Misshandelte Kälber auf britischem Milchhof, der auch Müller belieferte

Undercover-Aufnahmen aus England zeigen getretene Kälber auf einem Hof mit Tierwohl-Siegel

Misshandelte Kälber auf britischem Milchhof, der auch Müller belieferte
Bild/Picture: © fajri nugroho, pexels

Mehr als 700-mal. So oft haben Aktivist*innen innerhalb von drei Tagen festgehalten, wie Beschäftigte auf einem englischen Milchhof Tiere getreten, geschlagen, geschleift oder angeschrien haben. Der Hof trug ein Tierwohl-Siegel, und seine Milch ging auch an Müller, den großen Molkereikonzern, dessen Becher und Tetrapaks in den Kühlregalen unzähliger deutscher Supermärkte stehen.

Wenn Menschen im Supermarkt zu Produkten mit Siegel greifen, tun sie das häufig in dem Glauben, damit etwas Gutes zu tun. Auf Two Pools Farm hat dieses Siegel niemanden geschützt, am wenigsten die Kälber, die dort wenige Tage nach ihrer Geburt getreten wurden, während die Kontrolle schon angekündigt war.

Am 18. November 2025 kontrollierte Marks & Spencer den Milchviehbetrieb Two Pools Farm bei Bristol. Die Kontrolle dauerte zehn Minuten. Wenige Stunden vorher hatten versteckte Kameras gefilmt, wie Beschäftigte wenige Tage alte Kälber traten. Das berichtete die britische Zeitung Metro am 6. Oktober 2026 . Der Hof trug damals das Tierwohl-Siegel RSPCA Assured und lieferte Milch an M&S und an Müller.

Was die Aufnahmen zeigen

Hinter der Recherche steht For All Animals, ein Zusammenschluss von 14 britischen Tierschutz- und Umweltorganisationen. Die Aktivist*innen filmten im November 2025 an drei Tagen und zählten nach eigenen Angaben mehr als 700 Fälle von körperlicher und verbaler Gewalt gegen Tiere. Die Aufnahmen zeigen, wie Kälber getreten, geschlagen, geworfen und an Ohren, Schwanz und Beinen über den Boden geschleift werden. Neugeborene Kälber blieben laut den Organisationen mehr als 19 Stunden ohne Nahrung, einige wurden ohne örtliche Betäubung kastriert .

Animal Aid, eines der Mitglieder des Bündnisses, berichtet außerdem von einem Kalb, dem Milch über einen Schlauch eingeflößt wurde, die in seine Lunge geriet, sodass es ertrank. Vor dem angekündigten Besuch der Kontrolleur*innen hätten Beschäftigte auf dem Hof aufgeräumt . Bei einem weiteren Besuch im Februar 2026 filmten die Aktivist*innen nach eigenen Angaben ähnliche Szenen.

Was der Hof und die Prüfer*innen sagen

Der Inhaber des Hofs erklärte gegenüber Metro, er sei entsetzt über das Verhalten einiger Beschäftigter gewesen und habe sofort gehandelt. Die Aufnahmen seien fast ein Jahr alt, die Beteiligten hätten den Betrieb verlassen, Schulungen und Aufsicht seien verstärkt worden. RSPCA Assured hat dem Hof das Siegel inzwischen entzogen, M&S bezieht dort keine Milch mehr. For All Animals hatte den Betrieb bereits im Mai 2026 bei der britischen Veterinärbehörde APHA gemeldet.

Plant Based News griff die Recherche am 16. Oktober auf und zitiert Jane Tredgett, Sprecherin von For All Animals und frühere stellvertretende Vorsitzende der RSPCA, mit der Frage, warum eine Organisation, die sich gegen Massentierhaltung ausspricht, solche Betriebe zertifiziert .

Und Müller?

Eine öffentliche Stellungnahme von Müller zu Two Pools Farm habe ich bis heute, dem 18. Oktober 2026, nicht gefunden. Dabei ist Müller in dieser Geschichte keine Randfigur. Nach Angaben von We Animals lief die Milch des Hofs über Müller an Marks & Spencer, und auf einem der Fotos aus der Recherche steht ein Tankwagen der Molkerei auf dem Betrieb. Animal Aid schreibt, dass neben M&S und RSPCA Assured auch Müller den Hof kontrolliert habe und keine der drei Stellen Anlass zur Sorge gesehen habe.

