Wer reguliert hier wen?
Die große Sounds-Vegan-Jagdrecherche

Das hier ist die große Sounds-Vegan-Jagdrecherche. Ja, ich gebe zu, sie ist lang geworden. Das liegt zum einen daran, dass mich dieses Thema besonders beschäftigt und ich tief eingetaucht bin, um möglichst viele Aspekte zu erfassen. Zum anderen aber auch daran, dass ich sie bewusst breit angelegt habe. Sie reicht vom Reh bis zur Nutria und bezieht auch die Tiere ein, die durch Menschenhand und den Klimawandel neu zu uns gekommen sind und sich inzwischen sehr heimisch bei uns fühlen. Immer wieder bin ich bei meiner Arbeit auf den Menschen gestoßen, der viele der Probleme selbst verursacht hat, die die Jagd heute lösen soll.
Erst vor ein paar Tagen stand beim Spaziergang mit meiner Hündin plötzlich ein Reh (eine Ricke) direkt vor uns. Nur ein paar Zentimeter und ein Ast trennten uns von der zarten Waldbewohnerin. Sie bellte, rau und überraschend laut. Meine Hündin erschrak so sehr, dass sie daraufhin sofort umkehren wollte. Ich habe hinterher erst mal alle Hebel in Bewegung gesetzt und mich ordentlich über Rehe informiert.
Das Bellen des weiblichen Rehs ging mir so durch Mark und Bein, dass ich unbedingt wissen wollte, ob das Tier Schmerzen hatte und vielleicht Hilfe gebraucht hätte. Zum Glück fehlte es ihm an nichts. Rehe bellen, wenn sie erschrecken, um ihre Artgenossen zu warnen. Dazu gehört auch, dass sie ihr Gegenüber schon mal verunsichern. Wie mich und meine Hündin. Für einen Moment war dieses Reh für mich ein Wesen mit eigener Stimme. Ein Wesen, das sich für sich und seine Gefährten einsetzt, und ein Wesen, das sehr deutlich gemacht hat, wem der Weg gerade gehört.
Wenn Jäger*innen über Rehe sprechen, klingt das anders. Dann ist von Beständen und Strecken die Rede, und am Ende steht fast immer derselbe Satz. Man müsse Rehe jagen, weil sie keine natürlichen Feinde mehr hätten und sonst den Wald auffressen würden. Diesen Satz gibt es in vielen Varianten. Beim Fuchs geht es um Tollwut und Bandwürmer, beim Waschbären um eine invasive Art, die heimische Tiere bedroht. Ich wollte wissen, was davon einer Prüfung standhält, und bin den Argumenten der Jäger*innen Tier für Tier nachgegangen.
Das Versprechen vom Regulieren

Das Jagdrecht verbindet in Deutschland das Recht zu jagen mit der Pflicht zur Hege. Daraus leitet die Jägerschaft ihren Anspruch ab, die Natur im Gleichgewicht zu halten und fehlende Beutegreifer zu ersetzen. Das klingt erst mal nach Verantwortung. In der Wildbiologie gibt es allerdings ein Muster, das dieses Versprechen bei vielen Arten untergräbt. Bei territorialen Tieren wie dem Fuchs und bei sehr fruchtbaren Arten wie dem Wildschwein gleichen die Bestände die Abschüsse aus. In frei gewordene Reviere wandern Tiere aus der Umgebung nach, und die Überlebenden finden mehr Futter und pflanzen sich früher fort. Die Studien dazu stelle ich weiter unten beim Fuchs und beim Wildschwein vor.
Der Deutsche Jagdverband (DJV) verwies 2019 in einer Stellungnahme zum Waldumbau darauf, dass die Streckenzahlen seit Jahrzehnten steigen, und das als Zeichen gewertet, dass die Jägerschaft ihre gesetzliche Aufgabe erfüllt 1. Die Strecke ist die Zahl der erlegten und tot aufgefundenen Tiere. Ich lese diese Zahlen anders. Wenn die Strecken über Jahrzehnte steigen, ohne dass die Bestände kleiner werden, läuft die Jagd dem Bestand hinterher. Konflikte mit Wildtieren gibt es trotzdem, einige davon sind ernst, und auch die schaue ich mir an. Die entscheidende Frage ist, ob ausgerechnet der Abschuss sie löst.
Der US-amerikanische Philosoph Tom Regan, einer der Wegbereiter der modernen Tierrechtsbewegung, beschrieb schon 1983 in seinem Buch "The Case for Animal Rights", worum es beim Umgang mit Wildtieren eigentlich gehen sollte 2.
"Wildtiermanager*innen sind weder dafür zuständig, das Glück in der Natur zu verbuchen, noch es zu verwalten. Ihr Hauptanliegen sollte sein, die Tiere in Ruhe zu lassen, menschliche Beutegreifer aus ihren Angelegenheiten herauszuhalten und es diesen 'anderen Nationen' zu ermöglichen, ihr eigenes Schicksal zu gestalten."
Tom Regan, "The Case for Animal Rights" (eigene Übersetzung)
Das Reh, der Wolf und der Wald
Das Reh ist das Paradebeispiel der Jagdbefürworter*innen. Ohne Jagd, so die Erzählung, gäbe es viel zu viele Rehe, weil ihnen die natürlichen Feinde fehlen. Dieser Teil der Erzählung ist überholt, denn der Wolf ist zurück, und das Reh ist seine wichtigste Beute. Forscher*innen des Senckenberg-Forschungsinstituts in Görlitz haben die Nahrung der Wölfe in der Lausitz untersucht. Über 96 Prozent bestanden aus wilden Huftieren, an der Spitze standen Rehe mit gut 55 Prozent 3.
Ausgerechnet dieser Fressfeind unterliegt seit dem 2. April 2026 dem Bundesjagdrecht. Die Landesjägerschaft Niedersachsen pocht darauf, dass das Land beim Wolf alle Möglichkeiten des Bundesjagdgesetzes ausschöpft 4. Wer mit dem fehlenden Feind argumentiert, müsste den Wolf eigentlich willkommen heißen.
