Jonas von Dimwind über das neue Album "The Carrion Waltz"
"Es ist ihre Geschichte. Von der Diagnose über die Behandlung bis zum Überleben"

Wenn ihr Sounds Vegan schon eine Weile verfolgt, sind euch Dimwind hier ganz sicher schon mal begegnet. Das schwedische Post-Metal-Projekt gehört zu den Bands, über die ich seit Jahren immer wieder schreibe, angefangen mit dem Debütalbum "Slow Wave Violence" im Jahr 2021, über die gemeinsame Split-EP "Seasons" mit Breaths im Jahr 2022, bis zu "The Futility of Breathing" im Jahr 2023. Jetzt sind Jonas Eriksson, Andreas Hansen und ihr neues Bandmitglied Misha Sedini mit "The Carrion Waltz" zurück und ich habe Jonas dazu einige Fragen gestellt.
"Carrion Waltz" ist ein Album, das alles verändert. Denn zum ersten Mal ist Dimwind kein Instrumental-Projekt mehr. Mit Mishas Stimme hat die Band eine neue Dimension gefunden, die schwer, verletzlich und unverkennbar ist. Dass Jonas und ich uns erneut zum Interview verabredet haben, war keine Frage – sondern eine Selbstverständlichkeit. Ich hatte die Chance, ihm ein paar Fragen zu stellen. Viel Spaß mit meinem Interview!
Anne: Hi Jonas! Es ist so schön, dich mal wiederzuhören. Wie geht es euch?
Jonas: Uns geht's großartig, danke. Wir können es kaum erwarten, das neue Album endlich mit der Welt zu teilen.
Anne: Als ich dich 2021 zu eurem Debütalbum "Slow Wave Violence" interviewt habe, hast du am Ende fast beiläufig erwähnt, dass die nächste Dimwind Veröffentlichung vielleicht mit Gesang sein könnte. Mit "The Carrion Waltz" habt ihr das jetzt tatsächlich verwirklicht. War das immer ein Ziel, auf das ihr hingearbeitet habt, oder war es eher ein offenes Experiment?
"Wir spürten den Drang, einen Sänger zu finden, der unserem Ausdruck mehr Gewicht verleiht"

Jonas: Die Tatsache, dass Andreas und ich Dimwind als instrumentales Post-Rock-Projekt gegründet haben, war selbst fast ein offenes Experiment. Wir wollten sehen, was wir ohne Gesang erschaffen könnten, vor allem, nachdem wir uns gerade von dem Sänger unserer vorherigen Band getrennt hatten. Nach zwei instrumentalen Alben spürten wir allerdings den Drang, diese Dimension wieder zu erkunden. Wir wollten eine*n Sänger*in finden, der*die unserem Ausdruck mehr Gewicht und Tiefe verleihen würde. Als wir Misha begegneten, fiel dann irgendwie alles an seinen Platz.
Anne: Ich habe Dimwind seit 2021 auf Sounds Vegan präsentiert. Eine ganz besondere Geschichte ist die eurer Split-EP "Seasons" mit Breaths. Breaths-Gründer Jason hat mir damals erzählt, dass er Dimwind über meine Webseite entdeckt hat. Das hat mich wirklich überrascht und überglücklich gemacht, dass zwei tolle Projekte durch meine Seite zueinander gefunden haben. Sind seitdem noch weitere Verbindungen über Sounds Vegan entstanden (lacht)?
Jonas: Das war wohl ein ziemlich seltener Glücksfall. Leider nicht.
Anne: Ich habe gelesen, dass die Suche nach dem richtigen Sänger eine Weile gedauert hat. Wie hat euch Misha Sedini stimmlich und menschlich ergänzt?
Jonas: Er hat die Bandbreite mitgebracht, nach der wir gesucht haben. Die Fähigkeit, sowohl zu singen als auch zu schreien. Auf dem Album zeigt er diese Vielseitigkeit wirklich eindrucksvoll: Die ruhigeren Passagen klingen melodisch und zart, während er den schwereren Teilen echte Energie und Kraft verleiht. Er fügt sich auch menschlich ganz natürlich in die Band ein. Er ist in unserem Alter und teilt unsere Arbeitseinstellung.
Anne: In eurem Press Release zum Album habe ich gelesen, dass deine Frau während des Schreibprozesses erkrankt ist und Misha selbst den Krebs überlebt hat. Wie habt ihr als Band diesen Moment navigiert, in dem persönlicher Schmerz so unmittelbar zum Thema der Platte wurde? Ich hoffe, es geht beiden inzwischen viel besser.
"Für Misha war es ein kathartischer Prozess, diese Reise noch einmal in Worte zu fassen"

