"Apples for Isaac"
Das neue Album von Echo & The Bunnymen
Review von Anne
08.10.2026

Zwölf Jahre hat es gedauert, jetzt ist es da. Echo & The Bunnymen haben im September mit "Apples for Isaac" ihr erstes Album mit neuen Songs seit 2014 veröffentlicht. Besonders "Lab Rats Ran" (Track 9 auf der Platte) hat mich nachdenklich gestimmt, aber es ist noch viel mehr drauf auf dieser langersehnten Musiksammlung der Briten.
Die Band aus Liverpool spielte bei Konzerten in den letzten Jahren vor allem ihre Klassiker. Mit "Apples for Isaac" ist nun ihr 13. Studioalbum als Nachfolger von "Meteorites" erschienen. Sänger Ian McCulloch produzierte die LP selbst und mischte sie gemeinsam mit Alan Moulder und Andrea Wright ab. Direkt im Anschluss an die Veröffentlichung spielte die Band zwei Konzerte im Open Air Theatre im Londoner Regent's Park 1.
Abschied von Clem Burke
Hinter dem Album steht auch eine traurige Geschichte. Blondie-Schlagzeuger Clem Burke, ein langjähriger Freund von Ian McCulloch, trommelt auf zehn der elf Songs. Er starb im April 2025 mit 70 Jahren, noch während der laufenden Aufnahmen für "Apples for Isaac". Die Band widmete ihm die Platte. Wie gefragt die Bunnymen nach wie vor sind, zeigt auch ihr Auftritt als Vorband von My Chemical Romance im Liverpooler Anfield-Stadion 2.

Wer ist Isaac?
Der Albumtitel stammt aus dem Song "Hijacked". Wer Isaac ist, hat die Band bisher nicht verraten. Natürlich denkt man beim Titel aber sofort an Isaac Newton, dem der Legende nach ein fallender Apfel die Idee zur Schwerkraft lieferte. Ob McCulloch das im Sinn hatte, weiß ich nicht. Die Vorstellung gefällt mir trotzdem, denn nach zwölf Jahren Pause kommt dieses Album ein bisschen so überraschend wie ein Apfel, der plötzlich vom Baum fällt.
Als Vorgeschmack veröffentlichte die Band im Juli die Single "Brussels Is Haunted". Darin streift McCulloch durch die belgische Hauptstadt und erinnert sich an durchtanzte Nächte und an Menschen, die dort gekommen und gegangen sind. Und hat da sogar Plastic Bertrand einen Auftritt? Mir kam beim Lesen der Zeilen noch ein ganz anderer Gedanke, denn in Brüssel wird auch darüber entschieden, wie es mit Tierversuchen in Europa weitergeht. Mit dem Song hat das natürlich nichts zu tun, aber bei einem Album mit "Lab Rats Ran" auf der Tracklist hat sich mir diese Verbindung einfach aufgedrängt.
Echo & The Bunnymen – "Brussels Is Haunted"
Grün wie ein Granny-Smith-Apfel
Wenn ihr euch die Platte ins Regal stellen möchtet, habt ihr die Wahl zwischen schwarzem Vinyl, Picture Disc, CD und einer Special Edition im grünen Splatter-Vinyl-Design. Und natürlich gibt es auch eine digitale Version. Für meinen Geschmack passt die grün gesprenkelte Splatter-Vinyl am besten zu einem Album mit Äpfeln im Titel. Sie erinnert an einen frischen grünen Granny-Smith-Apfel kurz vor dem Reinbeißen.
Kaninchen und Laborratten
Mich wühlte beim Blick auf die Tracklist vor allem Song Nummer neun auf. Einen Hinweis auf die Bedeutung liefert ein Interview aus dem Jahr 2014. Darin erzählte McCulloch dem Magazin Record Collector von seinen Erfahrungen mit Drogen und sagte, irgendwann höre ein Experiment auf, ein Experiment zu sein, und man werde selbst zur Laborratte 3. Gut möglich also, dass er die Laborratte auch im neuen Song als Bild für Menschen nutzt, die in etwas feststecken und nicht mehr herausfinden.
Für mich steckt in diesem Bild trotzdem noch mehr. Schließlich taugt die Laborratte nur deshalb als Sinnbild für Ausgeliefertsein, weil sie wirklich existiert. Ratten sind die Tiere, die neben Kaninchen und Mäusen in Versuchslaboren am häufigsten vorkommen. Egal wie sehr sie es versuchen, sie können ihrem Schicksal nicht entkommen, sich verstecken oder weglaufen.
Je länger ich mich mit "Lab Rats Ran" beschäftigt habe, desto mehr habe ich über die Tiere hinter der Metapher gelesen. Ratten sind neugierig, sozial und verspielt. Wenn junge Ratten miteinander toben, stoßen sie Rufe im Ultraschallbereich aus, die für uns Menschen unhörbar sind. Forscher*innen deuten diese Laute als eine Art Lachen, und sie lassen sich sogar durch Kitzeln auslösen 4. Was für eine unglaublich traurig Vorstellung. Tiere, die lachen können, müssen ihr Leben in einem Labor verbringen und haben keine Chance, sich das auszusuchen oder etwas an ihrer Lage zu ändern.
Es gibt aber auch Grund zur Hoffnung, und damit sind wir wieder in Brüssel. Im Juni 2026 hat die EU-Kommission einen Fahrplan vorgelegt, mit dem Tierversuche für die Sicherheitsbewertung von Chemikalien schrittweise abgeschafft werden sollen. Er ist eine Antwort auf eine Europäische Bürgerinitiative, die 1,2 Millionen Menschen unterschrieben haben. Bis Ende 2026 will die Kommission zudem eine öffentliche Übersicht einrichten, auf der alle verfolgen können, wie weit die Umsetzung ist 5 Das ist noch lange nicht das Ende aller Tierversuche. Es zeigt mir aber, dass Engagement etwas bewegt, und vielleicht gehört ja auch eure Unterschrift zu den 1,2 Millionen.

