"Milliarden Dollar Babies – Große Gewinne mit kleinen Aalen"

Öko-Thriller & Podcast von ARTE & ZDF: Das verraten uns Aale über das organisierte Artensterben

Anne

Filmtipp von Anne
31.03.2026 — Lesezeit: 5 min

"Milliarden Dollar Babies – Große Gewinne mit kleinen Aalen"
Bild/Picture: © DOCDAYS / ZDF/ARTE / ZDFkultur / BBC

Der europäische Aalbestand ist seit dem Jahr 1980 um dramatische 98 Prozent zurückgegangen. Die Weltnaturschutzunion IUCN (Union for Conservation of Nature) hat den Aal in ihrer offiziellen Liste als "Critically Endangered" (vom Aussterben bedroht) verzeichnet. Der Handel mit den Tieren boomt dennoch. Sie zählen weltweit nach wie vor zu den begehrtesten Speisefischen.

Wie ist es möglich, dass eines der größten Verbrechen, die in Europa an Wildtieren verübt werden, im öffentlichen Bewusstsein kaum stattfindet? Dass Aale nach wie vor gegessen werden, als würde es kein Morgen geben1? Bisher gibt es dazu keine Schlagzeilen, keinen Aufschrei und keinen Druck. Der Aal scheint nicht mehr als ein weiterer Fisch zu sein, der langsam, still und heimlich aus unseren Gewässern verschwindet. Während auf der einen Seite ein Tier vor dem Aussterben bedroht ist, packt irgendwo in einer Speditionshalle in Paris jemand 3.000 winzige Glasaale in einen Koffer.

Ein neuer Dokumentarfilm und ein Podcast haben sich jetzt auf Spurensuche begeben. Nach und nach haben sie dabei mit viel Präzision einen Ökoskandal aufgedeckt, der hoffentlich schon bald dazu führen könnte, dass endlich Schritte zum Schutz der Aale eingeleitet werden.

"Milliarden Dollar Babies – Große Gewinne mit kleinen Aalen" heißt der Film, den DOCDAYS, ZDF/ARTE, ZDFkultur, BBC World Service, BBC EYE und HRT gemeinsam unter der Regie von Sebastian Weis produziert haben2. ARTE strahlte die Dokumentation zum ersten Mal am 24. März 2026 aus. Ihr findet sie zudem in der ZDF-Mediathek sowie auf arte.tv. Parallel zum Film erschien der sechsteilige ZDFkultur-Podcast "Billion Dollar Babies – Der Aal und die Gier", gesprochen von Katja Riemann. Die Schauspielerin verlieh ihre berühmte Stimme für die Produktion einer fiktiven Aal-Dame3.

Die fragwürdige Ware, die niemand auf dem Schirm hat

Filmszene: "Milliarden Dollar Babies – Große Gewinne mit kleinen Aalen". Bild/Picture: © DOCDAYS / ZDF/ARTE / ZDFkultur / BBCFilmszene: "Milliarden Dollar Babies – Große Gewinne mit kleinen Aalen". Bild/Picture: © DOCDAYS / ZDF/ARTE / ZDFkultur / BBC

Ein Kilogramm Glasaale. Das sind ungefähr 3.000 Fische, jeder davon wenige Zentimeter lang. In ihrem fast durchsichtigen Entwicklungsstatus begeben sich die jungen Fische auf den Weg von europäischen Küstengewässern nach Asien. Was wie der Beginn eines naturkundlichen Lehrfilms klingt, ist in Wirklichkeit der Einstieg in ein Milliardenbusiness. In Asien zahlen Händler*innen für ein Kilo dieser Jungtiere bis zu 6.000 Euro. Europol schätzt, dass das deutlich mehr ist, als für Cannabis oder Kaviar bezahlt wird 4.

Die Vertragsstaaten nahmen den Europäischen Aal bereits 2007 in Anhang II des Washingtoner Artenschutzabkommens auf. Das führte dazu, dass der Export von Glasaalen aus der EU seit 2009 vollständig verboten ist. Leider bewirkte das Verbot die Bildung eines florierenden kriminellen Netzwerks. Dieses kontrolliert heute den Aal-Schmuggel über mehrere Kontinente. Schätzungen von Europol zufolge bringen die Schmuggler pro Jahr bis zu 100 Tonnen Glasaale illegal von Europa nach Asien. Das sind rund 300 Millionen Einzeltiere, die in Spitzenjahren einen Schwarzmarktwert von bis zu 3 Milliarden Euro erzielen4. Damit sprechen wir von dem wohl größten Wildtierverbrechen mit Ursprung auf europäischem Boden.

