Plant Based Treaty bei der UN-Klimakonferenz in Bonn
Aktivistin Regan Russell steht auch posthum für Tierrechte
Beitrag von Anne
25.05.2026

Am 8. Juni 2026 beginnt im World Conference Center Bonn die 64. Sitzung der UNFCCC-Nebenorgane, kurz SB64 . Über zehn Tage hinweg werden Delegierte aus aller Welt darüber verhandeln, wie die Ziele des Pariser Abkommens noch zu erreichen sind. Und sehr wahrscheinlich wird dabei Fleisch serviert. Plant Based Treaty bereitet daher aktuell eine groß angelegte Aktion vor, in deren Mittelpunkt eine Petition steht.
Fleisch auf der 64. Sitzung der UNFCCC-Nebenorgane im World Conference Center in Bonn 1? Das klingt ziemlich widersprüchlich, oder? Genau das ist der Ausgangspunkt einer Petition, die Plant Based Treaty gerade verbreitet. Die Kampagne fordert die UNFCCC auf, beim SB64 und allen künftigen Bonner Klimatreffen ausschließlich pflanzliches Catering anzubieten, und gleichzeitig Verhandlungen über einen globalen Plant Based Treaty als Ergänzung zum Pariser Abkommen aufzunehmen. Das klingt nach einer simplen Forderung. Sie ist es aber nicht, weil dahinter ein grundsätzlicherer Streit steckt: ob die Klimabewegung Tierhaltung endlich als das behandelt, was sie ist.
Was auf dem Teller landet, landet auch in der Atmosphäre
Unser globales Ernährungssystem ist derzeit für etwa ein Drittel aller menschengemachten Treibhausgasemissionen verantwortlich, und allein die Fleischproduktion macht dabei 43 Prozent der ernährungsbedingten Emissionen aus 2. Das sind keine aktivistischen Behauptungen, sondern Zahlen, die von internationalen Wissenschaftsgremien bestätigt werden.
Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung bezeichnet eine globale Ernährungswende als entscheidenden Hebel, um die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Die EAT-Lancet-Kommission, ein Expertengremium aus über 70 Wissenschaftler*innen aus sechs Kontinenten, hat ihre Empfehlungen im Oktober 2025 aktualisiert: Eine Umstellung auf die pflanzenbasierte Planetary Health Diet könnte die ernährungsbedingten Emissionen mehr als halbieren und bis zu 15 Millionen vorzeitige Todesfälle verhindern 3. Für Deutschland zeigt eine Studie der University of Oxford im Auftrag des Umweltbundesamtes, dass eine vollständig pflanzliche Ernährung 81 Prozent der Emissionen einsparen würde, verglichen mit aktuellen deutschen Ernährungsmustern 4.
Dass die UNFCCC selbst Fleisch serviert, während drinnen über eben diese Klimakrise verhandelt wird, hat etwas Absurdes. Plant Based Treaty bringt diese Absurdität seit Jahren auf die Straße. Bei früheren Bonner Klimakonferenzen verteilte die Kampagne kostenlose vegane Hotdogs vor dem Konferenzzentrum und organisierte einen Food Transition Day mit über 60 Teilnehmer*innen aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft 5. Das Catering für den SB64 liegt in diesem Jahr beim Kölner Unternehmen Broich Premium Catering GmbH 6. Genau dieses Unternehmen soll nach dem Willen der Petition künftig nur noch pflanzlich kochen.
Regan Russell: Eine Frau, die nicht wegschauen wollte
Ich möchte jedoch mit diesem nicht nur die Petition vorstellen. Er soll auch von einer Frau erzählen, deren Geschichte direkt mit dem Animal Save Movement verbunden ist, das hinter Plant Based Treaty steht.
Regan Russell wurde am 19. Juni 2020 vor dem Fearmans-Schweineschlachthof in Burlington, Ontario, Kanada, von einem Schweinetransporter überfahren und getötet. Sie war 65 Jahre alt, Tierrechtsaktivistin seit 1979 und regelmäßiges Mitglied von Toronto Pig Save, einer Ortsgruppe des Animal Save Movement. An diesem Tag war sie dort, um den Schweinen auf dem Transportwagen an einem heißen Sommertag Wasser zu geben, um gegen Bill 156 zu protestieren, ein sogenanntes "Ag-Gag"-Gesetz, das zwei Tage zuvor in Ontario verabschiedet worden war 7. Dieses Gesetz kriminalisiert genau das, was Russell tat: Tieren auf dem Weg zum Schlachthof Wasser geben, Kontakt zu ihnen aufnehmen, ihr Leid dokumentieren.
