Von Mises über ihr neues Album

"Seit einiger Zeit fühlen wir uns in der Coda angekommen"

Anne

Interview von Anne
04.03.2026 — Lesezeit: 7 min

Von Mises über ihr neues Album
Bild/Picture: © Von Mises

Von Mises sind Jens, Gunther und Mike. Das Kölner Trio macht seit 2018 instrumentalen Post-Rock, der sich zwischen dichten Gitarrentexturen, treibenden Rhythmen und elektronischen Sounds abspielt. Nach der selbstbetitelten EP (2019) und dem Album "Ages" (2021) melden sie sich jetzt mit "Coda" zurück: sechs neue Songs, erschienen am 13. März auf Vinyl und digital, gemischt und gemastert von Jamie Ward. Ja, ihr habt richtig gelesen: Dem Jamie von Maybeshewill!

Ich habe "Coda" schon vorab gehört und kann euch sagen: Es ist ein Album, das sich Zeit nimmt. Noch dunkler, homogener und vielschichtiger als sein Vorgänger und dabei vollkommen unausweichlich. Dass Jens, Gunther und Mike sich für den Titel "Coda" entschieden haben, ist kein Zufall, sondern ein klares Statement. Eines, das in Form gießt, was derzeit viele von uns umtreibt. Im Interview haben mir von Mises spannende Insights verraten. Ach und übrigens: Unter dem Interview findet ihr die Videos der beiden ersten Vorauskopplungen "Jamais-vu" und "Roboterschlaf". Mein Tipp: Lasst sie beim Lesen nebenbei laufen, um die Vorfreude auf das Album noch zu steigern!

Anne: Moin, Jens, Gunther und Mike! Wie geht's euch?

Mike, Gunther & Jens: Uns geht es super. Wir hoffen dir auch!

"Die Schallplatte zum ersten Mal in der Hand zu halten, hat sich magisch angefühlt"

Von Mises – "Coda"Von Mises – "Coda"

Anne: Danke der Nachfrage, sehr gut! Frühling ist schon was Tolles. Bringt so viel Neues, gefühlt jedes Jahr. Apropos Neues: Ich habe mich total gefreut, als ihr mir erzählt habt, dass euer Album "Coda" fertig ist. Ich muss sagen: Die Platte ist wirklich großartig geworden. Das muss ein unvergesslicher Moment für euch gewesen sein, es zum ersten Mal in voller Länge und fertig produziert zu hören. Wie hat sich das für euch angefühlt?

Mike: Vielen Dank erstmal. Das freut uns wirklich sehr. Ein ganz besonderer Moment war tatsächlich, die Schallplatte zum ersten Mal in der Hand zu halten. Ich habe sie direkt aufgelegt und in Ruhe durchgehört. Da wurde mir nochmal bewusst, dass das Album jetzt wirklich abgeschlossen ist. Alles wirkt wie aus einem Guss und im Vergleich zu "Ages" (Review hier lesen) deutlich homogener. Das war schon ein sehr schöner und auch ein bisschen magischer Moment.

Jens: Es fühlt sich toll an, das Album in voller Länge auf Vinyl zu hören. Und auch befreiend.

Zwischen "Ages" (2021) und "Coda" (2026) liegen fünf Jahre. Habt ihr euch bewusst eine Pause genommen? Oder wolltet ihr eure neuen Songideen bewusst "reifen" lassen?

Jens: Wir haben dieses Mal mehr zusammen an Songs gearbeitet als zuvor. "Ages" entstand während der COVID-19-Pandemie mit vielen Zoom-Meetings und erschien zu einem Zeitpunkt, an dem an Liveauftritte noch nicht zu denken war. Nach der Pandemie haben wir uns mehr auf Konzerte konzentriert. Beim Entstehungsprozess von "Coda" haben wir auch einige Ideen wieder verworfen.

Mike: Wir haben uns definitiv mehr Zeit gelassen. Bei mir kam noch dazu, dass ich zum dritten Mal Vater geworden bin – das verschiebt natürlich Prioritäten und kostet auch Zeit, die man vorher ganz selbstverständlich in die Band investieren konnte. Unabhängig davon haben wir die Songs bewusst reifen lassen. Bei "Ages" ging vieles deutlich schneller. Rückblickend können wir aber sagen: Es hat sich absolut gelohnt, sich dieses Mal diesen Raum zu nehmen.