M&S hat sich von dem Hof getrennt, RSPCA Assured hat das Siegel entzogen. Ob Müller weiterhin Milch von Two Pools Farm bezieht und welche Konsequenzen das Unternehmen gezogen hat, ist öffentlich nicht bekannt. Bekannt ist nur, dass die Milch dieses Hofs an Müller ging.

Es ist nicht das erste Mal in diesem Jahr, dass Müller mit solchen Bildern in Verbindung steht. Anfang August 2026 veröffentlichte The Independent Undercover-Aufnahmen von Albyns Farm, einem Milchbetrieb mit rund 700 Kühen in Essex, der laut Bericht 40 Prozent seiner Milch an Müller verkauft. Der Aktivist und Filmemacher Joey Carbstrong hatte dort 2024 und Anfang 2026 mit versteckten Kameras gefilmt, wie Beschäftigte Kühe treten, schlagen und ihnen die Schwänze verdrehen. Jenny Mace, Gastwissenschaftlerin an der Universität St Andrews, zählte mindestens 600 Fälle, in denen Tieren vermeidbare Schmerzen zugefügt wurden. Müller nannte das Verhalten damals "völlig inakzeptabel" ("entirely unacceptable") und setzte die Lieferbeziehung aus, Tesco ebenfalls .

Warum mich das nicht loslässt

Eine Kuh gibt nur Milch, wenn sie ein Kalb geboren hat. Auf den allermeisten Milchhöfen werden diese Kälber kurz nach der Geburt von ihren Müttern getrennt, auch dort, wo niemand tritt oder schreit. Die Aufnahmen von Two Pools Farm und Albyns Farm zeigen, was passiert, wenn Menschen in diesem Alltag die Beherrschung verlieren. Das System, das diesen Alltag erst schafft, zeigen sie gleich mit. Wie dieser Alltag aussieht, mit Kälbern in Einzeliglus und Müttern, die nach ihnen rufen, habe ich schon 2014 aufgeschrieben, als ich erklärt habe, warum ich keine Kuhmilch trinke.

Auch das Ende ist selten sanft. Milchkühe werden meist nach wenigen Jahren geschlachtet, sobald ihre Leistung nachlässt, und manche von ihnen sind dabei trächtig. Was das für die ungeborenen Kälber bedeutet, habe ich im selben Jahr recherchiert. Eine Studie ging damals von rund 180.000 trächtigen Kühen aus, die in Deutschland jedes Jahr geschlachtet werden. Ich habe diese Texte vor zwölf Jahren geschrieben, und die Bilder von Two Pools Farm sehen aus, als wäre seitdem kein Tag vergangen.

Dazu kommt, was die Tierhaltung mit unserem Planeten macht. Ein internationales Forschungsteam hat 2026 in der Fachzeitschrift Nature durchgerechnet, was passiert, wenn sich die Welt bis 2050 überwiegend pflanzlich ernährt, so wie es die EAT-Lancet-Kommission empfiehlt. Es gäbe dann rund 400 Millionen Wiederkäuer weniger, und die weltweit genutzte Agrarfläche würde um etwa sechs Prozent schrumpfen, das ist ungefähr die Fläche Indiens. Die CO2-Emissionen, die entstehen, wenn für die Landwirtschaft Wald und andere Flächen umgewandelt werden, könnten um 85 Prozent sinken . Die Studie rechnet mit einer überwiegend pflanzlichen Ernährung. Wer vegan lebt, ist dieser Richtung schon ein gutes Stück voraus.

2050 klingt weit weg. Es ist das Jahr, in dem die Kinder, die heute in die Grundschule gehen, Anfang dreißig sind. Für mich persönlich ist vegan der einzige Weg, und nach Recherchen wie dieser bin ich jedes Mal froh, dass ich ihn gefunden habe. Ich werde ihn weitergehen.

Was ein Siegel leisten kann

Zehn Minuten reichen nicht, um zu sehen, wie ein Kalb behandelt wird, wenn niemand hinschaut. Das Siegel auf der Milchpackung erzählt von einer Kontrolle. Es erzählt nichts von den Stunden davor und danach.

Ich werde euch nicht sagen, was ihr morgen in den Einkaufswagen legen sollt. Ich wünsche mir nur, dass ihr beim nächsten Blick auf ein Tierwohl-Siegel an diese zehn Minuten denkt.

Interessante Beiträge

Kategorien & Stichworte