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    Interview mit Lena von der Tierrettung Nyirbator

    "Man lernt, seine eigenen Bedürfnisse hintanzustellen"

    Interview von Anne
    02.02.2024 — Lesezeit: 24 min
    Interview mit Lena von der Tierrettung Nyirbator

    Tierrettung Nyirbator – dieser Name steht für konsequenten Tierschutz. Der Verein kümmert sich in Ungarn um Hunde – vor allem Straßenhunde – und vermittelt sie über das dortige Tierheim nach Deutschland. Auf diesem Weg ist vor kurzem ein wunderbares Wesen bei uns zu Hause eingezogen – die kleine Vally, die unser Leben seit dem 6. Dezember 2023 glücklicher, schöner, strukturiert, chaotischer, verspielter und mobiler macht.

    Weil mich das, was die Menschen hinter der Tierrettung Nyirbator1 machen, so begeistert und ich unbedingt mehr erfahren wollte, habe ich die Gelegenheit genutzt und Lena um ein Interview gebeten. Sie nimmt bei der Tierrettung eine ganz entscheidende Rolle ein, denn sie kümmert sich als Leiterin der Vermittung um die Koordination. Neben Themen wie ihrer Arbeit und die Situation vor Ort im ungarischen Nyirbator haben wir uns auch über die Beziehung unterhalten, die Menschen heute zu Hunden haben und warum Tierschutz und Tierrechte – sprich Veganismus – untrennbar zusammengehören.

    Anne: Hallo, liebe Lena! Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst! Ich weiß, sie ist für Dich sehr kostbar und Du hast extrem viel um die Ohren. Wie geht es Dir, wie war Dein Tag bis jetzt und was steht heute noch auf dem Programm?

    Lena: Im Moment sehr gut! Ich habe Zeit für das Gespräch mit Dir und das freut mich sehr!

    Anne: Wie lange bist Du schon im Tierschutz unterwegs? Bei der Tierrettung Nyirbator warst Du von Anfang an dabei, oder?

    Mit 17 habe ich zum ersten Mal die großen Tierheime in Rumänien besucht

    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator
    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator

    Lena: Ich war mit 17 das erste Mal in Rumänien. Für mich hat sich diese Herausforderung allerdings rückblickend betrachtet als zu groß herausgestellt. Ich war dort zuerst in einem Tierheim mit 1.500 Hunden und anschließend in einem mit 600 Hunden. Wobei das zweite nur die Krankenstation eines Tierheims war. Die 600 Hunde waren also nur die kranken Hunde aus dem Tierheim, das ich nie komplett gesehen habe.

    Bei solchen Verhältnissen wird es schwierig, einen Hund so abzuschätzen, dass man sagen kann "Dieses Tier passt zu dieser Familie". Hinzu kommt, dass von den 1.500 Hunden in dem ersten Tierheim, in dem ich war, mindestens 1.000 Herdenschutzhunde waren. Das kommt daher, dass die Verhältnisse in Rumänien noch etwas anders sind als in Ungarn. Die Hunde verpaaren sich dort über Generationen auf der Straße und sind alle groß und grau oder groß und braun. Optisch gehen sie alle schon zurück in Richtung Wolf. Das waren wirklich alles wunderschöne, liebe Hunde dort. Allerdings würde ich sagen, dass von den 1.000 angesprochenen Hunden 900 nicht in einer deutschen Familie leben könnten. Man könnte sie vielleicht auf einen Pferdehof vermitteln und hoffen, dass er die anderen Tiere in Ruhe lässt und sein Ding macht und dabei möglichst auf dem Gelände bleibt. In einer Familie mit Kindern in einer Etagenwohnung würde jedoch weder der Hund noch die Familie glücklich werden.