Anne: Was hat sich seit der letzten LP für euch als Band verändert? Geht ihr eure Aufnahmen und Proben heute anders an? Sind neue Erkenntnisse und wertvolle Erfahrungen dazugekommen, die auch "Coda" geprägt haben?

"Wir wissen inzwischen, was wir wollen und was nicht"

Mike: Wir arbeiten heute deutlich fokussierter. Über die Jahre haben wir eine gewisse Routine entwickelt, gerade was Aufnahmen und Proben angeht. Wir wissen inzwischen besser, was wir wollen. Und auch was wir nicht wollen. Das hat "Coda" auf jeden Fall geprägt.

Jens: Für mich ist es unverändert, mit einer musikalischen Grundidee in die Probe zu kommen. Neu und erfrischend ist allerdings der Ausgang. Wir brauchen länger, um einen Song zu beenden, weil wir mehr gemeinsam daran schreiben und uns mit Ideen gegenseitig gut ergänzen können.

Anne: Auf "Ages" habt ihr sehr bewusst Sprachsamples eingesetzt. Unter anderem von Charlie Chaplin aus "Der große Diktator" und Greta Thunbergs Rede vor den Vereinten Nationen (Track 6, "12 AM"). Das fand ich extrem passend. Chaplin als zeitloser Klassiker auf der einen Seite und Greta als Stimme der Gegenwart auf der anderen. Eurer Platte habt ihr damit eine klare politische und emotionale Haltung verpasst. Habt ihr für "Coda" wieder auf ähnliche Elemente gesetzt?

Gunther: Es ist uns wichtig, dass klar ist, wo wir politisch stehen, vor allem, weil ja schon unser Bandname polarisiert. Wir versuchen, das so gut wie möglich zum Ausdruck zu bringen, auch wenn wir für die "Coda" Songs keine Sprachsamples eingebaut haben. Eine "Botschaft" findet sich also nur im Titel und dem Cover wieder.

Mike: Gerade live können wir uns gut vorstellen, wieder mit Sprachsamples zu arbeiten und diese auch an aktuelle Geschehnisse anzupassen. So können wir politische oder grundsätzliche Haltungen transportieren, ohne selbst zur Stimme greifen zu müssen.

Anne: "Coda" bezeichnet in der Musik das Ende eines Stückes. Das ist oft aber auch eine Art Zusammenfassung oder Abschluss. Welcher Abschluss steht für euch hinter dem Titel? Wonach habt ihr ihn ausgewählt?

Jens: Der Begriff "Coda" ist mir erstmals als Schlusswort in einem Roman begegnet. Dass er für mehr als das steht, wurde nach kurzer Recherche klar und war zunächst nur der Titel eines Songs.

Gunther: Der Begriff spiegelt unser Gefühl des aktuellen Weltgeschehens wider. Bei "Ages" war es noch ein Blick aus der Vogelperspektive mit etwas Hoffnung auf einen langfristig positiven Verlauf. Seit einiger Zeit fühlen wir uns jedoch in der Coda angekommen.

Uns ist natürlich klar, dass wir alle drei privilegiert sind und "eigentlich nichts zu meckern" haben. Das Gefühl bleibt dennoch.

"Leider verändern sich viele Werte derzeit nicht unbedingt zum Positiven"

Mike: Es fühlt sich an, als würden wir gerade einen Wendepunkt erleben, an dem sich viele Werte verändern, leider nicht unbedingt zum Positiven. In diesem Sinne steht "Coda" für uns auch für einen Abschluss einer Phase und vielleicht den Beginn einer neuen.

Anne: Ihr erzählt mit euren Alben ziemlich emotionale und beeindruckende Geschichten. Das ist euch auf "Ages" mit knapp 40 Minuten und acht Songs gelungen und jetzt sogar in sechs Songs. Die Songs sind dieses Mal etwas länger ausgefallen. Fühlt sich "Coda" insgesamt runder und kompakter für euch an? Hattet ihr von vornherein vor, das Album mit dieser Struktur zu gestalten?

Mike: Ja, die Songs sind länger geworden und insgesamt vielleicht auch etwas schleppender als auf "Ages". Für mich fühlt sich das Album dadurch aber sehr geschlossen an – stilistisch ist es wirklich aus einem Guss. Ich habe das Gefühl, dass wir langsam unseren eigenen Stil gefunden haben. Natürlich entwickeln wir uns weiter – jedes Album ist eine Momentaufnahme. Das Nächste wird sicher wieder ein Stück anders klingen.