Was bleibt, ist die Frage, warum es derzeit so viele Rehe gibt. Nordrhein-Westfalen meldete für das Jagdjahr 2024/25 ein Allzeithoch bei der Rehwildstrecke. Das dortige Landwirtschaftsministerium erklärt das mit den großen Schadflächen im Wald, auf denen Rehe besonders günstige Bedingungen finden 5. Diese Kahlflächen sind vor allem eine Folge von Trockenheit und Borkenkäferbefall, also von einer vom Menschen verursachten Klimakrise. Die Jagd behandelt hier ein Symptom.
Wie wenig sich der Rehbestand über Abschusszahlen planen lässt, hat das Bundesland Niedersachsen in diesem Jahr selbst eingeräumt. Mit dem neuen Jagdgesetz hat das Land die Abschusspläne für Rehwild abgeschafft, weil sie nach seiner Einschätzung kaum Aussagekraft und kaum Steuerungswirkung hatten (top agrar 2026, s. o.). Genau dieses Instrument sollte jahrzehntelang belegen, dass die Jagd den Bestand planvoll lenkt.
Der Wald ist der ernsteste Teil der Debatte. Junge Bäume werden vor allem im Frühjahr verbissen, wenn Ricken tragend sind oder Kitze führen und deshalb geschont werden. Der DJV hat daraus 2019 selbst gefolgert, dass das Gewehr gegen Verbiss nicht hilft, und Einzelschutz wie Netzhüllen sowie mehr Personal in den Forstverwaltungen gefordert (DJV 2019, s. o.). Dem kann ich mich ausnahmsweise anschließen.
Peter Wohlleben, Förster und Autor der Bestseller "Das geheime Leben der Bäume" und "Das Seelenleben der Tiere", sieht auch beim Verbiss den Menschen in der Verantwortung. In einem kurzen Video auf Facebook erklärte er, dass Rehe eigentlich gar keine Lust auf junge Buchen haben. Viel lieber fressen sie zum Beispiel Brombeeren, die ihnen mehr Nährstoffe liefern. Wo Menschen Hecken und Unterwuchs entfernen, finden Rehe davon zu wenig und gehen an die jungen Bäume. Selbst in der Jagdpresse ist nachzulesen, dass Rehe das ganze Jahr über sehr viel an Brombeeren fressen und dass die üppige natürliche Vegetation auf Kahlflächen den Verbiss von gepflanzten Bäumchen ablenkt 6.
In der Forstwirtschaft gilt es trotzdem auf vielen Pflanzflächen als unerlässlich, diese Begleitvegetation zu bekämpfen 7. Mit der Jagd versuche man seit rund 100 Jahren, den Verbiss junger Bäume in den Griff zu bekommen, und von wenigen Ausnahmen abgesehen klappt das nicht, sagt Wohlleben in einem Interview mit nd.
"Diese anfälligen Kunstwälder, diese Rehparadiese, haben Menschen gemacht, aber das Reh wird zum Sündenbock erklärt und zum Abschuss freigegeben 8."
Auf der Straße hilft der Hochsitz ebenso wenig. Im Jagdjahr 2024/25 wurden bundesweit 200.970 Rehe als Fallwild registriert, also tot aufgefunden, und die meisten von ihnen starben im Straßenverkehr. So steht es in der Statistik, die der DJV im Februar 2026 veröffentlicht hat 9. Gegen Wildunfälle helfen Grünbrücken und Wildschutzzäune an bekannten Unfallschwerpunkten. In der Dämmerung hilft außerdem ein Fuß, der vom Gas geht.
Dass Wildtiermanagement ohne Freizeitjagd funktionieren kann, zeigt der Schweizer Kanton Genf. Dort wurde die Jagd 1974 per Volksabstimmung abgeschafft, seitdem greifen staatliche Wildhüter*innen nur dort in die Bestände ein, wo es nötig ist 10. Zur Ehrlichkeit gehört, dass diese Wildhüter*innen jedes Jahr mehrere hundert Wildschweine töten 11.
Genf steht also für gezielte Eingriffe durch Fachleute mit klarem Auftrag. Der DJV hält dagegen, der dicht besiedelte Stadtkanton sei mit Deutschland nicht vergleichbar 12.
Warum die Fuchsjagd den Bandwurm nicht stoppt
Füchse gehören zu den am häufigsten geschossenen Wildtieren. Allein in Nordrhein-Westfalen kamen im Jagdjahr 2024/25 über 52.000 Füchse zur Strecke 13. Begründet wird das mit dem Schutz von Niederwild und Bodenbrütern. Noch häufiger fällt das Wort Gesundheit.
Füchse leben in Revieren, und wird eines frei, rücken Tiere aus der Umgebung nach. Wie stark dieser Effekt ist, zeigte ein Experiment in Frankreich, bei dem Forscher*innen gemeinsam mit Jäger*innen fünf bis sechs Jahre lang den Abschuss in mehreren Gebieten gezielt verändert haben. Zuwandernde Füchse glichen selbst hohe Abschussraten aus, und was in der Fortpflanzungszeit geschossen wurde, war bis zum folgenden Februar vollständig ersetzt 14.
Beim Fuchsbandwurm kann der Abschuss sogar schaden. Rund um Nancy wurden vier Jahre lang nachts 776 Füchse geschossen. Der Bestand sank nicht, der Anteil der Füchse mit Fuchsbandwurm stieg aber von 40 auf 55 Prozent, während er im Vergleichsgebiet stabil blieb. Die Forscher*innen führen das auf mehr umherziehende Jungfüchse zurück und empfehlen stattdessen Entwurmungsköder 15.
Luxemburg stellte die Fuchsjagd 2015 ein. Nach Angaben der Regierung nahm der Fuchsbandwurm danach nicht zu und der letzte Fall von Wildtollwut stammt aus dem Jahr 1999 16. Das Verbot gilt bis heute, und die Tollwut selbst wurde in Mitteleuropa mit großen Impfkampagnen zurückgedrängt 17. Die luxemburgische Naturverwaltung argumentierte, hätte die Jagd den Fuchsbestand wirksam verringert, hätte man sich die aufwendigen Impfköder-Kampagnen sparen können 18.