    Mir ging es damals einfach immer richtig schlecht, wenn ich nach Hause gegangen bin. Es war einfach dieses Gefühl "Selbst, wenn ich all mein Geld, all meine Zeit und all meine Energie in dieses Tierheim stecke, werde ich niemals vorankommen." Niemand kann das tragen. Es ist unmöglich, tausende Hunde zu füttern. Noch schlimmer ist es zu wissen, dass 80 Prozent der Hunde das Tierheim niemals verlassen werden, sie werden ihr Leben lang Hunger leiden, weil sich kein Mensch leisten kann, ihnen ordentliches und genügend Futter zu geben. Sprich: Sie werden immer nur gerade so am Leben gehalten, bis sie eines Tages an diesem Ort sterben. Das bedeutet auch, dass sich die Hunde gegenseitig fressen, wenn zu wenig Futter da ist. Es war so furchtbar zu wissen, dass ich diese Verhältnisse niemals würde – nicht mit allem, was in meiner Macht stand.

    Ich stand also vor der Wahl, Tierschutz zu machen, bei dem ich das Gefühl habe, etwas verändern zu können oder selbst dabei kaputtzugehen und es nach zwei oder drei Jahren ganz hinter sich zu lassen.

    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator
    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator

    Vor dieser Zeit hatte ich schon selbst zwei Hunde aus dem Tierschutz adoptiert. Die zweite Adoption war eine Katastrophe. Es war genau dieser Fall: Der Hund stammte von einer Organisation aus Malta, die es heute nicht mehr gibt. Die Tierheime auf Malta sind auch sehr schwierig – genau wie die Lebensbedingungen vor Ort. Der Hund, den ich damals adoptiert habe, hatte seine Geschwister gefressen. Damals hieß es nur "Ist halt ein schüchterner Hund, der kennt das alles nicht so mit Menschen und eine Leine anzuziehen und so weiter". Am Ende hatte ich einen sechs Monate alten Hund, der so angstaggressiv war, dass er mich drei Jahre lang gebissen hat, bis ich ihn überhaupt anfassen durfte. Zum Glück hatten wir damals einen hoch eingezäunten Garten. Er hat drei Jahre lang neben der Waschmaschine gelegen und sobald ich reingekommen bin, ist er nach vorn gegangen, weil er dachte, dass ich ihn umbringen will.

    Als ich zum ersten Mal an die Organisation herangetreten bin und gefragt habe, was ich machen kann, kam Herbert zu mir. Er lebt auch heute noch bei mir. Er war ein Traum – stubenrein, ist an der Leine gelaufen. Er war dieses Bild der Hunde, das viele Tierschutzorganisationen vermitteln – dankbar und lieb. Leider ist es nur wirklich so, dass 99,9 Prozent der Hunde nicht so sind.

    Meinen bissigen Hund wieder abzugeben, war für mich niemals eine Option. Zwar wurde die Situation am Anfang erst mal immer schlimmer, doch ich war überzeugt, dass ich das mit ihm schaffen würde. Als ich mich bei der Tierschutzorganisation meldete und um Tipps mit ihm bat, stellte ich fest, dass es sie nicht mehr gab und auch die Webseite abgestellt war. Für mich war das und die Situation mit meinem Hund außerdem ein wichtiger Schlüsselmoment in meinem Leben. Ich wusste, dass ich mehr tun wollte.

    Anne: Welchen Tipp würdest Du aus Deiner Erfahrung heraus Menschen geben, die bisher noch gar keine Berührungspunkte mit dem Tierschutz hatten. Wie kann man erkennen, ob es sich um einen seriösen Verein handelt? Ich habe gerade wieder eine Geschichte von einem sehr kranken Chihuahua gehört, der angeblich aus dem Tierschutz stammte und am Ende stellte sich heraus, dass er nicht mal gechippt war und von einem dubiosen Händler stammte.

    "Ich werde sofort hellhörig, wenn ich sehe, dass jemand nur Rassehunde vermittelt"

    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator
    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator

    Lena: Bei Rassehunden werde ich sofort hellhörig. Da sollte man wirklich besonders aufpassen. Wir kennen das auch aus Ungarn. Dort sitzen in so vielen Kellern Hunde.

