"Nicht groß nachdenken, einfach machen!"
S.U.G.A.R. und warum der beste Punk immer noch im Proberaum entsteht
Interview von Anne
22.09.2026

Für einen Schnaps am Grab von Bon Scott sind S.U.G.A.R. bei über 40 Grad im Schatten bis nach Fremantle gereist. Mit "III" ist das Berliner Trio jetzt zurück und es ist lauter und klarer als je zuvor. Ihr neues Album haben sie komplett in Eigenregie im Proberaum eingespielt und produziert. Ich habe mit Flo, Padde und Miffi über den DIY-Weg zur Platte gesprochen, über den Reiz des Lo-Fi-Sounds und darüber, warum sich die düstere Stimmung der frühen Punk-Jahre gerade wieder so aktuell anfühlt.
Im Gespräch wurde schnell klar, dass hinter dem selbstironischen Bandmythos von Ex-Jonas-Brothers und "S.U.G.A.R. gods and masters" jede Menge Haltung steckt. Flo erzählte mir von dem Song, den er an Ozzys Todestag geschrieben hat und warum ihm Comics und Songtexte helfen, seinen Zynismus über die Welt loszuwerden. Padde hat mir erzählt, was Sonny Vincent und die TESTORS für ihn bedeuten und welche Kraft Punkbands rund um den Globus miteinander verbindet. Viel Spaß mit diesem ganz besonderen Interview über die Wut und den Humor, mit denen S.U.G.A.R. ihre kompromisslose Liebe zum Rock'n'Roll ausleben.
Anne: Ihr beschreibt euren Sound ja als Mischung aus australischem Rock, früher Punk-Tradition aus aller Welt und der "grauen Schönheit" deutscher Kalter-Kriegs-Tristesse. Ist der Kalte-Kriegs-Einfluss für euch eher eine Stimmung, eine Ästhetik oder ein festes Element eurer Songs?
Flo: Aus meiner Sicht ist die kalte Kriegs-Stimmung wahrscheinlich für die meisten aktuell gerade sehr präsent. Und das spiegelt sich zwangsläufig in unserer Musik wider. Man kann sich ja leider dem ganzen Wahnsinn, der Aufrüstung, Korruption und Manipulation nicht entziehen. Und ich für meinen Teil habe noch kein anderes Ventil gefunden, damit umzugehen, ohne verrückt zu werden.
"Die Punkbands der 1970er und 1980er haben uns beeinflusst"

Padde: Unsere größten Einflüsse sehe ich in Bands so zwischen 1975 bis 1985. Angefangen von Punkbands der allerersten Stunde über Weiterentwicklungen hin zum Power-Pop oder NWOBHM bis zum frühen Post- und Hardcorepunk gibt es ungemein viele interessante Bands, die für mich immer noch von Stellenwert sind und mir zeitlos erscheinen. Die Musik ist voll von jugendlicher Wildheit, roher Energie und Unangepasstheit, aber auch von großer Skepsis, Zukunftsangst und dem Gefühl, dass die Mächte dieser Welt uns alle in die falsche Richtung lenken. Seltsamerweise erleben wir im Moment wieder eine ähnliche Stimmung, obwohl wir diese Zeiten doch schon längst hinter uns hatten. Scheinbar.
Anne: "III" wird als euer bislang lautestes und eingängigstes Album gehandelt. Was habt ihr dieses Mal im Studio und beim Songwriting, anders gemacht?
Flo: Dieses Mal wollten wir die komplette Kontrolle über die Produktion behalten. So DIY und unabhängig wie möglich und zu unseren Bedingungen. Unsere Stärke ist sowieso, alles live einzuspielen. Da hat sich die Eigenregie im Proberaum angeboten und war für den Sound der Platte total hilfreich.
Padde: Beim Songwriting ist eigentlich nach wie vor Flo der kreative Kopf der Band. Er hat meist die Idee für einen Song und wir, Miffi und ich, geben im Proberaum unseren Senf dazu und probieren einfach aus.