Die Baujagd auf Füchse
Wie brutal die Fuchsjagd sein kann, zeigt die Baujagd. Dabei schicken Jäger*innen Hunde in den Fuchsbau, die den Fuchs heraustreiben oder ihn unter der Erde stellen. Niedersachsen hat diese Jagd im Naturbau mit dem neuen Jagdgesetz verboten, weil Hunde und bejagte Tiere dabei ein hohes Verletzungsrisiko tragen. Bauhunde wurden außerdem immer wieder verschüttet und mussten ausgebaggert werden (top agrar 2026, s. o.). Erlaubt bleibt die Baujagd mit Hunden im Kunstbau, also in künstlich angelegten Bauen 19. Jungfüchse dürfen in Niedersachsen sogar das ganze Jahr bejagt werden 20.
Wie das in der Praxis aussieht, beschreibt ein Jagdratgeber, der inzwischen in der elften Auflage erschienen ist. Für Mai oder Juni empfiehlt er den Ansitz am Heckbau, also an dem Bau, in dem die Füchsin ihre Jungen aufzieht. Dort sollen die Welpen geschossen werden, wenn sie zum Spielen herauskommen. Alternativ rät er zu einem erfahrenen Hund, "der die Jungfüchse unter Tage abtut und herauszieht", und als letzte Möglichkeit zum Ausgraben der Welpen 21.
"Abtun" heißt in der Jägersprache "töten". Ausgebildet werden Bauhunde in sogenannten Schliefanlagen, in denen dafür lebende Füchse gehalten werden 22. Auch diese Ausbildung bleibt in Niedersachsen erlaubt 23.
Der Waschbär, eingebürgert mit Genehmigung

Beim Waschbären wird derzeit gefühlt am lautesten gestritten, deshalb war es mir wichtig, das Thema so tief wie möglich zu durchleuchten. Ganz am Anfang steht seine Herkunft, die in Debatten gern unter den Tisch fällt. Die erste dokumentierte erfolgreiche Aussetzung von Waschbären fand am 12. April 1934 im Forstamt Vöhl am Edersee statt, und zwar mit schriftlicher Erlaubnis des Preußischen Landesjagdamts. Dahinter stand der damals wertvolle Pelz, und bis 1954 stand der Waschbär in Deutschland sogar unter strengem Schutz 24. Genehmigt hat seine Einbürgerung also eine Jagdbehörde.
1954 erklärte Hessen als erstes deutsches Bundesland den Waschbären zum Jagdwild. Das Ziel: ihn wieder auszurotten. Trotz zeitweise drastischer Methoden haben die Eingriffe laut der Übersichtsarbeit von Frank-Uwe und Berit Michler nie eine dauerhafte Verringerung erreicht. Die beiden empfahlen deshalb, sensible Gebiete wie Vogelschutzgebiete gezielt zu überwachen und dort bei Bedarf einzugreifen. Im Siedlungsraum setzten sie auf vorbeugendes Konfliktmanagement, das deutlich günstiger sei als die Bekämpfung.
Seither ist die Strecke regelrecht explodiert. Im Jagdjahr 2003/04 kamen 21.149 Waschbären zur Strecke, 2024/25 waren es laut DJV 284.220, und trotzdem breitet sich die Art weiter aus 25. Das Forschungsprojekt ZOWIAC der Goethe-Universität Frankfurt nennt Schätzungen von 1,6 bis 2 Millionen Tieren in Deutschland und hält fest, dass die Ausbreitung trotz jährlich über 200.000 getöteter Waschbären weiter zunimmt 26.
Ganz so einfach ist die Sache beim Waschbären allerdings nicht. Die ZOWIAC-Forschenden beschreiben, dass Waschbären regional erheblichen Druck auf Amphibien und Reptilien ausüben. Betroffen sind außerdem Boden- und Höhlenbrüter sowie Fledermäuse. Sie widersprechen auch einem Argument, das unter Jagdgegner*innen beliebt ist. Die Behauptung, Bejagung sorge dafür, dass sich Waschbären stärker vermehren, beruht laut ihrem Positionspapier auf einer Fehldeutung einer US-Studie von 1990, und belastbare Daten hierzu gibt es bisher nicht. Auf dieses Argument würde ich beim Waschbären deshalb verzichten.
Was hilft also, wenn Waschbären an einem Laichgewässer oder einem Horst zum Problem werden? Das offizielle Management- und Maßnahmenblatt zur EU-Verordnung nennt unter anderem Kletterschutzmanschetten an Horst- und Höhlenbäumen sowie Zäune um Vorkommen gefährdeter Arten. Auch Fledermausquartiere in Stollen und Gebäuden lassen sich gegen eindringende Waschbären sichern (ZOWIAC 2025, s. o.).
Auch eine tötungsfreie Bestandskontrolle ist rechtlich nicht ausgeschlossen. Die EU-Kommission antwortete 2017 auf eine Anfrage aus dem Büro einer hessischen Landtagsabgeordneten, wonach Deutschland den weit verbreiteten Waschbären nicht beseitigen müsse. Auch Immunkastration oder Sterilisation mit anschließender Freilassung (wie ihr das sicher auch von Straßenhunden und Straßenkatzen im Auslandstierschutz kennt) könnten zulässig sein, wenn der Managementplan sie vorsieht, und den Tieren seien vermeidbare Schmerzen und Leiden zu ersparen. Die Auskunft ist ausdrücklich nicht rechtsverbindlich. 2020 hielt die Kommission solche Programme aber unter engen Voraussetzungen weiterhin für möglich, wenn eine Art so weit verbreitet ist, dass sie sich nicht mehr beseitigen lässt 27. ZOWIAC hält die Kastration bei rund zwei Millionen Tieren dagegen für unrealistisch und verweist auf das Verbot, gefangene invasive Tiere wieder freizulassen.
Der Waschbär hat nicht selbst entschieden, sich in Europa anzusiedeln. Er bezahlt heute mit seinem Leben für Entscheidungen, die Menschen wegen seines Pelzes getroffen haben.