    Die deutschen Tierheime sind voll mit beschlagnahmten Hunden. Die stammen auch längst nicht mehr nur aus dem Ausland, sondern auch von Animal Hordern aus Deutschland, die versuchen, sich mit der Zucht beliebter Rassen Geld zu verdienen. Das ging verstärkt während Corona los, als es noch unglaublich viele Abnehmer*innen gab. Jetzt möchte niemand mehr Hunde haben und sie sitzen auf diesen Zuchttieren.

    Wenn jemand nur Rassehunde anbietet, würde ich generell stutzig werden. Das ist niemals richtig. Außerdem sollte man immer bedenken, dass man einen deutschen Verein und eine Vermittlungserlaubnis haben muss, um Tiere aus dem Ausland ins Land zu bringen. Wenn das nicht der Fall ist, würde ich ohnehin die Finger davon lassen.

    Ich weiß, dass es viele Vereine inzwischen anders machen, aber ich halte außerdem nichts davon, wenn man die komplette Schutzgebühr vorab entrichten muss. Da wäre ich auch vorsichtig. Wahrscheinlich definieren alle seriöse Vereine anders. Aber ich würde sagen, dass ein seriöser Verein nur so viele Hunde hat, dass er ihnen gerecht werden kann. Das bedeutet für mich nicht nur, ihnen so viel Futter zu geben, dass sie überleben, sondern dass die Hunde, auch, wenn es keine Anfragen gibt, geimpft werden – sofort.

    Wir haben auch Hunde, die zwei Jahre bei uns sind. Das bedeutet dann auch, dass Auffrischungsimpfungen notwendig werden. Die bezahlt uns auch niemand. Wir schlagen die auch nicht auf die Schutzgebühr drauf. Der*die Adoptant*in kann nichts dafür, dass der Hund zwei Jahre bei uns war. Tierschutzvereine sollten in meinen Augen dafür sorgen, dass die Hunde, solange sie sich in ihrer Obhut befinden, bestmöglich versorgt sind.

    Ich weiß auch von vielen Tierschützer*innen, die überall auf der Straße Hunde aufsammeln. Das kann auch nicht Sinn der Sache sein. Wir müssen uns darüber bewusst sein – gerade jetzt, in Zeiten, in denen die Vermittlungszahlen zurückgehen – dass wir nicht allen Straßenhunden ein Zuhause geben können. Darum ist es auch Aufgabe der Vereine, den Menschen vor Ort zu zeigen, wie sie sich selbst helfen können. Damit, die Hunde nach Deutschland zu bringen und ihnen einen guten Platz zu verschaffen, ist es nicht getan.

    Anne: Aufklärung ist ja auch in die andere Richtung sehr wichtig. Ich kenne auch zahlreiche Geschichten von Leuten, die Tiere aus dem Ausland adoptiert haben, die vollkommen krank waren und erst mal das erste halbe Jahr Stammgäste in der Tierklinik waren. Ich habe das ja, als ich Valea adoptiert habe, mitbekommen, wie wunderbar Du mich da abgeholt hast, mit all den Informationen – auch zum Lesen, was ich super fand. Möchtest Du das noch mal für meine Leser*innen kurz in Worte fassen?

