Der Sea-Watch Jahresbericht 2025
Seenotrettung im Zeitalter der Monster
Beitrag von Anne
03.07.2026

Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr abends gemütlich im Warmen sitzt, vielleicht mit einer schönen Tasse Tee und es um euch herum still wird? Plötzlich wird euch bewusst, wie viel Glück es bedeutet, genau hier zu sein? An diesem Ort? Mich holt dieser Gedanke regelmäßig ein und auch der, ohne etwas dafür getan zu haben, in einem der sichersten Länder überhaupt zur Welt gekommen zu sein. So heftig bewusst, wie beim Lesen des Sea Watch Jahresberichts 2025 wurden mir diese Tatsachen schon lange nicht mehr. Denn während wir uns über Kleinigkeiten, wie ein zerdrücktes Paket oder ein Loch im Teer aufregen, kämpfen nur wenige Flugstunden von uns entfernt Menschen auf dem Mittelmeer um ihr Leben. Und gerade mal eine Handvoll ziviler Organisationen kämpft mit ihnen.
Ich habe den Sea-Watch Jahresbericht 2025 1 für euch gelesen und euch heute gerne mitnehmen: Mit durch Zahlen, die wehtun, durch Geschichten, die bleiben. Und durch Zitate, die zeigen, warum diese Arbeit auch unsere Sache sein sollte. Alles, was ihr hier lest, stammt direkt aus dem offiziellen Jahresbericht 2025 von Sea-Watch e.V.
Wer ist Sea-Watch und warum lohnt sich dieser Bericht?
Sea-Watch 2 beschreibt sich selbst als "eine Organisation politischer Aktivist*innen, die sich für globale Bewegungsfreiheit und die Überwindung der europäischen Abschottungspolitik einsetzt". Die NGO ist seit 2015 im zentralen Mittelmeer aktiv, zuerst mit einem kleinen Segelkutter, heute mit mehreren Schiffen und Flugzeugen. Seit der Gründung war Sea-Watch nach eigenen Angaben an der Rettung von über 50.000 Menschen beteiligt.
Die Haltung dahinter fasst der Bericht in vier Zeilen zusammen, die man nicht mehr vergisst, wenn man sie einmal gelesen hat:
"Für das Recht zu gehen. Für das Recht anzukommen. Für das Recht zu bleiben. Für das Recht auf Bewegungsfreiheit."
Sea-Watch finanziert sich fast ausschließlich durch private Spenden und agiert politisch und religiös unabhängig. Genau deshalb ist der Jahresbericht so lesenswert. Er ist keine Hochglanz-PR, sondern Rechenschaft gegenüber den Menschen, die diese Arbeit möglich machen.
Das Mittelmeer ist die tödlichste Grenze der Welt
Bevor ich zu den Rettungsaktionen auf hoher See komme, möchte ich noch kurz bei den unfassbaren Zahlen bleiben, die aus dem Bericht hervorgehen. Seit 2014 sind bei der Flucht über das Mittelmeer laut Bericht über 34.000 Menschen gestorben, allein 2025 waren es 2.185 dokumentierte Todesfälle. Sea-Watch geht jedoch davon aus, dass die Dunkelziffer deutlich höher ist. Viele Boote gehen unter, ohne dass jemals jemand davon erfährt.
Und es kommt noch bitterer. Seit 2015 haben gewalttätige Milizen wie die sogenannte libysche Küstenwache, die von europäischen Staaten und der Grenzagentur Frontex finanziell, logistisch und politisch unterstützt werden, mindestens 336.000 Menschen auf dem Mittelmeer abgefangen. Von dort aus wurden sie oft mit brutalen Methoden nach Libyen oder Tunesien zurückgezwungen. Dort drohen ihnen Inhaftierung, schwere Misshandlung und sexualisierte Gewalt. Die EU hat diese Strukturen seit 2015 mit rund 242 Millionen Euro unterstützt. Ich musste diesen Satz zweimal lesen. Unsere Steuergelder finanzieren ein System, das Menschen zurück in Folter und Gewalt zwingt.
Dem gegenüber steht die zivile Bewegung. Seit 2015 haben zivile Akteur*innen über 175.000 Menschen aus Seenot gerettet. Heute sind 21 zivile Seenotrettungsorganisationen mit ihren Schiffen und Flugzeugen im Einsatz.
2025 auf See: über 3.100 gerettete Menschen, so viele wie seit acht Jahren nicht
Jetzt zur guten Nachricht, denn ja, es gibt sie tatsächlich. 2025 war Sea-Watch mit den eigenen Schiffen an der Rettung von über 3.100 Menschen beteiligt. Im Bericht heißt es dazu, man habe damit "so vielen Menschen auf der Flucht geholfen wie seit über acht Jahren nicht mehr".