"Der Aal und die Gier": Ein dramatischer Öko-Thriller

"Milliarden Dollar Babies — Große Gewinne mit kleinen Aalen" machte Sebastian Weis quasi über Nacht zum Tierfilmer. Der Regisseur stolperte im Sommer 2020 über das Thema. Ein Freund erzählt ihm damals auf seinem Balkon davon, dass Aale als lukratives Schmuggelgut gelten. Ihr Gespräch war der Startschuss für die mehrjährige, großangelegte, zwölf Länder übergreifende Recherche5, die als Basis für den Film diente.

Die Dokumentation begleitet die Schmuggelrouten von der Karibik bis nach Ostasien. An Stränden werden Bargeldbündel übergeben und Kurier*innen schmuggeln lebende Fische in Koffern durch Flughäfen. Am Ende dieser Lieferkette landen die Tiere in chinesischen Aal-Aufzuchtbetrieben. Wie professionell das Netzwerk operiert, zeigt sich unter anderem, als ein portugiesisches Ermittlungsteam eine Bunkeranlage stürmt, die ausschließlich zur Zwischenlagerung von Glasaalen vor dem illegalen Export gebaut worden war.

Der Podcast "Billion Dollar Babies – Der Aal und die Gier" ergänzt den Film um eine ungewöhnliche erzählerische Ebene: Katja Riemann spricht darin eine fiktive Aal-Dame, die die Geschichte als kluge, eigenwillige Kommentatorin begleitet. Dabei webt sie jahrhundertealte Mythen ein und lenkt den Blick immer wieder auf das, was in diesem Geschäft auf dem Spiel steht. Sie spricht für ihre Spezies und macht den Zuschauenden klar, wie dringend die Aale unsere Hilfe brauchen. Sie bringt es auf den Punkt:

"Das hier ist nicht irgendein True-Crime-Podcast, kein Wirtschaftsthriller, zumindest nicht für uns. Das ist das größte Wildtierverbrechen, von dem kaum jemand weiß. Oder für das sich kaum jemand interessiert3."

Das steht auf dem Spiel

Der Europäische Aal existiert seit über 70 Millionen Jahren. Er legt im Laufe seines Lebens eine Strecke von bis zu 7.000 Kilometern zurück. Von seinen Lebensräumen in europäischen Binnengewässern bis in die Sargassosee östlich der Bahamas, wo er sich fortpflanzt. Er ist ein Tier mit einem der komplexesten Lebenszyklen überhaupt. In Norddeutschland war seine Spezies einst so zahlreich vertreten, dass Bauern Glasaale zum Düngen auf ihre Felder schaufelten.

Heute sind die Aalbestände in der Nordsee auf unter ein Prozent des historischen Aufkommens zurückgegangen. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Die Hauptgründe sind die Verbauung von Flüssen, die Wasserverschmutzung, der Klimawandel, eingeschleppte Parasiten, Wasserkraftturbinen sowie die gnadenlose Überfischung und der illegale Handel mit den Tieren. Was den Glasaal-Schmuggel besonders perfide macht, ist die Struktur des für Aale typischen Lebenszyklus. Da sie sich in Gefangenschaft nicht erfolgreich fortpflanzen, sind Aquakulturen weltweit auf den Wildfang von Jungtieren angewiesen. Hinter jedem geschmuggelten Glasaal steht somit nicht nur ein geraubtes Individuum, sondern auch ein Tier, das nie zur Reproduktion der bedrohten Wildpopulation beitragen wird.

Europol koordiniert seit 2016 die sogenannte Operation LAKE, die bisher zu über 850 Verhaftungen und der Beschlagnahmung von mehr als 87 Tonnen Glasaalen geführt hat. Der Handel geht dennoch rege weiter.

"Milliarden Dollar Babies" kommt genau im richtigen Moment

"Milliarden Dollar Babies" ist kein Tierschutz-Dokumentarfilm im klassischen Sinne. Es handelt sich vielmehr um investigativen Journalismus, der zufällig von einem Tier handelt. Und genau das macht ihn für eine breite Masse zugänglich und unglaublich wichtig.

Schließlich ist die traurige Geschichte des Aals auch eine Geschichte über menschliche Gleichgültigkeit. Die Fische haben keine telegenen Gesichter wie Löwenjunge, Faultiere oder Pandabären. Sie sind nicht pelzig oder niedlich und sie geben auch keine süßen Laute von sich. Sie sterben leise, in Aquakulturen in Asien oder in Turbinen an deutschen Flüssen, und niemand schaut hin. Genau aus diesem Grund konnte der Aal-Schmuggel so lange ungestört wachsen. Nun ist es höchste Zeit, ihn zu stoppen.

Ihr kennt Menschen, die im Restaurant noch Unagi-Sushi bestellen? Dann empfehlt ihr ihnen am besten den Film und den Podcast. Ihr findet beides kostenlos auf arte.tv sowie in der ZDF-Mediathek.

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