"Das Deutsche Volk"

Hanau erzählt: Ein Film, der bleib

Anne

Filmtipp von Anne
28.08.2025 — Lesezeit: 5 min

"Das Deutsche Volk"
Bild/Picture: © milk&water_strandfilm

Heute geht es hier um einen Film, der uns alle sicher noch lange beschäftigen wird. "Das Deutsche Volk" von Marcin Wierzchowski ist keine gewöhnliche Dokumentation. Der Film ist intensiv, erschütternd und er hält diesem Land den Spiegel vor. Er zeigt uns, wie tief der Rassismus in unserer Gesellschaft verwurzelt ist, welche Wunden er tagtäglich hinterlässt und wie Menschen damit leben. Wir alle sollten ihn uns ansehen und werden ihn anschließend nie wieder vergessen.

Am 19. Februar 2020 geschah in Hanau ein rassistischer Anschlag, bei dem neun junge Menschen ihr Leben verloren. Menschen, die Familie und Freund*innen zurücklassen, Menschen mit Träumen und Plänen.

"Das Deutsche Volk". Bild/Picture: milk&water_strandfilm"Das Deutsche Volk". Bild/Picture: milk&water_strandfilm

  • Ferhat Unvar, 23 Jahre, hatte gerade noch seine abgeschlossene Ausbildung zum Installateur gefeiert
  • Hamza Kurtović, 22 Jahre, Fachlagerist
  • Said Nesar Hashemi, 21 Jahre, Maschinen- und Anlagenführer.
  • Vili Viorel Păun, 23 Jahre alt, hatte sich auf sein bevorstehendes Informatikstudium gefreut.
  • Mercedes Kierpacz, 35 Jahre, Mutter von zwei Kindern.
  • Kaloyan Velkov, 32 Jahre, unterstützte seine Familie
  • Fatih Saraçoğlu, 34 Jahre alt, Selbstständiger
  • Sedat Gürbüz, 29 Jahre, Betreiber der Shisha-Bar "Midnight"
  • Gökhan Gültekin, 37 Jahre, Maurer mit eigenem Unternehmen

Das Attentat von Hanau hat die Familien, Freund*innen und Überlebenden im Umfeld der Getöteten zutiefst erschüttert und wirft Fragen auf, die uns alle betreffen. Warum werden Menschen ausgeschlossen? Wie gehen wir als Gesellschaft mit Rassismus um? Rassistischer Gewalt, strukturellem Rassismus, Rassismus im Alltag, in unserer Sprache und in unserem Handeln.

Sedat Gürbüz. Bild/Picture: milk&water_strandfilmSedat Gürbüz. Bild/Picture: milk&water_strandfilm

Marcin Wierzchowski hat sich diese Fragen gestellt und die Hinterbliebenen über vier Jahre mit der Kamera begleitet. Er hat sie in ihren schwierigsten Momenten gefilmt und ihre Lebensrealität dokumentiert. Dabei ist ein Bild von Menschen entstanden, die kämpfen, uns erinnern und zu Recht Gerechtigkeit fordern. Wierzchowski sagt dazu:

"Die Frage, warum Menschen sich über andere Menschen stellen, beschäftigt mich schon mein Leben lang. Meine persönliche Familiengeschichte ist geprägt von der Zeit des Nationalsozialismus. Teile der Familie wurden von den Nazis ermordet, als Zwangsarbeiter verschleppt und lebten unter dem Terror der Besatzer. Die Polen waren in der Ideologie des NS-Untermenschen, etwas davon bleibt immer zurück. Auf beiden Seiten. Nach dem Anschlag am 19. Februar 2020 begann ich sofort mit den Dreharbeiten. Schnell lernte ich Angehörige der Opfer und Überlebende des Anschlags kennen.


Zur gleichen Zeit trat der erste Corona-Lockdown in Kraft, die meisten Journalist:innen verließen die Stadt. Ich blieb während des gesamten Lockdowns in Hanau. Die Angehörigen trafen sich regelmäßig in einem kleinen Laden und so konnte ich ihr Vertrauen und sie als Protagonist:innen für meinen Film gewinnen. Fast fünf Jahre lang begleitete ich die Angehörigen und Überlebenden mit und ohne Kamera und habe die schwersten Phasen der Trauer miterlebt. So konnte ich über einen langen Zeitraum beobachten, welche Auswirkungen ein solcher Anschlag auf die Hinterbliebenen, Überlebenden und eine Stadt wie Hanau hat und was es in letzter Konsequenz bedeutet, wenn Menschen sich über andere Menschen stellen."

Marcin Wierzchowski bringt seine persönliche Perspektive mit und macht den Film damit zu etwas ganz Besonderem. Er geht nah an die Menschen heran, hört zu und gibt den Hinterbliebenen Raum, ihre Geschichten selbst zu erzählen. Im Film erlebt Ihr, wie sie sich organisieren, Erinnerungen wachhalten und gegen das Vergessen kämpfen.

Emiş Gürbüz. Bild/Picture: milk&water_strandfilmEmiş Gürbüz. Bild/Picture: milk&water_strandfilm

Sedat Gürbüz' Mutter Emiş Gürbüz sagt im Film:

"Jeder Tag ist ein Kampf. Aber wir kämpfen gemeinsam. Wir erinnern uns, wir weinen, wir schreien. Wir bestehen darauf, dass niemand uns übergeht, dass unsere Kinder, unsere Familien, unsere Freunde nicht vergessen werden."

Sedat Gürbüz' Vater Selahattin Gürbüz ergänzt:

"Es geht nicht darum, Rache zu üben. Es geht darum, dass wir gehört werden, dass wir gesehen werden, dass das, was passiert ist, Konsequenzen hat."