Miffi: Wie Flo schon sagt: DIY. Wir haben Stück für Stück uns alles besorgt, was für eine "professioneller" Session benötigt wird. Wir sind da ohne wirklich großartige Vorkenntnisse rangegangen. Das war schon ein Learning by doing Prozess. Das hat großen Spaß gemacht und wir sind auch letztlich sehr happy, was daraus geworden ist.
Anne: Während Punk bei manchen Bands heute immer glatter zu werden scheint, haltet bewusst an der Lo-Fi-Produktion fest. Was schätzt ihr daran besonders? Worauf würdet ihr ungern verzichten?
"Man muss spüren, dass die Band das mit Leidenschaft eingespielt hat"
Padde: Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, Punkbands wollen nicht glatt klingen, ich glaube, Punkbands wollen echt und nahbar klingen. Und mit ehrlicher Produktion. Natürlich wird mal ein bisschen hier und da getrickst oder geoverdubbed, aber letztendlich muss man spüren, dass die Band zusammen etwas mit Leidenschaft eingespielt hat. Da verzeihe ich gerne mal ein paar Fehler. Who's perfect?
Flo: Ich denke, die Herangehensweise hat in erster Linie mit unserem Geschmack und unseren Wurzeln zu tun und macht den klassischen S.U.G.A.R. Sound aus.
Miffi: Nicht groß nachdenken. Einfach machen.
Anne: Flo und Padde, die Doppel-Vocals sind ein Markenzeichen von S.U.G.A.R. Teilt ihr die Zeilen bewusst zwischen euch auf, oder ergibt sich das eher natürlich?
Padde: Meist ergibt es sich natürlich. Ich streue gerne mal aus dem Bauch heraus beim Spielen etwas ein. Mal funzt es direkt, mal müssen wir etwas länger daran tüfteln, aber wir haben großen Spaß daran, mit unseren zwei Stimmen zu experimentieren, und wir lieben den natürlichen Effekt des gedoppelten Gesangs.
Anne: Eure Australien-Tour hat euch bis nach Perth und sogar zum Fremantle Cemetery geführt. Was ist da passiert, dass ausgerechnet ein Friedhof in eurer Bandgeschichte hängen geblieben ist?
Padde: Eine tolle Geschichte: Es ist für mich ein riesengroßer Traum in Erfüllung gegangen, ein einziges Mal in meinem Leben am Grab von Bon Scott mit meinen Best Buddys einen Schnaps zu trinken. Um dann noch mit australischen Punkbands zusammen Konzerte zu spielen, zeugt von der unglaublichen Kraft, die Punkbands weltweit miteinander verbinden kann.
Flo: Ohne ACDC wären wir ziemlich sicher nicht bis Perth gekommen. Fast hätten wir auf Anraten eines Fremantler Nachbarn noch Bon Scotts Mutter besucht. Über den Highway to Hell, versteht sich. Aber man will es ja nicht zu sehr auf die Spitze treiben. Nicht am zweiten Tourtag zumindest.
Miffi: Das darf nicht auf der Bucket-List fehlen, wenn man schon einmal da ist. Man muss auch kurz erwähnen, dass es an dem Tage über 40°C im Schatten waren. Wir sind da förmlich geschmolzen.
Anne: Über eure Künstlernamen Padde "Probleme", Flo "The Fly" und Thee Mighty Miff, aka Hank Miffi möchte ich ein bisschen mehr wissen. In euren Bios erzählt ihr gerne mal, ihr wärt Ex-Jonas-Brothers mit gemeinsamem Zahnarzt. Wie viel Selbstironie und wie viel ehrlicher Größenwahn stecken in Rollen wie "Späti-Rebellen" und "S.U.G.A.R. gods and masters"?
"Wir lieben die BLOWERS!"
Padde: Tss, auf diese Frage kann ich weder ehrlich noch größenwahnsinnig antworten (lacht).