Jonas: Als wir merkten, was wir gemeinsam erlebt hatten, fühlte es sich ganz natürlich an, daraus das Thema des Albums zu machen. Für Misha war es ein kathartischer Prozess, diese Reise durch Krankheit und Behandlung noch einmal zu durchleben und in Worte zu fassen. Die Texte bleiben dabei bewusst offen und laden jede*n Hörer*in ein, eigene Kämpfe und Bedeutungen darin zu finden. Und ja, danke, es geht beiden besser, sie gelten als geheilt. Aber es gibt immer noch viele emotionale Herausforderungen, mit denen man umgehen und leben lernen muss. Meine Frau nimmt zum Beispiel noch viele Medikamente und wird in Zukunft einige Rekonstruktionsoperationen haben.
Anne: "The Carrion Waltz" ist ein Bild, das sowohl Schrecken als auch eine gewisse Würde in sich trägt. Woher kommt dieser Titel?
Jonas: Auf dem Albumcover ist eine Krähe zu sehen, die von einem Pfeil getroffen wurde. Der Vogel, eine Aaskrähe, seit Langem mit dem Tod assoziiert, steht als Symbol für den Krebs, während der Titel selbst auf den "Tanz mit dem Tod" anspielt.
Anne: Eure ersten drei Veröffentlichungen sind alle über Trepanation Recordings erschienen, das inzwischen nicht mehr aktiv ist. "The Carrion Waltz" ist eine unabhängige Veröffentlichung. Wie hat sich das auf den Entstehungsprozess ausgewirkt?
"Misha sagt, das ist mit Abstand seine beste Gesangsarbeit. Wir sind wirklich stolz auf das Ergebnis"

Jonas: Die Entstehung des Albums hat das überhaupt nicht beeinflusst. Der einzige echte Unterschied ist, dass wir die CD-Produktion jetzt aus eigener Tasche bezahlen. Wer uns also unterstützen möchte und ein schön gestaltetes Digipack haben möchte: Wir würden uns wirklich sehr darüber freuen. Es wird jeden Moment auf unserem Bandcamp verfügbar sein!
Anne: Der Opener "The Chime" geht über neun Minuten. Für ein Album, das einen neuen Sänger vorstellt, ist das ein ziemlich mutiger Einstieg. War das eine bewusste Entscheidung?
Jonas: Dieser Song hat sich immer wie ein natürlicher Opener angefühlt, und wir denken, er funktioniert besonders gut, weil er so viele Facetten einfängt, nicht nur von Mishas Stimme, sondern von unserem Ausdruck als Band insgesamt. Wir hoffen, dass die Hörer*innen von dem Song so gefesselt sind, dass sie gar nicht erst an die Länge denken.
Anne: Misha kommt von Come Sleep. Wie hat seine Erfahrung aus diesem Projekt den Sound von "The Carrion Waltz" geprägt?
Jonas: Misha hatte seit dem Debüt von Come Sleep, das vor fast zwei Jahrzehnten erschienen ist, kein komplettes Metal-Album mehr eingesungen. Wir wussten also nicht, was uns erwartete, er selbst auch nicht. Aber zum Glück hat er nicht nur das Growling und die harschen Vocals aus dieser Zeit zurückgebracht, sondern auch viele Clean-Vocals, Chorparts und andere Elemente hinzugefügt, die der Musik genau die neue Dimension gegeben haben, auf die wir gehofft hatten. Natürlich hat es eine Weile gedauert, uns kennenzulernen und eine gute Arbeitsweise zu finden. Wir haben aber irgendwann gelernt, wo wir schieben, ziehen und nachgeben müssen. Misha sagt, das ist mit Abstand seine beste Gesangsarbeit, und wir sind wirklich stolz auf das Ergebnis. Das spricht für sich.
Anne: In unserem Gespräch von 2021 hast du mir euren Schreibprozess beschrieben: erst die Drums und das Grundgerüst, dann die Gitarren, der Bass und die Keyboards im Homestudio, gefolgt von viel Abstimmung per E-Mail. Ich erinnere mich an den Kellerproberaum, den du mir damals beschrieben hast. Hat sich euer Prozess durch das dritte Bandmitglied verändert? Misha wohnt ja zudem auch noch in einer anderen Stadt, wie ich gehört habe?
"Wir bauen gerade unser eigenes Studio in einem alten Betonbunker – so Underground wie noch nie"

