"Fassaden" von Alina Cyranek

Kinostart der Dokumentation über häusliche Gewalt

Anne

Filmtipp von Anne
07.01.2026 — Lesezeit: 5 min

"Fassaden" von Alina Cyranek
Bild/Picture: © hugfilms, rotzfrech cinema

"Fassaden" heißt das nächste Kinoereignis, das wir uns im Kalender notieren sollten. In ihrem mehrfach preisgekrönten Langfilm-Debüt erzählt Alina Cyranek die Geschichten von vier von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen. Die Dokumentation ist ein Weckruf. Sie macht darauf aufmerksam, was sich in unserer Gesellschaft und dem ihr zugrunde liegenden System grundlegend ändern muss. Die Schauspielerin und Dozentin Sandra Hüller (unter anderem bekannt durch "Requiem", "In den Gängen" und "Sisi und ich") ist die Stimme im Film. Tanz und Animation verdeutlichen das Unsagbare.

Im Januar gibt es eine Kinotour zum Film, den bundesweiten Kinostart haben hugfilms und rotzfrech cinema für das Valentinstagswochenende am 12. Februar angesetzt. Alina Cyranek zeigt in "Fassaden" die strukturelle Dimension partnerschaftlicher Gewalt gegen Frauen, wie sie in unserer Gesellschaft verankert ist und tagtäglich stattfinden kann.


Wichtiger Hinweis: Solltet ihr selbst oder Menschen in eurem Umfeld von häuslicher Gewalt betroffen sein, findet ihr im Merkblatt von Hilfe-Info wichtige Anlaufstellen. Scheut euch bitte nicht, bei akuter Bedrohung die 110 zu wählen oder Freund*innen oder Nachbar*innen um Hilfe zu bitten.


Darum geht es in "Fassaden"

Filmplakat "Fassaden". Bild/Picture: © hugfilms, rotzfrech cinemaFilmplakat "Fassaden". Bild/Picture: © hugfilms, rotzfrech cinema

Die Zahlen1 sind beängstigend und sprechen für sich: Frauen erfahren jeden Tag häusliche Gewalt. Diese Gewalt bleibt trotz allem weitestgehend verborgen, wird in den wenigsten Fällen bestraft und hört in erschütternd vielen Fällen niemals auf. Sie beginnt mit Worten oder dem Verdrehen dieser, dem Aberkennen erlebter Gefühle und häufig auch mit der Abschottung einstiger sozialer Kontakte und bewegt sich schleichend immer weiter. Spitzt sich zu und gipfelt in den schlimmsten Fällen in Femiziden.

Alina Cyranek zeigt mit ihrem Film "Fassaden", was Frauen tagein, tagaus in toxischen Beziehungen erleben, wie sich ihre Leben durch die psychische und physische Gewalt in ihrem Alltag verändern und wie sie es schaffen können, einen Ausweg und Hilfe zu finden. Sandra Hüller erzählt die Geschichte einer Frau, die ihre gewalttätige Beziehung verlässt, in der sie viele Jahre gelebt hat. Auch das politische und gesellschaftliche System, in dem wir leben und in dem Wegschauen zum guten Ton zu gehören scheint, durchleuchtet sie. Dabei wird klar, wie stark und scheinbar undurchdringlich die Machtstrukturen hinter den Fassaden sind. Die traurige Erkenntnis dabei: Der Staat bietet Frauen längst keinen ausreichenden Schutz an.

Dem Filmteam um Alina Cyranek ist es gelungen, vier Erfahrungsberichte von Betroffenen zu einer Geschichte zusammenzufügen. Die Frauen bleiben dabei anonym, um sie vor ihren Tätern zu schützen. Die Ereignisse, von denen der Film berichtet, haben sich exakt so abgespielt.

Dazu erschafft ein tanzendes Paar in einer Blackbox Bilder einer Beziehung und sorgt damit für eine eindrucksvolle visuelle Komponente. Alina Cyranek möchte damit die Vielschichtigkeit und Komplexität toxischer Beziehungen verdeutlichen. Die Manipulation wird durch einzelne Frames, die auf Papier ausgedruckt, bearbeitet und wieder in den Realfilm eingefügt werden, nach und nach immer deutlicher. Genauso wie sie sich im wahren Leben anfühlt: Erst ist sie nur vage und kaum wahrnehmbar und allmählich wird sie immer spürbarer, bis sie allgegenwärtig ist und den gesamten Alltag bestimmt.