"Überraschenderweise ist 'Coda' düsterer geworden"

Jens: Es war eine bewusste Entscheidung, Passagen zu wiederholen, mehr auszudehnen und das Tempo etwas rauszunehmen. Dadurch wird es etwas eingängiger, homogener und weniger konstruiert. Was mich ehrlich überrascht hat, ist, dass es auch düsterer geworden ist.

Anne: Jamie Ward (Mitglied und Producer bei Maybeshewill) hat den Mix und das Mastering von "Coda" für euch übernommen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit und wie war es, ein Album mit einer Person zu machen, die an Projekten mitwirkt, die zu euren wichtigsten musikalischen Vorbildern zählen?

Mike: Für "Coda" war uns klar, dass wir jemanden wollten, der in diesem Genre wirklich zu Hause ist. Ich bin ein riesiger Maybeshewill-Fan, also haben wir einfach Kontakt aufgenommen. Er hatte Zeit und es wurde eine großartige Zusammenarbeit. Jamie arbeitet extrem professionell, und das hört man dem Ergebnis auch an.

Jamie Ward hat kreative Ideen eingebracht"

Gunther: Natürlich waren wir extrem aufgeregt und voller Ungewissheit, als wir die Aufnahmen weggeschickt haben. In der folgenden Arbeit am Mix und beim Master war es dann großartig. Neben der wirklich freundlichen und offenen Kommunikation hat er unaufgefordert noch eigene kreative Ideen eingebracht.

Anne: Als ich euch damals zum ersten Mal gehört habe, hätte ich euch ja direkt ins Vorprogramm von We Lost The Sea oder Baulta gesteckt. Wie sieht es da bei euch aus und wo würdet ihr euch heute einordnen? Mit wem würdet ihr am liebsten mal zusammen auftreten? Oder sind eventuell schon bald Gigs mit God Is an Astronaut oder Russian Circles geplant?

"Wir sind immer offen für neue Kooperationen!"

Gunther: Deine Einordnung passt aus unserer Sicht ganz gut. Wir versuchen, gerade so viel wie möglich zu planen und Konzerte zu organisieren. Ich persönlich finde mich damit ab, bei God Is an Astronaut oder Russian Circles eher im Publikum zu stehen (lacht). Ich würde aber wahnsinnig gerne mal mit Tides from Nebula spielen, wahrscheinlich bleibt aber auch das ein Traum. Wer das hier liest und gerne was mit uns machen möchte, sei hiermit eingeladen, uns zu kontaktieren (grinst).

Anne: Worauf können wir uns freuen, wenn ihr mit "Coda" auf Tour geht? Was erwartet uns bei den von Mises Shows?

Gunther: Wir versuchen live die Grenzen zwischen Saiteninstrumenten, Schlagzeug und Elektronik einzureißen und zu einer Einheit zu verschmelzen. Eine regelmäßige Konzertbesucherin hat uns mal eine "Wall of Sound" genannt und an diesem Begriff versuchen wir uns zu messen. Mike ist außerdem ein passionierter Bastler und wir integrieren seit Kurzem auch gesteuertes Licht, was die ganze Atmosphäre noch weiter intensiviert. Wir haben Bock und sind gespannt, wie es im Publikum wirkt.

Anne: Wenn ihr eine Sache auf der Welt von heute auf morgen verändern könntet. Was wäre es und warum?

Gunther: Ich würde mir einen Mechanismus wünschen, der die heute vorliegende Vermögens- und Einkommensungleichheit der Menschen verhindert. Ich glaube, dass übermorgen mein Coda-Gefühl schwächer ausfallen würde.

Mike: Ich würde jedem Menschen die Fähigkeit schenken, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Vielleicht würde allein das schon vieles verändern – hin zu mehr Verständnis, mehr Empathie und einer besseren Welt.

Anne: Vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für meine Fragen genommen habt. Es hat mich sehr gefreut! Bis bald! Alles Gute für euch!

Gunther, Jens & Mike: Anne, vielen Dank für die tollen Fragen und das Interview.

Hinweis: "Coda" erscheint am 13. März auf Vinyl und digital. Auf Bandcamp könnt ihr das Album hier vormerken. Die beiden ersten Vorauskopplungen heißen "" und "Roboterschlaf".

Von Mises – "Roboterschlaf"

Von Mises – "Jamais-vu"

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