Zwei Isaacs und ganz viel Menschlichkeit
Was mich an diesem Album außerdem bewegt, ist Ian McCullochs Offenheit. Ein Musiker, der seit über vierzig Jahren auf der Bühne steht, spricht in Interviews ehrlich darüber, wie es sich anfühlt, in einer Sucht festzustecken, und vielleicht ist daraus jetzt sogar ein Song geworden. Dazu kommt das Schlagzeug von Clem Burke, das auf diesen Songs weiterlebt, obwohl er die Veröffentlichung selbst nicht mehr erleben durfte. Ich bin dankbar für Musik, die so viel Menschlichkeit in sich trägt, und dafür, dass die Bunnymen nach zwölf Jahren noch einmal etwas Neues zu sagen hatten.
Ein großer Teil dieser Menschlichkeit liegt für mich in der langen Verbindung zwischen Ian und Will Sergeant. Die beiden gründeten die Band 1978 in Liverpool und stehen bis heute gemeinsam auf der Bühne. Auf "Apples for Isaac" werden sie von Ste Brannan, Simon Finley, Mike Smith und Peter Riley begleitet. McCulloch hat in einem Interview erzählt, dass dieses Album näher an dem klingt, was er im Kopf hatte, als jede andere Platte, an die er sich erinnern kann. Außerdem wollte er, dass jeder Song entweder Sinn ergibt oder auf geheimnisvolle Weise bedeutsam bleibt. Das erklärt für mich gut, warum so vieles auf diesem Album offen bleibt, von Isaac bis zu den Laborratten.
Beim Lesen der Tracklist begegnete mir sogar noch ein zweiter Isaac. Direkt nach "Lab Rats Ran" folgt ein Song namens "Asimov", und da denken viele von euch natürlich sofort an Isaac Asimov. Der Science-Fiction-Autor beschäftigte sich in seinen Geschichten immer wieder mit der Frage, welche Verantwortung wir für die Wesen tragen, die wir erschaffen und kontrollieren. Mir gefällt der Gedanke, dass Echo & The Bunnymen diese beiden Isaacs auf "Apples for Isaac" in Verbindung bringen. Zwischen den Zeilen schwingen schließlich immer wider große Fragen nach Verantwortung mit.
Das Album beginnt mit "Take Me By The Hand" und endet mit "We Prayed In The Dark". Schon diese beiden Titel spannen für mich einen Bogen, der bei der Nähe zu einem anderen Menschen beginnt und im Dunkeln endet, wo nur noch die Hoffnung bleibt.
So klingt "Apples for Isaac"
Musikalisch klingt "Apples for Isaac" überraschend hell. Wenn ihr die Bunnymen vor allem mit der schweren Melancholie von "Ocean Rain" oder dem düsteren Vorgänger "Meteorites" verbindet, umarmt euch die Band hier im Gegensatz dazu fast schon. Bereits der Opener "Take Me By The Hand" packt einen beim Hören mit trotziger Energie, passend zu Ians Gesang darüber, dass er weder Schutz noch Belehrung braucht. Spätestens beim zweiten Stück "Can't Be Sold" schimmert dann sein großes Idol David Bowie durch. Ganz ehrlich? Legt im Anschluss mal "Station to Station" auf! Will Sergeants Gitarre liegt zart darüber wie ein Sonnenstrahl auf einem See, weit und flirrend. Streicher sorgen für sanfte Akzente, ohne zu sehr in den Vordergrund zu wabern.
Mit "Brussels Is Haunted" und "Hijacked" wird es danach ausgelassener. "Brussels Is Haunted" fühlt sich an wie eine durchtanzte Nacht, an die man sich Jahre später noch kichernd erinnert. Später werden die Töne wieder leiser und nachdenklicher. In "The Honey", "An Unstoppable Force" und dem Schlusssong "We Prayed In The Dark" kreist Ians Stimme um Vergänglichkeit, Glauben und die Frage, was am Ende von uns bleibt. Mit dem Wissen, dass Clem Burke während der Aufnahmen gestorben ist, bekommen diese Songs eine ganz eigene Tragweite. Das Album kippt aber nie in Richtung Wehmut. Es blickt zurück, ohne sich darin aufzulösen.
Was mich an "Apples for Isaac" am meisten reinzieht, ist die Dringlichkeit dieses Albums. Diese Band hat wirklich etwas zu sagen, und nach ihrer Pause sind die Bunnymen mit all ihrer Musikalität und Sprachgewandtheit zurück. Ians Stimme wirkt rauer und gleichzeitig wärmer. Und das steht ihm. Schließlich erzählt sie Geschichten aus fast fünf Jahrzehnten Musik. Das neue Album von Echo & The Bunnymen fühlt sich an wie das Wiedersehen mit einem lieben Menschen von früher. Er hat sich verändert und viel erlebt, aber sobald er den Raum betritt, erkennt man ihn wieder und erinnert sich an all die gemeinsamen Erlebnisse.
Ich werde "Apples for Isaac" sicher noch oft hören und bin gespannt, welche Zeilen sich mir mit jedem weiteren Durchgang erschließen. Bisher hat die Band ausschließlich Konzerte in Großbritannien angekündigt. Aber vielleicht geht es ja 2027 aufs europäische Festland. Bis es so weit ist, könnt ihr ja wie ich das Album hören. Meine Empfehlung habt ihr.