Die Stimmen der Hinterbliebenen sind ergreifend. Sie zeigen, wie viel Mut und Kraft die Menschen aufbringen, die diese unglaublichen Verluste erlebt haben, die wir uns alle nicht im Entferntesten vorstellen können. Sie fordern uns zum Hinsehen auf. Wir müssen zuhören und Verantwortung übernehmen. Say Their Names! Vergesst sie niemals!

Die Szenen im Film sind ruhig, respektvoll und intim. Beim Zuschauen begibt man sich nach Hanau und erlebt die Angehörigen beim gemeinsamen Reden, Trauern und Kämpfen. Die insgesamt 132 Minuten sind eine intensive Erfahrung voll Trauer, Schmerz und Wut, aber auch Entschlossenheit, Hoffnung und Zusammenhalt.

Mit ihrer Filmmusik unterstützen Louisa Beck und Kaan Bulak die emotionale Kraft der Szenen. Das Sounddesign von Matz Müller, Ole Ohlendorf, Paul Rischer, Hendrik Jurich und Paul Ziesche lässt die Zuschauenden die Szenen unmittelbar erleben.

Die "Das Deutsche Volk" Kinotour startet am kommenden Wochenende in Städten wie Wuppertal, Berlin, Hamburg, Köln und Hanau. Marcin Wierzchowski wird bei allen Terminen dabei sein. In manchen Städten begleiten ihn Angehörige der Opfer. Ab dem 4. September läuft der Film bundesweit in über 60 Kinos. Hier ein paar Highlights für Euch:

  • Berlin, 03.09., Filmtheater am Friedrichshain: Q & A mit Wierzchowski, Moderation von Mohammed Amjahid, Gäste: Martina Priessner und Heike Kleffner
  • Hamburg, 01.09., Zeise Kinos und Abaton-Kino: Q & A mit Wierzchowski
  • Köln, 31.08., Filmhaus: Q & A mit Wierzchowski

Çetin Gültekin. Bild/Picture: milk&water_strandfilmÇetin Gültekin. Bild/Picture: milk&water_strandfilm

Weitere Termine folgen in Städten wie München, Wiesbaden, Karlsruhe, Leipzig, Stuttgart, Freiburg, Darmstadt und Dortmund. Jeder Termin ist eine Gelegenheit, die Menschen hinter den Geschichten kennenzulernen und ihnen zuzuhören.

Mit seinem Film zeigt Marcin Wierzchowski eindrucksvoll, wie struktureller Rassismus wirkt. Das Versagen der Behörden. Das Schweigen der Politik und die vielen unbeantworteten Fragen. Wie schon so viele Male zuvor, sind auch im Fall von Hanau die Hinterbliebenen diejenigen, die die Aufklärung selbst übernehmen müssen. Sedat Gürbüz' Schwester Sibel Gürbüz sagt:

"Wir mussten die Antworten selbst finden. Niemand sonst hat sie uns gegeben. Wir rekonstruieren die Nacht, wir stellen Fragen, wir fordern Konsequenzen. Wir lassen nicht zu, dass die Erinnerung verblasst."

Die Szenen im Film machen sprachlos. Man liest die Namen der Ermordeten, sieht ihre Gesichter und fragt sich, warum wir als Gesellschaft nicht anders damit umgehen. Und genau darum ist es so wichtig, dass wir alle diesen Film sehen. Niemand darf unberührt bleiben. Wir müssen zuhören und hinsehen. Nicht verdrängen und nicht vergessen.


Hinweis für alle, die "Das Deutsche Volk" barrierefrei erleben möchten: Über die App Greta & Starks1 könnt Ihr den Film ab dem 29. August mit Audiodeskription, Untertiteln und weiteren Funktionen sehen.


Marktplatz Hanau. Bild/Picture: milk&water_strandfilmMarktplatz Hanau. Bild/Picture: milk&water_strandfilm

Über vier Jahre erleben die Zuschauenden im Film, wie die Hinterbliebenen versuchen, ihren Schmerz zu bewältigen – und sich dabei gegenseitig unterstützen. Said Etris Hashemi, Überlebender des Anschlags, dessen Bruder Said Nesar Hashemi getötet wurde, sagt:

"Wir haben gelernt, dass es keine Abkürzungen gibt. Wir müssen präsent sein, wir müssen reden, wir müssen erinnern. Nur so kann sich etwas ändern."

In "Das Deutsche Volk" geht es Marcin Wierzchowski nicht darum, Schuldgefühle zu wecken, sondern vielmehr darum, wach zu werden, solidarisch zu handeln und dem alltäglichen Rassismus in unserem Land wachsam gegenüberzustehen. Zu reagieren, zu reden und die Erinnerung lebendig zu halten.

Geht ins Kino, nehmt Euch Zeit, Euch über das Thema auszutauschen und erzählt anderen von den Geschichten, denen Ihr in "Das Deutsche Volk" begegnet. Marcin Wierzchowski erzählt über seinen Film:

"Fast fünf Jahre lang begleitete ich die Angehörigen und Überlebenden mit und ohne Kamera und habe die schwersten Phasen der Trauer miterlebt. So konnte ich beobachten, welche Auswirkungen ein solcher Anschlag auf die Hinterbliebenen, Überlebenden und eine Stadt wie Hanau hat und was es in letzter Konsequenz bedeutet, wenn Menschen sich über andere Menschen stellen."

Lasst den Film auf Euch wirken und vergesst die Namen der Menschen nicht, denen an diesem Tag in Hanau vom Hass das Leben genommen wurde.

Mehr Informationen zum Film sowie Tourdaten findet Ihr hier.

"Das Deutsche Volk" – Trailer

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