Der Fahrer bekannte sich im März 2023 schuldig. Das Urteil: zwölf Monate auf Bewährung und eine Geldstrafe von 2.000 kanadischen Dollar 8. Das war alles.
Russell betrachtete Tierrechte nie als separates Anliegen, losgelöst von allem anderen. Sie setzte sich für Black Lives Matter ein, für Frauenrechte, für alle, die keine Stimme haben. Bei einem Protest gegen Marineland sagte sie 2012: "Wie haben Frauen das Wahlrecht bekommen? Wie wurde die Sklaverei abgeschafft? Menschen standen auf und brachen Gesetze, weil es dumme Gesetze waren." (Quelle: Wikipedia, "Death of Regan Russell", ursprünglich gefilmt 2012) Mit ihrem Partner störte sie 2017 eine Bill-Cosby-Veranstaltung mit T-Shirts mit der Aufschrift "We Believe the Women" 9. Und von ihrer eigenen Aktivismus-Arbeit sagte sie einmal: "Ich weiß nicht, ob es etwas bringt. Aber ich weiß, dass Nichtstun auch nicht hilft 10."
Der Dokumentarfilm "I'm Trying" von Regisseur Ray Cruzzola erzählt Russells Geschichte. Cruzzola gründete World Change Media, ein Studio für cineastischen Dokumentarfilm-Aktivismus, und hat das Projekt bewusst so angelegt, dass es Menschen inspiriert, die gerne aktiv werden würden, aber nicht wissen, wie und wo sie anfangen sollen 11. Der Film wird von Animal Save Movement und Plant Based Treaty unterstützt und von Russells eigener Familie mitgetragen.
Das können wir tun
Die Petition wird das Ernährungssystem sicher nicht über Nacht verändern. Aber sie macht etwas Einfaches deutlich: Wer über die Klimakrise verhandelt, sollte nicht gleichzeitig Fleisch auf dem Teller haben. Darum sollten wir sie jetzt so zahlreich wie möglich unterschreiben. Es dauert auch nur eine Minute.
Regan Russell hat das alles nicht mehr erlebt. Die Bewegung, für die sie stand, ist in Bonn unterwegs, verteilt vegane Hotdogs und sammelt Unterschriften. Für mehr Mitgefühl und Kontinuität. Wir geben nicht auf.
Das ist Plant Based Treaty
Anita Krajnc startete Plant Based Treaty am 31. August 2021 als internationale Kampagne für einen globalen Vertrag, der das Pariser Abkommen um verbindliche Maßnahmen zur Transformation des Ernährungssystems ergänzt. Krajnc ist Mitgründerin von Toronto Pig Save und Leiterin des weltweiten Netzwerks Animal Save Movement, das auf der gewaltfreien Aktivismus-Tradition nach Tolstoi und Gandhi aufbaut.
Die Kampagne arbeitet nach den folgenden drei Kernprinzipien:
- "Relinquish": keine weitere Ausdehnung von Tierhaltung und Abholzung),
- "Redirect": aktiver Übergang zu pflanzenbasierten Ernährungssystemen) und
- "Restore": Wiederherstellung von Ökosystemen und Aufforstung.
Plant Based Treaty trägt offiziellen UN-Beobachterstatus. Bis November 2025 hatten mindestens 58 Städte weltweit die Kampagne formell unterstützt, darunter Los Angeles und Amsterdam. Über 1.700 Organisationen haben sich angeschlossen, darunter Kapitel von Greenpeace und Friends of the Earth. Zu den prominenten Unterstützer*innen zählen unter anderem Paul, Mary und Stella McCartney, Joaquin Phoenix und Moby sowie fünf Nobelpreisträg*innen und verschiedene IPCC-Wissenschaftler*innen.
12"I'm Trying": Filmmacher Ray Cruzzola über Aktivismus in Dokumentationen, Regan Russell und die Kraft des Erzählens
- 1.
- 2.
- 3.
- 4.
- 5.
- 6.
- 7.
- 8.
- 9.
- 10.
- 11.
- 12.