Der Marder im Motorraum
Steinmarder haben einen schlechten Ruf, weil sie Kabel und Schläuche im Motorraum von Fahrzeugen zerbeißen. Dahinter steckt Revierverhalten. Männchen setzen im Motorraum Duftmarken, und riechen sie dort einen Rivalen, können sie aggressiv werden und sich in Kabel oder Schläuche verbeißen. Eine Abschottung des Motorraums hält sie von den Kabeln fern, und Schutzummantelungen schützen die Leitungen 28.
Ein getöteter Marder hinterlässt ein freies Revier, in das der nächste einzieht, nach demselben Prinzip wie beim Fuchs. Trotzdem hält Niedersachsen ausgerechnet beim Steinmarder an einer Totschlagfalle fest. Das neue Jagdgesetz verbietet Totfanggeräte, erlaubt in befriedeten Bezirken wie Wohngebieten aber weiterhin das sogenannte Ei-Abzugseisen gegen Steinmarder (top agrar 2026, s. o.).
Wie wertvoll Marder für die Artenvielfalt sein können, zeigt ein Blick nach Großbritannien. In Schottland drängen Baummarder, deren Bestände sich von früherer Verfolgung erholen, das eingeschleppte Grauhörnchen zurück, während das heimische Eichhörnchen davon profitiert. Die Studie baute auf Befunden aus Irland auf, wo Grauhörnchen nach der Rückkehr des Baummarders ebenfalls zurückgegangen waren 29. Ein heimischer Beutegreifer leistet dort genau das, was Jäger*innen beim Waschbären für sich beanspruchen, und nebenbei fressen Marder auch hierzulande jede Menge Mäuse und Ratten.
Steht der Dachs nicht unter Naturschutz?

Die Frage, ob der Dachs nicht unter Naturschutz steht, habe ich mir selbst gestellt. Die Antwort hat mich leider ernüchtert. In Deutschland unterliegt der Dachs dem Jagdrecht. In Niedersachsen darf er nach der Durchführungsverordnung zum Landesjagdgesetz vom 1. August bis zum 31. Januar geschossen werden, Jungdachse sogar ganzjährig 30. In Nordrhein-Westfalen kamen im Jagdjahr 2024/25 einschließlich Fallwild 8.233 Dachse zur Strecke (MLV NRW, Jagdstrecke 2024/2025, s. o.). Streng geschützt ist der Dachs dagegen in Großbritannien, wo der Protection of Badgers Act von 1992 das Töten nur mit behördlicher Genehmigung erlaubt.
Dabei ist der Dachs ein ausgesprochen friedlicher Zeitgenosse. Er sucht seine Nahrung vor allem im Boden, und den Großteil seiner tierischen Nahrung machen Regenwürmer und Insektenlarven aus. Dazu frisst er Wühlmäuse (!) und pflanzliche Kost, vor allem Früchte und Knollen 31. Ein Gelege nimmt er eher nebenbei mit.
In Großbritannien wurden Dachse über Jahrzehnte hinweg getötet, um die Rindertuberkulose einzudämmen. In einem großen randomisierten Feldversuch sank die Tuberkulose bei Rindern in den Gebieten, in denen Dachse getötet wurden, in den angrenzenden Gebieten stieg sie dagegen an 32. Erklärt wird das damit, dass die Abschüsse die Sozialstruktur der Dachse stören und so die Übertragung zwischen den Tieren und auf Rinder begünstigen. Bei sozial lebenden Arten kann der Abschuss eine Krankheit also weiter verbreiten.
Immerhin profitiert der Dachs vom niedersächsischen Verbot der Baujagd, denn auch sein Bau ist damit für Jagdhunde tabu.
Die Nutria und die Deiche
Bei der Nutria haben Jäger*innen wohl eines ihrer stärksten Argumente. Nutrias untergraben Uferböschungen und Deiche, und das ist in einem Bundesland mit langer Küstenlinie eine Frage der Sicherheit. Auch an der Ansiedlung der Nutria ist allerdings der Mensch schuld. Die Tiere stammen aus Südamerika und wurden zur Pelzgewinnung nach Europa gebracht. In Deutschland wurden sie ab 1926 in Pelztierfarmen gehalten 33.
Der Abschuss hat ihre Ausbreitung nicht aufgehalten. In Niedersachsen lag die Nutriastrecke im Jagdjahr 2002/03 bei 911 Tieren 34, im Jagdjahr 2024/25 waren es knapp 54.000, ein Plus von 19,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr (Ökotest, s. o.).
Ein wichtiger Treiber ist der Klimawandel. Das baden-württembergische Agrarministerium schrieb im November 2025, dass mildere Winter das Wachstum der Bestände beschleunigten und die Wintersterblichkeit senkten, während strenge und schneereiche Winter die Ausbreitung bremsten. Wissenschaftliche Studien gingen davon aus, dass der Klimawandel die Ausbreitung der Nutria in Europa stark begünstigt habe 35.
Dasselbe Ministerium beschreibt auch, wie sich Dämme dauerhaft schützen lassen. Neue Hochwasserschutzanlagen erhalten in Baden-Württemberg standardmäßig einen Schutz gegen Wühltiere aus einer Steinlage oder aus Stahlmatten. Eine Zielgröße für den Nutriabestand hält das Land für nicht zielführend und setzt ergänzend auf gezielte Bejagung in besonders sensiblen Bereichen. Der Kreis Groß-Gerau in Hessen rät außerdem, Deiche und Ufer regelmäßig zu kontrollieren und Mais oder Zuckerrüben nicht direkt am Wasser anzubauen. Vor allem aber gilt dort ein absolutes Fütterungsverbot, denn Fütterung führt laut der Behörde zu einer unnatürlichen Vermehrung und zu einer hohen Populationsdichte. Nutrias können sich bis zu dreimal im Jahr fortpflanzen 36.
In Niedersachsen wird trotzdem in großem Umfang getötet. Unterhaltungsverbände zahlen dort für jede getötete Nutria eine Prämie von sechs bis acht Euro, und das Land hat 750 Lebendfallen finanziert. Von den 28.614 Tieren, die zwischen 2020/21 und 2024/25 in diesen Fallen gefangen wurden, waren 24.178 Nutrias. Mehr als 4.400 gefangene Tiere waren also keine Nutrias 37. Für mich liegt die eigentliche Lösung im baulichen Schutz. Ein Deich lässt sich schützen, eine Population lässt sich nicht wegschießen.
