Die Zettelwirtschaft
"Bitte in ganzen Sätzen"
Kurzgeschichte von Anne
14.10.2026

Hinweis: Hin und wieder schreibe ich Kurzgeschichten. Ab und an landet auch eine davon hier auf Sounds Vegan. Diese hier ist eine davon. Jede Ähnlichkeit der in dieser Geschichte vorkommenden Figuren und Handlungen mit real existierenden Personen oder Vorkommnissen ist rein zufällig und in keiner Weise beabsichtigt. Die Geschichte ist frei erfunden.
Eine Woche, hatte Fenja am Telefon gesagt. Nur den Hund ausführen und die Pflanzen gießen, alles Weitere liege auf dem Tisch. Detlef Pohlmann hatte keinen Grund gesehen, an dieser Darstellung zu zweifeln.
Pohlmann (58, Oberstudienrat für Deutsch und Englisch, seit 31 Jahren am selben Gymnasium in Celle, keine Haustiere) war am Sonntagnachmittag mit dem Zug nach Hamburg gefahren. In seinem Rollkoffer lagen der Duden und die Erörterungen der 11b, außerdem ein Hemd für jeden Tag und die moosgrüne Strickjacke, die er seit dem Referendariat besaß. Fenja war die Tochter seiner Schwester. Sie spielte Bass in einer Band, deren Musik er einmal auf einer Familienfeier gehört hatte. Es hatte zwölf Minuten gedauert, bis etwas passierte, und dann war es sehr laut geworden. Jetzt war die Band auf Tour durch Norwegen, und jemand musste sich um die Tiere kümmern.
Direkt nachdem er die schwere, stark abgenutzte Wohnungstür hinter sich zugezogen hatte, war ihm etwas aufgefallen, das vollkommen im Kontrast zu Fenjas Musik stand. Ihre Wohnung im Erdgeschoss eines Altbaus im szenigen Stadtteil Eimsbüttel war voller Licht. Es war Mitte Oktober, aber die Sonne schien, als hätte ihr niemand Bescheid gesagt. Sie fiel durch die hohen Fenster auf alte Dielen und auf mehr Pflanzen, als Pohlmann in einer Mietwohnung für vernünftig hielt. Am Plattenregal rankte sich etwas Grünes bis unter die Decke. Die Flügeltüren zum Garten standen offen, draußen blühten Astern und gelbe Blumen, deren Namen er nicht kannte. Im Sonnenfleck vor der Tür schlief ein rotbrauner Hund. Als er ihn bemerkte, hob er kurz den Kopf, legte ihn jedoch gleich wieder ab. Er schien zu dösen oder sich in einer Art meditativem Zustand zu befinden, ebenso wie ein orangefarbener Kater, der eingerollt auf einer Strickdecke lag, die locker über dem Sofa hing. Der Kater würdigte den Mann keines Blickes. Ganz im Gegenteil. Er schien sich nach seinem Betreten des gemütlichen Wohnraums noch mehr in sich zurückzuziehen. Sein Blick war abgewandt und Pohlmann konnte nicht erkennen, ob seine Augen geöffnet oder geschlossen waren.
Am Kühlschrank hing zwischen Polaroids, auf denen junge Leute mit Instrumenten vor einem Kleinbus standen, ein Zettel mit einem Herzen.
"Danke, Onkel Detlef! Futter ist im Schrank links. Seitan muss morgens, mittags und abends raus. Alles Weitere liegt auf dem Tisch."
Pohlmann las den Namen des Hundes zweimal. Dann zog er den Rotstift aus der Brusttasche, strich das e und das i durch und schrieb ein a darüber. Wer seinen Hund Satan nannte, sollte es wenigstens richtig schreiben. Der Kater kam auf dem Zettel nicht vor. Er schien es nicht zu vermissen.
Auf dem Tisch lag tatsächlich eine ganze Menge. Der Oberstudienrat zählte siebenundzwanzig gelbe und rosa Klebezettel, die in Fenjas runder Handschrift beschrieben waren, dazwischen Tuben und Fläschchen, deren Zweck sich Pohlmann nicht erschloss. Er legte seinen Duden auf ein paar lose Blätter am Rand, damit nichts wegwehte, und setzte sich. "Gieß die Monstera erst, wenn sie fragt", stand auf dem ersten Zettel. Pohlmann setzte das fehlende Komma und nahm sich den nächsten vor. Bei den meisten fehlten Kommata, bei einigen sogar komplette Satzglieder. Auf einem stand nur "Hund im Licht", und Pohlmann setzte "Bitte in ganzen Sätzen!" darunter, wie er es seit 31 Jahren an die Ränder von Klassenarbeiten schrieb. Auf einem Tiegel Nachtcreme klebte ein Zettel mit den Worten "Nachts wirken lassen", aber das betraf ihn wohl nicht. Die übrigen Anweisungen kamen ihm etwas blumig vor. Allerdings war Fenja Musikerin und er war ein Mensch, der sich an Anweisungen hielt. Vor allem an schriftliche.
Am Montag begann er, sich an die Zettel zu halten. "Das Sofa gehört dem Kater", stand auf einem davon und daran gab es nichts zu korrigieren. Pohlmann korrigierte also am Tisch, auf einem Holzstuhl, über dessen Lehne er die Strickjacke hängte. Der Kater sah ihm vom Sofa aus zu wie ein Vermieter bei der Wohnungsabnahme. Die Gartentür blieb offen, bis die Bienen schliefen, so verlangte es ein anderer Zettel. Den ganzen Tag kamen immer wieder Hummeln hereingeflogen. Sie drehten ihre Runden über den Erörterungen, als wollten sie nachsehen, wie es um die 11b stand. Kurz vor der Dämmerung spazierte eine graue Katze herein und fraß in der Küche den Napf leer. Der Kater hielt es nicht für nötig, sich einzumischen. Als es dunkel war, schloss Pohlmann die Tür. Er nahm an, dass die Bienen nun schliefen.
