit Dave über die Jahre hatte ich schon eine Vorstellung davon, wie sie nach seinem Mastering klingen würden.

Anne: Es sind sieben Jahre seit "Hush" vergangen. Wie fühlt es sich an, dieses Album endlich in die Welt zu entlassen?

"Es fühlt sich gut an, wieder in der Welt zu sein, in der ich mich am wohlsten fühle"

Tracy: Es fühlt sich gut an, wieder in der Welt zu sein, in der ich mich am wohlsten fühle. Eines der Highlights für mich beim Veröffentlichen neuer Musik ist die Wiederverbindung mit Freunden, die ich auf vergangenen Touren und Reisen auf der ganzen Welt kennengelernt habe.

Anne: Was steht als Nächstes an?

Tracy: Wir sind gerade dabei, unsere Familie ins Ausland zu verlegen, und sobald wir uns eingelebt haben, plane ich, schon bald mehr Zeit zum Schreiben und Touren zu haben.

Anne: Vielen Dank, dass du meine Fragen beantwortet hast! Alles Gute für die Veröffentlichung und deine Pläne!

Tracy Bryant - "Widow"

Tracy Bryant - Cold Floor

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