    "Erst, wenn man dazu bereit ist, alle damit verbundenen Risiken auf sich zu nehmen, ist man bereit, einen Straßenhund zu adoptieren"

    Tierrettung Nyirbator. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator
    Tierrettung Nyirbator. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator

    Lena: Ich finde, man muss offen darüber sprechen – Würmer, Giardien, Mittelmeerkrankheiten – das alles sind Dinge, die vorkommen können und die potenziellen Adoptant*innen sollten sich dessen bewusst sein. Wenn man die schlimmsten Geschichten erzählt hat und die Person, die Dir gegenübersitzt, sagt immer noch "Ich möchte mich um diesen Hund kümmern und ich nehme jedes dieser Risiken in Kauf", hat man überhaupt die Chance, dass man den*die richtige*n Halter*in gefunden hat. Mich fragte erst vor ein paar Tagen wieder eine Frau "Sag mal Lena, möchtest Du den Hund gar nicht vermitteln?" Ja, das möchte ich auf jeden Fall, aber ich möchte auch nicht, dass er wieder zurückkommt.

    Einen Hund, der schon in Deutschland ist, noch mal umzuplatzieren, ist natürlich in allererster Linie für den Hund sehr unangenehm, weil er sich noch mal an ein neues Umfeld gewöhnen muss. Hinzu kommt außerdem, dass Deutsche Hunde aus dem Ausland retten wollen. Dann kann man erzählen, dass man ihn aus einer Tötungsstation geholt hat und man ihm ein schönes Leben ermöglicht. Sich selbst auf die Schulter klopfen zu können, gehört leider bei vielen dazu. Wenn der Hund allerdings schon mal in Deutschland in einer Familie war, denkt man sich gleich, dass er sicher Probleme bereitet hat und nicht einfach zu handeln ist. Außerdem ist er ja in Deutschland und nicht in Gefahr, warum soll man ihn dann adoptieren.

    Anne: Wie versucht ihr das zu verhindern, dass Ihr Hunde noch mal umplatzieren müsst?

    Lena: Wir fahren so oft es geht nach Ungarn, um alle Hunde kennenzulernen und einschätzen zu können. Dabei muss man aber natürlich auch bedenken, dass sie dort in einem Tierheim sind und die Bedingungen natürlich anders sind, als z. B. in einer Wohnung.

    Bei uns leben im Moment nur 60 Hunde, was überschaubar ist. Das bedeutet auch, dass ich im Notfall, wenn alle Spenden wegfallen, sie erst mal drei Monate lang selbst durchfüttern kann. Das ist eine Verantwortung, die man zur Not noch selbst tragen kann. Allerdings wird es immer schwieriger, je mehr Hunde es werden. Auch 60 Hunde sind viel, wenn man jeden davon kennenlernen möchte. Wir haben, wenn wir dort sind, nur eine gewisse Zeit pro Hund.

    Hinzu kommt, dass sie weder geistig noch körperlich ausgelastet sind und 24/7 unter Stress stehen. Nachts laufen Katzen herum und kaum bewegt sich etwas, fängt der erste Hund an zu bellen und dann geht es reihum weiter. Sie können nicht durchschlafen und sind tagsüber völlig übermüdet.

    Wir können also nur erahnen, wie die Charaktere der einzelnen Hunde sind. Trotzdem können wir natürlich sagen, ob ein Hund eher ängstlich oder zutraulich ist, verspielt und offen oder eher verschlossen, ob er sich mehr an anderen Hunden orientiert oder an Menschen. Einen Hund, der nicht mal seinen Zwinger verlassen möchte, kann ich natürlich nicht ins Zentrum einer Großstadt vermitteln. Diese Punkte sind für mich extrem wichtig. Ich für meinen Teil würde keinen Hund mehr adoptieren, wenn das nicht gegeben ist.

    Natürlich steht es jedem*r frei, einen Hund aus einer Tötungsstation zu adoptieren, obwohl man kaum etwas über ihn weiß, allerdings sollte man eine gut überlegte Entscheidung treffen und sich über die Verantwortung bewusst sein.

    Anne: Was sagst Du zu Social-Media-Posts wie "In vier Tagen werden diese Hunde getötet, rettet sie jetzt"? Das ist doch auf eine Art auch sehr wichtig, um Awareness zu schaffen, oder?