Doch der Preis für diese Arbeit steigt. Im September 2025 wurde das Rettungsschiff Sea-Watch 5 während eines Einsatzes beschossen. Kurz zuvor hatte die Crew 66 Menschen aus Seenot gerettet. Ein Patrouillenboot der sogenannten libyschen Küstenwache forderte das Schiff auf, den Einsatz abzubrechen. Als die Crew sich weigerte, die Rettung zu unterbrechen, eröffnete das Patrouillenboot das Feuer. Crew und Gerettete blieben glücklicherweise unverletzt. Nur wenige Wochen zuvor war auch die Ocean Viking von SOS Méditerranée über 20 Minuten lang mit scharfer Munition beschossen worden, während sich bereits gerettete Menschen an Bord befanden.
Lasst das ruhig erst mal kurz sacken. Ja, ihr habt richtig gelesen. Es wird auf Menschen geschossen, die gerade dabei sind, andere Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Und die Milizen, die schießen, werden laut Bericht weiterhin von europäischen Staaten ausgebildet, ausgerüstet und finanziert.
Wie tödlich politisches Zögern sein kann, zeigte ein Einsatz vom 11. August 2025. Die Crew der Sea-Watch 5 rettete an diesem Morgen 67 Menschen, darunter eine hochschwangere Frau, deren Fruchtblase kurz nach der Rettung platzte. Als sich ihr Zustand dramatisch verschlechterte, forderte die medizinische Crew eine sofortige Evakuierung an. Trotz akuter Lebensgefahr für Mutter und Kind vergingen fast fünf Stunden, bis Italien eine Evakuierung einleitete. Zum Glück überlebten beide. Im Bericht steht dazu:
"Wir fordern sichere Fluchtwege, damit kein Mensch gezwungen ist, ein Kind mitten auf dem Mittelmeer zur Welt zu bringen."
Weil Italien immer wieder Schiffe festsetzt, hat Sea-Watch reagiert und die Flotte erweitert. 2026 geht mit der Aurora 2 ein weiteres schnelles Rettungsschiff in den Einsatz. Die kleinere Aurora operiert direkt von Lampedusa aus und war seit 2022 bereits an der Rettung von über 3.700 Menschen beteiligt. Giulia, Pressesprecherin bei Sea-Watch e. V., bringt die Strategie auf den Punkt:
"Italien setzt Schiffe fest, um Rettungen zu verhindern – mit der Aurora 2 sorgen wir dafür, dass diese Strategie nicht aufgeht. Wenn ein Schiff blockiert wird, ist das andere einsatzbereit."
Der Blick aus der Luft: dokumentieren, was Europa verschleiern will
Auch das Kapitel Luftaufklärung im Jahresbericht hat es in sich. 2025 flogen die Crews der Seabird-Flugzeuge 178 Einsätze und entdeckten dabei 181 Boote in Seenot mit insgesamt über 8.800 Menschen an Bord. Diese Crews sind oft die einzigen Zeug*innen dessen, was auf dem Mittelmeer geschieht. Sie beobachten Pushbacks, dokumentieren unterlassene Hilfeleistung und sammeln Beweise.
Und diese Beweise wirken. 2021 dokumentierte eine Sea-Watch-Crew einen illegalen Pushback von rund 170 Menschen. Einer der Betroffenen reichte später Klage vor einem italienischen Gericht ein, unterstützt durch das gesammelte Bild- und Beweismaterial. 2025 entschied das Gericht erstmals, dass dieser Pushback rechtswidrig war. Es sprach dem Kläger ein humanitäres Visum für Europa zu. Dokumentationsarbeit schafft Gerechtigkeit, nicht abstrakt, sondern ganz konkret für einen Menschen, der jetzt legal in Europa leben darf.
Weil Italien inzwischen sogar Aufklärungsflugzeuge festsetzen kann, hat Sea-Watch im Frühjahr 2025 mit der Seabird 3 3 ein weiteres Flugzeug in die Luft gebracht, gemeinsam mit der Humanitarian Pilots Initiative und United4Rescue 4. Die Botschaft an die EU-Regierungen formuliert der Bericht unmissverständlich:
"Wir sind da, wir sehen euch und wir lassen euch diese Praxis nicht durchgehen!"