Weitere Tiere, deren Tod als Naturschutz gilt

Die Liste der Tiere, deren Abschuss als Dienst an der Natur verkauft wird, ist lang. Diese Arten begegnen mir in Diskussionen am häufigsten.
Wildschweine
Bei Wildschweinen verweisen Jäger*innen auf Ernteschäden und auf die Afrikanische Schweinepest. Wildschweine gleichen Verluste allerdings besonders gut aus. Ein Vergleich einer stark und einer schwach bejagten Population zeigte, dass hohe Verluste durch den Menschen zusammen mit reichlich Nahrung den Lebenszyklus beschleunigen, weil die Tiere früher mit der Fortpflanzung beginnen 38. Die bundesweite Strecke schwankt entsprechend stark, von 882.231 Tieren im Jagdjahr 2019/20 bis 568.497 im Jagdjahr 2024/25 (Deutscher Presseindex 2026, s. o.). Solche Ausschläge folgen vor allem Mastjahren und dem Futterangebot, und Futter liefern die großen Maisfelder reichlich.
Zusätzliches Futter bringen Jäger*innen sogar selbst in den Wald. An sogenannten Kirrungen legen sie Mais aus, um Wildschweine vor die Flinte zu locken. Untersuchungen von Sandra Cellina zeigten, dass dabei viel größere Mengen ausgebracht wurden als angenommen. Mit dem Zusatzfutter kommen Bachen besser über den Winter, und Frischlinge erreichen früher das Körpergewicht, ab dem sie sich fortpflanzen können. Einzelne Frischlingsbachen waren schon mit vier Monaten fortpflanzungsfähig 39. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) empfiehlt gegen die Schweinepest zwar eine intensive Bejagung, aber ebenso, Wildschweine nicht zu füttern. Während eines Seuchengeschehens sollen außerdem Aktivitäten unterbleiben, die Wildschweine in Bewegung bringen, etwa intensive Drückjagden 40. Das Virus wird auch durch Menschen verbreitet. Schon ein achtlos an der Straße oder auf einem Parkplatz weggeworfenes Wurstbrot kann reichen, und auch Jagdausrüstung und Fahrzeuge können es weitertragen 41.
Rabenkrähen und Elstern
Krähen und Elstern sollen Singvögel dezimieren. Eine Auswertung von 42 Studien kam zu einem anderen Ergebnis. In 81 Prozent der Fälle zeigte sich kein negativer Einfluss auf den Bestand oder den Bruterfolg der Beutearten, und insgesamt bewerten die Autor*innen den Effekt als gering. Wo sich Effekte zeigten, betrafen sie deutlich häufiger den Bruterfolg als den Bestand 42. Dabei zählen Krähen und Elstern selbst zu den Singvögeln 43.
Die eigentlichen Ursachen für den Rückgang der Vögel liegen woanders. Eine Auswertung von Vogelzählungen an 20.000 Orten in 28 europäischen Ländern ergab, dass die Bestände häufiger Vogelarten seit 1980 um ein Viertel geschrumpft sind, bei Vögeln der Agrarlandschaft sogar um 57 Prozent. Als wichtigste Ursache nennen die Forscher*innen die intensive Landwirtschaft, vor allem den steigenden Einsatz von Dünger und Pestiziden 44.
Wichtig: Wer Singvögeln helfen will, sorgt besser dafür, dass sie ausreichend Nistplätze und Futter finden. Hecken und dichte Sträucher geben ihnen Schutz und Platz für ihre Nester, und ihre Jungen füttern die meisten Arten mit Insekten, die sie auf blühenden Wiesen und an wilden Wegrändern finden. Mit Ganzjahresfütterung 45könnt ihr sie im eigenen Garten unterstützen. Diese empfiehlt auch der NABU Gütersloh 46, auch wenn es das voranschreitende Vogelsterben alleine nicht aufhalten wird.
Hauskatzen
Besonders bitter finde ich die Regeln für Katzen. In Niedersachsen dürfen Jäger*innen wildernde und erkennbar verwilderte Katzen weiterhin schießen, wenn diese mindestens 350 Meter von der nächsten Wohnbebauung entfernt sind. Bisher waren es 300 Meter. Wildernde Hunde dürfen dagegen nur noch eingefangen werden (top agrar 2026, s. o.). Ob eine Katze verwildert ist oder einer Familie gehört, lässt sich durch ein Zielfernrohr kaum erkennen. Katzen sind das beliebteste Haustier in Deutschland. 2025 lebten rund 15,7 Millionen von ihnen in fast jedem vierten Haushalt 47.
Hinter jeder Katze, die ein Zuhause hat, stehen Menschen, für die sie zur Familie gehört. Eine Kugel unterscheidet nicht zwischen einem verwilderten Tier und einer Katze, die seit Jahren am Fußende eines Bettes schläft. Wer das Problem verwilderter Katzen lösen will, setzt bei der Kastration an, und die gelingt ohne einen einzigen Schuss. Niedersachsen weiß das selbst. Seit 2018 läuft dort eine Kastrationsaktion für freilebende Katzen, 2024 hat das Land dafür 400.000 Euro bereitgestellt. Bis Ende 2023 wurden so rund 18.500 Katzen kastriert 48.
Wolf und Goldschakal
Der Wolf ist seit April 2026 jagdbar, darüber habe ich beim Reh schon geschrieben. Dabei reguliert er genau die Arten, deren Regulierung die Jägerschaft für sich beansprucht. Wo stabile Wolfsrudel leben, ist außerdem der Goldschakal kaum anzutreffen 49. Der Goldschakal ist von selbst nach Deutschland eingewandert, begünstigt unter anderem durch wärmere Winter mit wenig Schnee. Der NABU betont, ihn deshalb nicht mit invasiven Arten zu verwechseln (t-online 2026, s. o.).