Flo: Weltherrschaftsbestrebungen müssen auch später im geschichtlichen Kontext locker von der Zunge rollen, wie man weiß. Heino hätte es als Heinz Georg Kramm niemals geschafft.
Anne: Ihr habt eine Split-10" mit BLOWERS aus Melbourne gemacht. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Padde: Kit Atkinson von den BLOWERS hat den unermesslichen Anteil daran, dass es überhaupt zu unserer Aussie-Tour kam, so dass es nur eine Frage der Zeit war, sich erkenntlich zu zeigen. Über Konzerte mit den Aussies STIFF RICHARDS sind wir vernetzt worden und es war ein absoluter Glücksfall. Wir lieben die BLOWERS allesamt, tolle Menschen!
Flo: Persönliche Sympathie, ähnlicher Ansatz, eigenwillige Interpretation. Unberechenbar und unterhaltsam. Kit Atkinson ist ein Freund von meinem ausgewanderten damaligen Bandkollegen. Über ihm hat alles angefangen.
Anne: "First Light" möchte den Geist von NYC '76 heraufbeschwören. Sind Bands TESTORS und LYRES, die ihr in dem Zusammenhang nennt, echte musikalische Ankerpunkte für euch und gibt es noch mehr davon?
Flo: Pass the torch from one Kramer to another ...
Padde: Ich möchte keinen Hehl daraus machen, dass TESTORS beziehungsweise SONNY VINCENT einen riesigen Stellenwert in meinem Leben besitzt. Er verkörpert für mich lebenslängliche Hingabe zur Punkrockmusik. Natürlich sind unbedingt noch DEAD MOON ein großer Ankerpunkt, oder bis zuletzt ein WAYNE KRAMER. Diese Ausnahmemenschen verkörpern für mich ein bedingungsloses Sein für den Rock'n'Roll, ohne jemals die großen Bühnen und den Mammon zu erreichen, den sie alle für mich verdient hätten. It's a long way to the top ...
Anne: Die Vinyl-Edition von "III" kommt mit Comic, den "Flo Drawings", abgedruckten Texten und Einblicken in euren Alltag. Flo, wie viel von dir als Zeichner steckt in diesem Gesamtpaket?
Flo: Ich würde sagen, für mich sind sowohl die Comics, als auch die Texte immer Momentaufnahmen, mit deren Hilfe ich meine Gefühlswelt kanalisieren kann und meinen Zynismus und meine Wut über die Welt aus meinem System bekomme. Sonst würde ich ziemlich schnell ziemlich verbittert. Zum Teil ist alles so absurd, dass das für mich der bisher beste Weg ist, meinen Humor halbwegs zu behalten.
Anne: Eure Songtitel ("Reaper", "Friend Or Foe", "Iron Claw", "Nothing's Ever Changed") hören sich wie Statements an. Gibt es ein inhaltliches Thema, das sich für euch durch "III" zieht?
"Ich habe 'Reaper' an Ozzys Todestag geschrieben"
Flo: "Reaper" habe ich an Ozzys Todestag geschrieben. Ich glaube, die erwähnte Absurdität der Dinge zieht sich durch. Die Menschheit entwickelt sich rückwärts und die Ikonen, die für Individualismus und gesellschaftlichen Umbruch stehen, (zumindest in meinen Augen), sterben so langsam aus. Das verstärkt das Gefühl bei mir, gegen Windmühlen zu kämpfen. Man kann anscheinend auf Mayhem nur mit Mayhem reagieren … Ansonsten ist klassisch nach Schema F Geburt, Arbeit, Tod angesagt.
Anne: Was steht für euch als Nächstes an?
Padde: Ich für meinen Teil würde supergerne mal nach UK. Ich schätze all die ganzen tollen Bands und die Rocktradition seit den 1960ern so sehr, aber ich habe es noch nie dorthin geschafft. Daran planen wir.