Auf einem weiteren Zettel stand "Wo der Hund liegt, ist es fünf Uhr", seit Sonntag mit rotem Komma. Pohlmann hatte das für dichterische Freiheit gehalten. Am Dienstag fiel ihm auf, dass der Hund wanderte. Satan, wie Pohlmann ihn nannte, ohne dass einer von beiden etwas dagegen hatte, folgte dem Sonnenfleck durch das Zimmer. Morgens lag er unter dem Fenster, mittags unter dem Tisch auf Pohlmanns Füßen, am Nachmittag auf dem Juteteppich und schließlich vor der Gartentür. Als er dort ankam, sah Pohlmann auf seine Armbanduhr. Es war fünf. Am Mittwoch prüfte er es noch zweimal nach. Am Donnerstag ließ er die Uhr im Badezimmer liegen.
Die Monstera fragte bis Mittwoch nicht. Pohlmann sah jeden Morgen nach ihr. Einmal sprach er sie sogar an. "Und?", fragte er, obwohl außer den Tieren niemand da war. Doch die Grünpflanze antwortete nicht. Zumindest hörte er nichts. Am Mittwochnachmittag ließ sie die Blätter hängen. Pohlmann wertete das als Frage und holte die alte emaillierte Gießkanne mit der Delle unter dem Waschbecken in dem kleinen mit rosa Teppich ausgelegten Badezimmer mit den Kakteen am Fenster. Die musste man wiederum nicht gießen. Das wusste er noch aus seiner Kindheit. Wer es ihm damals erzählt hatte, war ihm entfallen. Doch da musste etwas dran sein, schließlich stammten sie ursprünglich aus Wüstenregionen.
Einer der gelben Zettel sagte nur "Blumen für niemanden". Pohlmann pflückte im Garten ein paar Astern und späte Margeriten und stellte sie in einem Wasserglas, das er auf einem massiven Holzregal fand, das unter dem Küchenfenster stand und auch das Hundefutter enthielt, auf den Tisch. Es kam niemand. Insofern hatte wohl alles seine Richtigkeit.
Am längsten beschäftigte ihn ein Zettel, der schräg an Fenjas überfülltem Plattenregal klebte. "Lauter, als du dich traust", stand darauf, das Komma ebenfalls in Rot. Am Freitagabend gab er nach. Er zog eine LP heraus, deren Hülle hauptsächlich aus Nebel bestand, legte sie auf und drehte den Regler weiter auf, als er sich traute. Zehn Minuten lang passierte fast nichts. Eine Gitarre wiederholte vier Töne, irgendwo darunter summte etwas. Pohlmann korrigierte weiter.
In der elften Minute brach das Stück plötzlich über den Oberstudienrat herein wie ein unvorhergesehener, epochaler Wolkenbruch. Sein Rotstift fuhr quer über die Erörterung von Melina aus der 11b, während es aus der Wohnung über ihm energisch klopfte. Der Hund schlief weiter. Der Kater öffnete ein Auge und schloss es wieder. Pohlmann ließ die Platte bis zum Ende laufen. Dann legte er sie noch einmal auf. Melina bekam eine Zwei. Um den Strich in ihrem Heft machte er sich keine Gedanken. Er ließ ihn stehen.
Am Sonntag kam Fenja zurück. Als sich der Schlüssel im Schloss drehte, war der Hund gerade an der Gartentür angekommen. Es musste also fünf Uhr sein. Er sprang auf und vergaß die Sonne. Fenja stellte ihren Bass im Flur ab und umarmte ihren Onkel. Sie roch nach acht Tagen Kleinbus, nach Konzerthalle und ein kleines bisschen nach Salbei. Sie blieb kurz vor dem Tisch stehen und holte inne, bevor sie, die Hände in die Hüften gestemmt, durch den Raum ging und ihre Zettel las, einen nach dem anderen. Minuten schienen zu verstreichen, bevor sie etwas sagte.
"Du hast unsere Titel korrigiert",
sagte sie schließlich.
"Welche Titel?"
"Die Songtitel fürs neue Album. Die haben wir im Sommer hier am Tisch geschrieben." Sie hielt den Tiegel mit der Nachtcreme hoch. "Das hier wird die erste Single."
Pohlmann sah zur Monstera, die sich gut erholt hatte, und dann zur Gartentür, durch die just in diesem Moment eine Hummel hereinkam. "Und was hätte ich tun sollen?", fragte er.
Fenja hob den Duden an. Darunter lag ein Blatt, eng beschrieben in ihrer runden, künstlerischen Handschrift. "Monstera einmal die Woche gießen", las sie vor. "Auf's Sofa darfst du, der Kater rutscht. Abends die Gartentür zu, sonst kommt die Katze von Frau Möller und frisst alles weg."
Pohlmann dachte an die graue Katze. Sie war jeden Abend gekommen und die beiden hatten sich gut verstanden. Dann rechnete er nach. Die Monstera hatte er genau einmal gegossen.
"Und der Hund heißt Seitan",
sagte Fenja und tippte auf den Zettel am Kühlschrank.
"Mit e-i. Wie das aus Weizen."
Der Hund sah Pohlmann an, als wäre ihm das auch neu. Fenja entdeckte die Astern im Wasserglas und den gelben Zettel daneben, und dann fing sie an zu lachen.
Das Album erschien im März. Es hat acht Stücke, in denen kein einziges Wort gesungen wird, und heißt "Bitte in ganzen Sätzen". Im Booklet steht Detlef Pohlmann unter Lektorat. Unter Zeitansage steht Seitan.