Begründet wird die Jagd auf den Wolf vor allem mit gerissenen Weidetieren. Auf seinem Speiseplan spielen Nutztiere aber kaum eine Rolle, in der Lausitz stammten weniger als ein Prozent der analysierten Beutetiere aus dem Bereich der Nutztiere 50. Wo Wölfe doch Schafe oder Ziegen reißen, gibt es mit dem Herdenschutz längst ein Werkzeug, das ohne Abschuss auskommt. Die Bundesländer haben ihn 2024 mit 23,4 Millionen Euro gefördert, und die Zahl der Übergriffe ist auf 1.109 gesunken, obwohl der Wolfsbestand weiter gewachsen ist 51.
Marderhund und Mink
Auch Marderhund und Mink sind von Menschenhand nach Europa gekommen, und zwar für die Pelzindustrie. In der früheren Sowjetunion wurden über 9.000 Marderhunde ausgesetzt 52, um sie für die Pelzgewinnung zu nutzen 53. Von dort hat sich die Art bis nach Mitteleuropa ausgebreitet. Heute dürfen Marderhunde in Niedersachsen geschossen werden, Jungtiere sogar ganzjährig (Landwirtschaftsministerium Niedersachsen, Jagdzeiten 2026, s. o.).
Der Mink, also der Amerikanische Nerz, wurde in Europa auf Pelzfarmen gehalten, aus denen immer wieder Tiere entkamen 54. Entflohene Minks gelten heute als große Bedrohung für die letzten Bestände des Europäischen Nerzes, der in Europa stark gefährdet ist 55. Die Nilgans ist aus Ziergeflügelhaltungen entkommen. Für alle drei gilt, was ich beim Waschbären beschrieben habe.
Die Grundsatzprobleme in Feld und Wald

Hinter vielen Konflikten, die mit dem Gewehr gelöst werden sollen, stecken für mich zwei Grundsatzprobleme. Das erste ist die Flurbereinigung. In den 1950er Jahren ging es dabei vor allem darum, kleine Äcker zu großen Flächen zusammenzulegen, damit die Landwirtschaft mehr produzieren konnte. Die Flurbereiniger selbst sprachen von "Hektaritis", weil sie möglichst viel Fläche pro Jahr bereinigen sollten. Ackerraine, Hecken, Obstbäume und kleine Gehölzinseln wurden vielfach beseitigt, damit die Maschinen genug Platz hatten, und die Landschaft wurde ausgeräumt 56. Wie viel in dieser Zeit verloren ging, zeigt Schleswig-Holstein. Dort schrumpfte die Länge der Knicks, also der typischen Wallhecken des Landes, zwischen 1948 und 1980 von gut 87.000 auf rund 46.000 Kilometer. Gesetzlich geschützt sind sie dort erst seit 1973 57. Es sind solche Hecken, die laut Peter Wohlleben auch den Rehen fehlen.
Besonders deutlich zeigt sich das am Rebhuhn, einem der Niederwildtiere, die Jäger*innen mit der Fuchsjagd schützen wollen. In Deutschland ist sein Bestand seit 1980 um 85 Prozent zurückgegangen. Fachleute aus Vogelkunde und Naturschutz sehen die Ursachen in fehlenden Lebensraumstrukturen und einer immer intensiveren Landbewirtschaftung 58. Für 2026 wurde das Rebhuhn zum Vogel des Jahres gewählt 59. Ohne Deckung haben Beutegreifer leichtes Spiel. Ein hessisches Maßnahmenblatt zum Rebhuhnschutz empfiehlt deshalb Blühstreifen von mindestens zehn Metern Breite, weil sich in schmaleren Streifen das Risiko verdoppelt, Beutegreifern zum Opfer zu fallen 60. Gegen fehlende Deckung hilft kein Schuss, und frei gewordene Fuchsreviere sind ohnehin schnell wieder besetzt.
Das zweite Grundsatzproblem steckt im Wald. Ende 2020 durften sich in Deutschland nur rund 3,1 Prozent der Waldfläche dauerhaft natürlich entwickeln. Das Ziel der Bundesregierung, bis 2020 fünf Prozent zu erreichen, wurde verfehlt 61. Der übrige Wald darf grundsätzlich bewirtschaftet werden, und das Jagdrecht legt fest, wessen Interessen beim Abschuss Vorrang haben. Laut Bundesjagdgesetz ist der Abschuss so zu regeln, dass die berechtigten Ansprüche von Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft auf Schutz gegen Wildschäden "voll gewahrt bleiben". Die Belange von Naturschutz und Landschaftspflege sollen dagegen nur "berücksichtigt werden", und erst innerhalb dieser Grenzen soll die Abschussregelung zu einem gesunden Wildbestand beitragen 62. Ein angeknabberter Baum zählt in diesem System vor allem als wirtschaftlicher Schaden, und das Reh wird daran gemessen, was es am Holz anrichtet.
Ohne Menschen keine invasiven Arten
Ein Satz hat mich durch meine gesamte Recherche begleitet: Ohne den Menschen gäbe es keine invasiven Arten. Im EU-Recht steht das sinngemäß genauso.
"Einige Arten migrieren natürlicherweise aufgrund von Umweltveränderungen. Diese Arten sollten in ihrer neuen Umgebung nicht als gebietsfremd angesehen werden und sollten vom Geltungsbereich dieser Verordnung ausgeschlossen sein. Im Mittelpunkt dieser Verordnung sollten ausschließlich Arten stehen, die durch menschliches Einwirken in die Union gelangen 63."
Artikel 2 der Verordnung nimmt solche Arten auch ausdrücklich aus. Ein Goldschakal, der dem Klima folgt, fällt also gar nicht unter diese Regeln. Waschbär und Nutria fallen darunter, weil Menschen sie hergebracht haben.
Die bekanntesten invasiven Säugetiere hat die Pelztierhaltung nach Deutschland gebracht, beim Waschbären mit dem Segen einer Jagdbehörde. Jäger*innen haben außerdem gebietsfremde Arten wie Mufflon und Fasan gezielt als Jagdwild ausgesetzt. Die Verantwortung für die Folgen liegt also beim Menschen, und bezahlen sollen sie die Tiere mit ihrem Leben.