    "Es liegt meist nicht an den Hunden, dass sie zu 'Wanderpokalen' werden

    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator
    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator

    Lena: Leider treffen Menschen in solchen Situationen häufig die unüberlegtesten Entscheidungen überhaupt. Ich möchte auch nicht wissen, wie viele von ihnen ihre Entscheidungen bereuen.

    Anne: Das sind dann vermutlich oft diese traurigen "Wanderpokale", von denen man immer hört, die von einer Familie zur nächsten weitergereicht werden, oder?

    Lena: Genau. Und häufig liegt es nicht an den Hunden, dass sie zu "Wanderpokalen" werden. Der Hund kommt an und die Menschen denken sich "Was habe ich da für eine Entscheidung getroffen?" Erst in diesem Moment wird ihnen klar, dass sich die Adoption auf ihren Alltag auswirken wird. Dann muss der Hund schnell wieder weg.

    Für einen Verein bedeutet das dann, dass eine Notpflegestelle gefunden werden muss. Dort kann der Hund nur für ein paar Tage oder Wochen unterkommen. Von der Notpflegestelle geht es dann in eine Pflegestelle, die möglicherweise die nächsten sechs Monate Zeit hat, damit die Notpflegestelle wieder entlastet ist. Von der Pflegestelle aus hat man dann vielleicht das Glück und findet eine Endstelle. In diesem Moment ist der Hund dann schon durch so viele Hände gegangen und hat so viele Erziehungsversuche und -ansätze erlebt, dass er überhaupt nicht mehr weiß, woran er ist. Den Hunden gegenüber ist das unfair.

    Anne: Ihr nehmt in Nyirbator vor allem Straßenhunde auf, oder?

    Lena: Bis 2017 war Nyirbator auch eine Tötungsstation. Damals haben wir einen Vertrag mit der Stadt geschlossen, dass wir sie übernehmen. Wir sind damit Betreiber der Station geworden, die es in Ungarn in bestimmten Kantonen geben muss, damit es eine Anlaufstation für Bürger*innen gibt, bei der sie Straßenhunde melden können. Diese Station ist dann dazu verpflichtet, die gemeldeten Hunde abzuholen. Dabei geht es nicht um Besitzerhunde, bei denen sind wir nicht dazu verpflichtet, sie aufzunehmen, sondern, wie Du schon gesagt hast, um Straßenhunde. Wenn jemanden ein Straßenhund in seiner Nachbarschaft stört, sind wir dazu verpflichtet, ihn aufzunehmen.

    Wir holen also alle Hunde ab, bei denen wir dazu verpflichtet sind, plus die, die auf der Straße nicht überleben würden – zu denen auch Deine Valea gezählt hat. Alle anderen werden kastriert und wieder freigelassen. Auf Biegen und Brechen alle Hunde einzufangen, klappt nicht. Es sind auch immer wieder Hunde dabei, die überhaupt nicht mit Menschen klarkommen. Wenn wir sie in einen Zwinger setzen, tun wir ihnen keinen Gefallen und nehmen gleichzeitig Hunden den Platz weg, die eine echte Chance auf eine Vermittlung haben.

    Anne: Möchtest Du mir ein wenig etwas über das Umfeld der Tierauffangstation in Nyirbator erzählen? Wie kann es sein, dass gerade dort so viele Straßenhunde unterwegs sind? Besteht keine Möglichkeit, die Situation zu verbessern? Die Kastrationsaktionen hast Du ja schon erwähnt. Wie kann das sein, dass es in der Gegend so viele Hunde gibt?

    "50 Kilometer weiter in Rumänien ist die Lage komplett anders"

    Tierrettung Nyirbator. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator
    Tierrettung Nyirbator. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator

    Lena: Wir sind zwar in Nyirbator nur 50 Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt, aber es zeigt sich dort dennoch ein komplett anderes Bild, mit längst nicht so vielen Straßenhunden wie dort drüben. Ich kann mich noch daran erinnern, dass man in Rumänien an jeder Ecke einen Straßenhund sieht. Wenn wir mit dem Auto nach Ungarn fahren und von der Autobahn runterkommen, treffen wir gar nicht immer auf Hunde. So krass, wie man es sich vorstellt, ist es also insgesamt nicht.