Es gibt in diesem Kapitel Momente, die mich nicht mehr loslassen wollen. Am 26. Juni 2025 entdeckte die Crew der Seabird 1 zum Beispiel die Leichen von fünf Menschen, die in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste im Wasser trieben. Laut Sea-Watch konnten Sie nicht geborgen werden. Die Antwort auf die Frage nach dem Warum ist so einfach wie bitter. Die Seabird 1 ist ein Flugzeug. Eine Crew in der Luft kann Menschen im Wasser entdecken, sie kann Behörden alarmieren, Schiffe in der Umgebung informieren und alles dokumentieren. Aber sie kann nicht landen und niemanden aus dem Wasser holen, weder Lebende noch Tote. Für eine Bergung wird ein Schiff vor Ort benötigt. Die Verantwortung dafür liegt bei den staatlichen Stellen, die Sea-Watch genau zu diesem Zweck informiert.
Und genau das tat die Crew auch in diesem Fall. Sie alarmierte sofort die zuständigen Behörden und versuchte, weitere Informationen über den Vorfall zu erhalten. In der Nähe befand sich sogar ein Patrouillenboot einer bewaffneten libyschen Miliz, also das einzige Schiff, das in diesem Moment hätte handeln können. Doch es ignorierte die Funksprüche der Crew einfach. Nach Kenntnisstand von Sea-Watch wurden die Leichen nie geborgen. Wie die fünf Menschen ums Leben gekommen sind und wer sie waren, ist bis heute unklar. Niemand konnte ihre Familien informieren, niemand konnte sich verabschieden. Im Bericht dazu steht, man müsse immer wieder "mit Enttäuschung und Wut feststellen, dass es Europa nicht interessiert, ob diese Menschen gefunden, identifiziert oder überhaupt betrauert werden". Wie tief diese Gefühle sitzen müssen, kann ich persönlich mir kaum ausmalen.
Frontex, Klagen und 700 Rettungswesten vor der Haustür
Sea-Watch arbeitet nicht nur auf See und in der Luft, sondern auch in Parlamenten, vor Gerichten und auf der Straße. Ein Beispiel aus 2025 hat mich fassungslos gemacht. Frontex, die EU-Grenzagentur mit einem Budget von 5,6 Milliarden Euro, stellte Sea-Watch eine Rechnung über mehr als 11.000 Euro. Der Grund? Sea-Watch hatte gemeinsam mit FragDenStaat geklagt, um Transparenz über die Rolle von Frontex bei einem illegalen Pushback einzufordern. Im Juli 2025 protestierte Sea-Watch daraufhin mit Partnerorganisationen vor dem Frontex-Hauptsitz in Brüssel und legte rund 700 Rettungswesten aus, symbolisch für die Anzahl an Rettungswesten, die sich von dieser Summe finanzieren ließen.
Bérénice, Advocacy-Referentin bei Sea-Watch e.V., sagt dazu im Bericht:
"Frontex verlangt Geld von uns, weil wir ihre Praxis sichtbar machen – während sie selbst ungestraft an Menschenrechtsverletzungen beteiligt ist. Genau deshalb werden wir nicht leiser."
Neu ist zum Beispiel auch die Justice Fleet 5. Sea-Watch hat sich mit zwölf weiteren Organisationen zur bislang größten Allianz ziviler Seenotrettung zusammengeschlossen. Im Zentrum steht eine klare Überzeugung: Die Allianz lehnt es fundamental ab, die sogenannte Seenotrettungsleitstelle in Tripolis in ihre operative Kommunikation einzubeziehen, denn diese koordiniert die sogenannte libysche Küstenwache, ein Netzwerk bewaffneter Milizen. Die Konsequenz ließ nicht auf sich warten: Mehrere zivile Rettungsschiffe, darunter die Sea-Watch 5, wurden festgesetzt, weil sie nicht mit dieser Leitstelle kommunizierten. In mehreren Fällen wurden die Festsetzungen jedoch im Eilverfahren gerichtlich ausgesetzt.
Was wirklich toll ist: Sea-Watch teilt seine Ressourcen und förderte 2025 vier Initiativen, darunter mit Refugees in Libya (33.000 Euro) und Compass Collective (25.000 Euro) zwei selbstorganisierte Bewegungen von Menschen mit Fluchterfahrung. Der Bericht formuliert dazu einen Gedanken, der hängen bleibt:
"Geflüchtete sind nicht nur Betroffene von Grenzgewalt. Sie sind politische Akteur*innen, Zeug*innen, Ermittler*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen."