In der Ökologie wird über diese Frage lebhaft gestritten. In der Fachzeitschrift Nature plädierten 2011 insgesamt 19 Ökolog*innen dafür, Arten nach ihrer messbaren Wirkung zu beurteilen und ihre Herkunft als zweitrangig zu behandeln. Viele eingeführte Arten seien längst dauerhafter Teil neuer Ökosysteme. Die Bekämpfung solle sich gezielt auf Arten mit nachgewiesenem Schaden richten 64.
Kurz darauf widersprachen 141 Forschende in derselben Zeitschrift. Sie warfen Davis und Kolleg*innen vor, gegen zwei Strohmänner zu argumentieren, denn auch die Invasionsbiologie lehne gebietsfremde Arten nicht grundsätzlich ab und setze ihre Prioritäten nach dem verursachten Schaden. Manche Folgen zeigten sich allerdings erst nach Jahrzehnten 65. Eine dritte Stimme kommt aus der Tierethik. Forscher*innen um Arian Wallach und den Verhaltensforscher Marc Bekoff kritisieren, dass im Naturschutz einzelne Wildtiere für das angebliche Wohl ganzer Bestände geopfert werden. Als eine der Ursachen nennen sie den Nativismus, also die grundsätzliche Bevorzugung heimischer Arten 66. Diese Sicht liegt mir am nächsten.
Neben den eingeführten Arten gibt es Tiere, die aus eigener Kraft zu uns kommen, weil sich das Klima verändert. Der Bienenfresser, ein farbenprächtiger Vogel aus dem Süden, brütete 2013 mit gut 1.000 Paaren in Deutschland 67. 2025 waren es nach Schätzung der Fachgruppe Bienenfresser etwa 6.800 Paare, und ihr Sprecher hält die Erwärmung durch den Klimawandel für die Hauptursache 68.
Die Gottesanbeterin galt hierzulande vor wenigen Jahrzehnten noch als Exotin. Laut NABU breitet sie sich wegen des Klimawandels aus, und inzwischen gibt es Funde aus jedem Bundesland 69. Auch der Goldschakal gehört zu diesen Neuankömmlingen. Den Klimawandel hat der Mensch verursacht, trotzdem gelten diese Arten nach EU-Recht nicht als gebietsfremd (EU-Verordnung 1143/2014, s. o.). Im Wald hilft der Mensch bei diesem Wandel sogar selbst nach.
Besonders deutlich wird die Doppelmoral im Wald. Weil heimische Baumarten im Klimawandel teilweise kaum noch eine Chance haben, setzt die Forstwirtschaft auch auf Arten aus anderen Teilen der Welt. Die nordamerikanische Douglasie wächst in Deutschland inzwischen auf rund 259.000 Hektar, was 2,4 Prozent der Waldfläche entspricht 70. Das Bundesamt für Naturschutz hat sie und die Roteiche 2013 als invasiv eingestuft 71.
Die Bundesregierung sieht trotzdem keinen Grund, den Anbau grundsätzlich zu beschränken. Sie verweist auf eine gemeinsame Einschätzung von Forstwissenschaft und dem Bundesamt für Naturschutz, räumt jedoch ein, dass es zu den langfristigen ökologischen Folgen solcher Baumarten bislang keine ausreichenden Analysen gibt (Deutscher Bundestag, Drucksache 19/11255, 2019, s. o.). Laut dieser gemeinsamen Einschätzung gefährdet die Douglasie auf den meisten Waldstandorten die Artenvielfalt nicht erheblich, nur auf Sonderstandorten wie Felsen oder trockenwarmen Eichenwäldern soll sie nicht angebaut werden 72. Bei Bäumen wird also genau abgewogen, wo eine gebietsfremde Art schadet, und selbst offene Fragen stoppen den Anbau nicht. Eine gebietsfremde Baumart wird als Hoffnungsträgerin gepflanzt, weil sie wirtschaftlich nützlich ist und als trockenheitsverträglich gilt. Gebietsfremde Säugetiere werden erschossen.
Ganz ohne Einschränkung möchte ich den Vergleich trotzdem nicht stehen lassen. Am härtesten trifft der Klimawandel die Fichte, die im Flachland oft weit außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets gepflanzt wurde. Laut der Bundeswaldinventur hat sie zwischen 2012 und 2022 rund 460.000 Hektar Fläche verloren, vor allem durch Dürre und Borkenkäfer, dazu kamen Stürme. 2022 wuchs sie noch auf 20,9 Prozent der Waldfläche, und der Wald insgesamt ist zwischen 2017 und 2022 sogar von einer Kohlenstoffsenke zu einer Kohlenstoffquelle geworden 73.
Die Fichtenforste sind also selbst ein Werk des Menschen, und ihr Zusammenbruch ist es ebenfalls. Sogar der DJV forderte 2019, mit klimastabilen heimischen Arten wie Buche, Eiche, Weißtanne und Ahorn vorzubauen, und wies darauf hin, dass gerade diese Bäume im Frühjahr besonders verbissgefährdet sind (DJV 2019, s. o.). Das führt mich direkt zum wohl stärksten Argument der Jagdbefürworter*innen.
Die Argumente der Jagdbefürworter*innen

Beim Wald stehen große Naturschutzverbände an der Seite der Jagd. Der BUND Naturschutz in Bayern drängte im März 2025 darauf, die Abschussplanung für Schalenwild konsequent umzusetzen, weil der Wald gerade in der Klimakrise Verjüngung brauche 74. Das nehme ich ernst. Meine Antwort darauf ist der Einzelschutz junger Bäume, den selbst der DJV fordert, und die Rückkehr der Beutegreifer, die Jäger*innen gerade wieder bejagen wollen.
Beim Waschbären sind die Forscher*innen von ZOWIAC die profiliertesten Gegenstimmen. Sie setzen sich ausdrücklich mit dem Einwand auseinander, dass der Mensch die Verantwortung trage. Sie räumen ein, dass der Mensch die Hauptverantwortung für den Rückgang vieler Arten trägt, halten den Waschbären jedoch regional für einen zusätzlichen Belastungsfaktor, der in sensiblen Lebensräumen sogar zum örtlichen Verschwinden von Arten führen kann.