Jonas: Haha, eigentlich hat sich nicht viel verändert. Mishas Dazukommen hat den Prozess nur etwas verlängert. Wir schreiben und nehmen immer noch auf die gleiche Weise auf, und Misha fügt seine Parts in seinem Heimstudio hinzu. Wir haben allerdings ein paar Mal den Proberaum gewechselt und bauen gerade unser eigenes Studio in einem alten Betonbunker aus. So underground wie noch nie.
Anne: Das Artwork von Obsidian Imagery zeigt einen Raben, der von einem Pfeil durchbohrt ist und dennoch die Flügel ausbreitet. Wie eng habt ihr mit dem Illustrator zusammengearbeitet und was sollte das Bild vermitteln?
Jonas: Eigentlich hatte er das Artwork bereits fertig, und als wir darüber gestolpert sind, hat alles sofort gepasst – es fügte sich so perfekt in das Thema ein, das wir gerade zusammenweben.
Anne: 2021 hast du gesagt, dass Dimwind niemals aufhören werden, neue Musik zu schreiben, und wahrscheinlich dennoch nie auf Tour gehen. Ich glaube, ich kenne die Antwort auf den zweiten Teil schon. Aber gilt das noch?
Jonas: Ja, Musik zu machen ist so ein wichtiger Teil unseres Lebens. Das wird so lange weitergehen, wie wir es können, hoffe ich. Und nein, Live-Shows werden nicht stattfinden. Wir wissen einfach nicht, wie wir das stemmen sollten. Wir sind ewig beeindruckt von all den Bands, die es immer wieder schaffen, live zu spielen und auf Tour zu gehen.
Anne: "The Futility of Breathing" hat euch 2023 sehr viel Lob von der Kritik eingebracht. Hat das beim ersten Vokalalbum Druck aufgebaut, oder habt ihr das komplett ausgeblendet?
Jonas: Positives Feedback ist natürlich immer etwas, worauf man hofft. Aber diese Erwartungen und Gefühle sind meistens an den Release des Albums gebunden. Während des Schreibprozesses denken wir kaum an diese Seite des Album-Zyklus.
Anne: Die Press Release beschreibt das Album als Hommage an das Kämpfen und Überleben. Wann habt ihr gemerkt, dass das der Kern davon ist?
Jonas: Das war früh klar. Es ist die Geschichte von Misha und seiner Frau, die ebenfalls Krebs überlebt hat. Und die meiner Frau: von der Diagnose über die Behandlung bis zum Umgang mit den Nachwirkungen der Krankheit und dem Überleben am Ende.
Anne: 2021 hast du mir erzählt, dass du seit Jahren kein Fleisch mehr isst, teilweise inspiriert von deiner Frau. Ich schätze, ihr beide habt seitdem noch viele weitere Menschen dazu gebracht, es euch gleichzutun?
Jonas: Ich wünschte, wir hätten einen solchen Einfluss auf andere. Leider scheinen sich jedoch die meisten Menschen nicht sonderlich für diese Themen zu interessieren. Ich bin fast immer derjenige, der kein Fleisch isst und damit aus der Reihe fällt, obwohl die Entscheidung, den Fleischkonsum zumindest zu reduzieren, eigentlich für jeden Priorität haben sollte.
Anne: "Absorbing The Infinite Impermanence" schließt das Album nach über sieben Minuten ab. Es hat eine sehr offene, unaufgelöste Qualität. Habt ihr das bewusst so gehalten? Ein Album, das keine Auflösung anbietet?
Jonas: So sehr wir das Thema des Albums auch nicht verbergen, hat Misha die Texte bewusst auf poetische Weise geschrieben, um den Hörer*innen Raum für eigene Interpretationen zu lassen. Seine Texte spielen oft mit Worten, um die widersprüchlichen Gefühle zu beschreiben, die wir alle in uns tragen. In diesem konkreten Song ist es die überwältigende Todesangst des Protagonisten, die ihn nach dem Überleben daran hindert, wirklich zu leben. Diese Erkenntnis wird in der letzten Zeile deutlich:
"I will refuse the will to survive so I can exist, effloresce and crystallize"
Für uns fühlt sich dieser Moment wie ein Abschluss an.
Anne: Vielen Dank, dass du meine Fragen beantwortet hast! Es war mir wie immer eine Freude. Alles Gute für euch!