Musik, Tattoos und Marathonläufe: Sea-Watch an Land
Und auch in der Musikszene ist Sea-Watch längst bekannt. 2025 war die NGO auf über 135 Veranstaltungen in Europa vertreten und bei zahlreichen Veranstaltungen dabei. Künstler*innen wie Elbow, Marlon Großhardt, Nina Chuba und Waving the Guns luden Sea-Watch dazu ein, sie auf ihren Touren zu begleiten. Mit über 200 Event-Aktivist*innen erreichte die Organisation so tausende Menschen. Wenn Konzerte zu Orten werden, an denen über Menschenrechte gesprochen wird, dann ist das genau die Verbindung von Musik und Haltung, für die auch dieses Magazin seit fast 20 Jahren steht.
Auch abseits der Bühnen kam die Solidarität kreativ zum Ausdruck. Beim Tattoo-Spendenevent Ink Against Borders in Berlin beteiligten sich über 60 FLINTA*-Tattoo-Artists und spendeten ihre Einnahmen. Insgesamt kamen so 62.759 Euro zusammen. Beim Berliner, Kölner und Münchner Halbmarathon gingen über 350 Läufer*innen für Sea-Watch an den Start und sammelten mehr als 150.000 Euro. Und im September 2025 feierte Sea-Watch im Columbia Theater in Berlin das zehnjährige Bestehen gemeinsam mit Fördermitgliedern, Partner*innen und Wegbegleiter*innen.
Transparenz: Wohin fließt das Geld?
Weil Sea-Watch sich fast vollständig aus Spenden finanziert, legt die Organisation ihre Zahlen offen und die können sich sehen lassen. 2025 standen Einnahmen von 13.537.356 Euro (ohne wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb) Ausgaben von 14.270.694 Euro gegenüber. 77,45 Prozent der Ausgaben flossen direkt in die Projekte, davon allein 6,3 Millionen Euro in den Betrieb der Rettungsschiffe und 2,3 Millionen Euro in die zivile Luftaufklärung. Insgesamt 59.192 Spender*innen haben Sea-Watch 2025 unterstützt. Und für jeden in der Spendenwerbung und -verwaltung ausgegebenen Euro nahm die Organisation 7,30 Euro an Spenden ein.
Marlis, Koordinatorin der Spendenabteilung bei Sea-Watch e.e. V.bringt die ganze Ambivalenz dieser Zahlen in einem Zitat unter:
"Seenotrettung ist eine staatliche Aufgabe, umso beschämender ist es, dass sie von der Zivilgesellschaft aus eigener Tasche finanziert werden muss. Und gleichzeitig beeindruckt es mich zutiefst, dass genau das seit über zehn Jahren funktioniert."
Selbstverständlich weitermachen!
Einen der Texte aus dem Bericht werde ich wohl nie vergessen. Luna Ali, Koordinatorin des Eventbereichs bei Sea-Watch, schreibt darin über ihre Mutter Amal, die vor fast 26 Jahren aus Syrien geflohen ist. Amal bedeutet auf Arabisch Hoffnung.
"Ich bin die Tochter der Hoffnung",
schreibt Luna Ali. Und sie zitiert Antonio Gramsci, der einst in Haft notierte:
"Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster."
Ja, man kann vermutlich wirklich sagen, das wir im Zeitalter Monster leben. In einem Zeitalter, in der auf Rettungsschiffe geschossen wird, in der eine EU-Agentur Aktivist*innen Rechnungen schickt und in der 2.185 Menschen in einem einzigen Jahr im Mittelmeer sterben, während Europa wegsieht. Ein Teil von mir möchte daher an dieser Stelle ein wütendes Fazit ziehen.
Der Bericht von Sea-Watch zeigt aber auch, dass es anders geht. Luna Ali beantwortet die Frage, ob ihre Arbeit noch Sinn ergibt, mit Worten, die ihre NGO gelb markiert hat. So selbstverständlich, wie Menschen in Seenot gerettet werden müssen.:
"Wir machen selbstverständlich weiter. Denn dass die Sonne am nächsten Tag wieder aufgeht, ist keine naive Hoffnung, sondern eine sichere Gewissheit."
Und vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis aus diesem Jahresbericht. Hoffnung hält uns als Menschen am Leben. Hoffnung, die aussieht wie 178 Aufklärungsflüge, 3.100 gerettete Menschen, 700 Rettungswesten vor einem Behördengebäude und 59.192 Menschen, die spenden, obwohl es eigentlich Aufgabe unserer Staaten wäre. Jede*r von uns kann Teil dieser Hoffnung sein. Und wenn ihr mich fragt: Es gibt gerade wenige Orte, an denen ein Euro mehr Menschlichkeit bewirkt als auf dem Mittelmeer.
Den vollständigen Jahresbericht findet ihr auf Sea-Watch.org .