Wo sich Waschbären nicht fernhalten lassen oder sich gefährdete Arten nicht erholen, halten sie eine intensivere Bejagung für alternativlos und schlagen Prämien für Jäger*innen vor (ZOWIAC 2025, s. o.).
Ich teile die Sorge um Amphibien und Reptilien. Den Schluss teile ich erst, wenn Schutzmaßnahmen an Laichgewässern und Brutbäumen wirklich ausgeschöpft sind. Bei der Nutria geht es um die Sicherheit von Menschen. In Niedersachsen schützen 650 Kilometer Sturmflutdeiche rund 1,3 Millionen Menschen 75. Hier gibt es nichts kleinzureden. Die Antwort liegt für mich im baulichen Schutz der Deiche, wie ihn Baden-Württemberg bei neuen Anlagen standardmäßig vorsieht.
Gern zitiert wird auch ein niederländisches Schutzgebiet, die Oostvaardersplassen. Dort lebten nach mehreren milden Wintern über 5.200 große Pflanzenfresser. Im Winter 2017/18 starben rund 3.200 Tiere, und 89 Prozent davon erschossen Ranger*innen, weil die Tiere zu geschwächt waren. Das Gebiet ist eingezäunt 76. Große Beutegreifer gab es dort nicht, die Tiere konnten also weder abwandern noch von Wölfen gejagt werden. Mit einem offenen Ökosystem hat das wenig zu tun.
Die Landesjägerschaft Niedersachsen hält dem Baujagdverbot außerdem entgegen, dass sogar der Entwurf des Wiesenvogelschutzprogramms der Naturschutzbehörde NLWKN die Baujagd als Teil des Prädationsmanagements vorsieht (top agrar 2026, s. o.). Wiesenvögel wie der Kiebitz haben es tatsächlich schwer. Die Hauptursachen ihres Rückgangs sind allerdings entwässerte Wiesen und eine intensive Grünlandnutzung, und Elektrozäune um Brutflächen schützen Gelege, ohne dass ein Tier stirbt.
Fazit: Reden ist Gold
Die Jagd verspricht, die Natur im Gleichgewicht zu halten. Die Zahlen erzählen bei vielen Arten etwas anderes. Bei Füchsen und Wildschweinen gleichen die Bestände Abschüsse aus. Beim Waschbären hat die Bejagung seit über siebzig Jahren die Ausbreitung nicht gestoppt, obwohl sie anfangs sogar seine Ausrottung zum Ziel hatte. Wo es echte Konflikte gibt, etwa an Deichen oder an Laichgewässern, helfen oft Lösungen, die ohne Tod auskommen. Viele der Tiere, deren Abschuss als Naturschutz gilt, hat der Mensch selbst hergebracht, andere profitieren von einer Klimakrise, die ebenfalls auf sein Konto geht.
Dass Wildtiermanagement in Deutschland zu einem großen Teil Hobbyjäger*innen überlassen wird, hat für mich einen sehr faden Beigeschmack. Peter Wohlleben hat schon 2014 gesagt, ein Abschuss durch staatliche Wildhüter*innen sei ihm deutlich lieber als "die heutige Situation, wo Laien als Hobbyjäger mit so einer wichtigen Aufgabe offensichtlich überfordert sind" 77.
Am deutlichsten spüre ich das bei den Katzen. Wer eine Katze hat, die draußen unterwegs ist, kennt das mulmige Gefühl, wenn sie abends nicht vor der Tür sitzt. Meist steht sie am nächsten Morgen maunzend auf der Fußmatte. Ich kenne aber mehrere Menschen, deren Katzen erschossen wurden. Ob eine Katze gerade wildert oder nur auf dem Heimweg ist, entscheidet in so einem Moment ein Mensch, der in der Freizeit jagt, hinter dem Zielfernrohr und in Sekunden. Diese Entscheidung lässt sich nicht zurücknehmen, und zu Hause bleibt ein Napf, den niemand mehr leert. Über Leben und Tod eines Tieres sollte für mich kein Hobby entscheiden. Wo wirklich eingegriffen werden muss, gehört diese Aufgabe in die Hände von Fachleuten mit klarem Auftrag, so wie in Genf.
Wenn ihr das nächste Mal mit Jäger*innen ins Gespräch kommt oder mit Menschen, die meinen, die Jagd sei wichtig für den Artenschutz und die Umwelt, nehmt diese Argumente gerne mit. Denn Reden ist wie immer Gold. Mir geht das bellende Reh vom Spaziergang nicht aus dem Kopf. Es brauchte niemanden, der es reguliert, denn die Natur hat dafür eigene Kräfte, und einige davon kehren gerade zurück. Wer den fehlenden Fressfeind beklagt, sollte ihn nicht ins Visier nehmen.
PS: Wie ihr auf den Bildern sehen könnt, jage ich auch. Mit der Kamera. Ich empfinde das als ein sehr schönes Hobby und man kann dabei auch stundenlang getarnt im Gras liegen. Nur so als Anregung.
Fußnoten
- 1.
- 2.
- 3.
- 4.
- 5.
- 6.
- 7.
- 8.
- 9.
- 10.
- 11.
- 12.
- 13.
- 14.
- 15.
- 16.
- 17.
- 18.
- 19.
- 20.
- 21.
- 22.
- 23.
- 24.
- 25.
- 26.
- 27.
- 28.
- 29.
- 30.
- 31.
- 32.
- 33.
- 34.
- 35.
- 36.
- 37.
- 38.
- 39.
- 40.
- 41.
- 42.
- 43.
- 44.
- 45.
- 46.
- 47.
- 48.
- 49.
- 50.
- 51.
- 52.
- 53.
- 54.
- 55.
- 56.
- 57.
- 58.
- 59.
- 60.
- 61.
- 62.
- 63.
- 64.
- 65.
- 66.
- 67.
- 68.
- 69.
- 70.
- 71.
- 72.
- 73.
- 74.
- 75.
- 76.
- 77.