Interviews mit Expert*innen runden das Werk ab. Sie sorgen für eine klare und sachliche Einordnung der Machtverhältnisse in Beziehungsstrukturen und erklären, was ihnen zugrunde liegt. Nicht nur das macht "Fassaden" zu einem Film, der sicher nicht leicht verdaulich ist. Was er dabei jedoch ganz klar tut, ist, zum Denken anzuregen. Und genau aus diesem Grund sollten wir alle zumindest darüber nachdenken, ihn uns anzuschauen. Häusliche Gewalt beginnt nicht erst bei einer Ohrfeige und sie ist überall. Wir alle sollten aufmerksam sein und niemals schweigen oder wegsehen. Das Verständnis dafür vermittelt Alina Cyranek besonders einprägsam und eindrucksvoll. Sie selbst sagt über ihren Film:

"Formell geht es im Film um Kontraste zwischen Innen und Außen, Privatem und Öffentlichem, Glauben und Fakten, Emotionalität und Objektivität, psychischer und physischer Gewalt. All diese Aspekte sollten nicht bebildern, sondern vielmehr Assoziationsräume entfalten und in Kontrast mit den präzise kadrierten, sachlichen Experteninterviews stehen. Tanz wird als nonverbale Darstellungs- und Ausdrucksform genutzt, um innere Gefühlszustände oder Paardynamiken zu beschreiben. In der Inszenierung des Körpers und seiner Bewegung habe ich die besten Möglichkeiten gesehen, die eigenen physischen Grenzen, Energien, Gefühle, Gedanken, Vorstellungen und Erinnerungen auszuloten, die ohne Worte in Bewegung 'versetzt' werden konnten. Die damit verbundene Haptik, das Physische, war mir in darüber hinaus für den gesamten Film wichtig: Die Animation entstand unter dem Tricktisch mit Papierstills, die Musik wurde mit verschiedenen Klangkörpern eingespielt, das Sounddesign besteht aus Geräuschen von haptischen Materialien, die Grafiken sind handgeschrieben.

Das Selbstverständnis, mit dem die Politik und Gesellschaft der Gewalt begegnet und kleinredet, muss sich grundlegend ändern. Ist das, was in der eigenen Wohnung passiert, wirklich Privatsache? Ich wünsche mir sehr, dass der Film draußen weitergeht: In Gedanken, Gesprächen, Empfehlungen. Über Tabuthemen zu sprechen ist immer der erste Schritt zu einer Veränderung. Wenn Menschen sensibler in ihrem Umfeld hinschauen, Fragen stellen, Unterstützung anbieten, hat sich die Arbeit gelohnt."

Filmmusik von Freya Arde

Die bekannte Filmmusikkomponistin Freya Arde hat die Originalmusik zum Film komponiert. Ihr Soundtrack wird am 21. Januar auf allen bekannten Streamingplattformen erscheinen.

Freya Arde auf Bandcamp besuchen

Kinotour mit Gesprächen

Die Kinotour mit Gesprächen findet in 19 Städten statt, darunter Hamburg, Frankfurt, Berlin und München. Los geht es am 21. Januar in Halle (Saale). Bei allen Terminen auf der Tour habt ihr die Möglichkeit, Alina Cyranek sowie weitere Mitglieder des Filmteams zu treffen. In Berlin ist zudem ein Gespräch mit der Protagonistin und Rechtsanwältin Christina Clemm geplant. Beim Start in Halle wird die Protagonistin und Psychotherapeutin Dr. Anke Schmiedeberg dabei sein.

Kinotourdaten

21.01. | Halle | 19:00 | Puschkino
22.01. | Leipzig | 18:30 | Passage Kinos
23.01. | Dresden | 19:00 | Programmkino Ost
23.01. | Dresden | 20:30 | Thalia
24.01. | Berlin | 19:00 | Kino Krokodil
25.01. | Hannover | 20:00 | Kino im Sprengel
26.01. | Hamburg | 20:00 | Zeise Kinos
27.01. | Ludwigslust | 18:30 | Luna Filmtheater
28.01. | Braunschweig | 19:00 | Universum Filmtheater
06.02. | Frankfurt | 19:30 | Mal Seh’n Kino
07.02. | Dortmund | sweetSixteen-Kino
08.02. | Köln | 16:30 | Filmpalette
09.02. | Mössingen | 17:30 | Lichtspiele Mössingen
09.02. | Reutlingen | 19:15 | Kamino
10.02. | Überlingen | 19:00 | Kammer/Tivoli
11.02. | München | 18:00 | Monopol Kino
11.02. | München | 20:30 | Werkstatt Kino
12.02. | Bamberg | 18:30 | Lichtspiel
13.02. | Wiesbaden | 20:00 | Murnau Filmtheater
14.02. | Regensburg | 11:00 | Regina Filmtheater
18.02. | Jena | 20:00 | Café Wagner

"Fassaden" Credits

Film: "Fassaden" von Alina Cyranek
Kinostart: 12. Februar 2026
Regie und Buch: Alina Cyranek
Voiceover: Sandra Hüller
Tänzer:innen: Gesa Holland, Damian Gmür
Choreographie: Sebastian Weber
Produktion: Alina Cyranek, Falk Schuster (hugfilms)
Bildgestaltung: Tim Pausch
Originalton: Christoph Fleischer
Montage: Maximilian Raible
Animation: Aline Helmcke
Musik: Freya Arde
Composition: Julian Quitsch
Grading: Franziska Heinemann
Sounddesign: Florian Marquardt
Redaktion: Thomas Beyer (MDR), Sabine Lange (arte)
Gefördert von: Mitteldeutsche Medienförderung, Kunststiftung Sachsen-Anhalt, Sächsische Landesmedienanstalt, Kulturstiftung des Freistaates Sachsen

Footnotes

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