    Häufig sind die Hunde bei den Siedlungen der Sinti*zze und Rom*nja außerhalb der Stadt unterwegs, weil es dort leider keine Mülltonnen gibt. Sie versorgen sich dort mit Futter, sammeln sich, vermehren sich und sind komplett sich selbst überlassen. Den Menschen fehlt schlichtweg das Geld, sich um sie zu kümmern, auch wenn sie das vermutlich gerne würden. Darum werden die Tiere oft verjagt.

    In der Peripherie von Nyirbator gibt es zum Beispiel diesen Bereich, wo meine Kollegin im Moment oft hingeht, in dem sich 300 Straßenhunde aufhalten. Wir werden hier auf jeden Fall eine Kastrationsaktion machen. Leider geht das nicht sofort, weil es natürlich viel zu kalt ist, sie nach einer OP wieder rauszulassen. Das bedeutet dann, dass wir eine Lebendfalle aufstellen und Hund für Hund einfangen und dabei hoffen, dass wir Kastrationstermine für sie bekommen.

    Die Hunde holen sich in den Siedlungen ihr Futter, schleppen es in den Wald und nehmen es dort zu sich. Sie kennen überhaupt keinen positiven Kontakt zu Menschen. Man kann sie nur sehen, wenn sie Hunger haben und in den Hinterlassenschaften der Menschen nach Futter suchen und danach verschwinden sie wieder in ihre Verstecke im Wald.

    Das sind auch alles Hunde, die wir nicht vermitteln könnten. Sie sind fünf oder sechs Jahre alt und haben noch nie einen Menschen berührt. Für sie wäre es der Horror, wenn sie bei einer Familie den ganzen Tag auf dem Sofa liegen müssten oder an der Leine zu gehen.

    Anne: Wie kommt es dann dazu, dass es so viele sind an diesem Ort?

    Lena: Das Problem sind vordergründig die unkastrierten Besitzerhunde. Die Zäune sind kaputt und die Tiere werden wenig überwacht und treffen sich einfach in der Nachbarschaft. Dann gibt es einen "Ups-Wurf", der landet dann, bis auf die, die man für ein paar Euro verkaufen kann, auf der Straße und so schließt sich der Kreis.

    Es ist also gar nicht mal das Problem, dass es Straßenhunde sind, die seit Generationen auf der Straße leben, sondern dass sie Menschen kein Geld für den Tierarzt haben und sich nicht kümmern können.

    Hinzu kommt neben den Straßenhunden auch noch die Problematik, dass immer wieder Menschen bei sich daheim irgendwelche Trendhunde wie Dackel-Mischlinge züchten und dann damit drohen sie auszusetzen, wenn es ihnen nicht gelingt sie zu verkaufen. Wir sind hier inzwischen dazu übergegangen, sie nur unter der Bedingung aufzunehmen, dass wir die Mutter-Hündin kastrieren lassen dürfen.

    Kettenhunde sind ein weiteres Kapitel. Sie sehen meistens viel schlimmer aus als die Straßenhunde, weil sie sich nicht einfach selbst mit Futter versorgen können, die Menschen aber meist einfach kein Geld haben, um sie regelmäßig zu füttern. Für uns ist es hier vor allem wichtig, nicht mit dem erhobenen Finger anzukommen. Zwar ist Kettenhaltung auch in Ungarn verboten, aber wir versuchen, mit den Leuten in einen Dialog zu treten. Wir gehen hin, erklären, was los ist, zeigen, dass die Hunde ein ordentliches Halsband und einen Karabinerhaken benötigen und man ihnen nicht einfach eine blanke Kette um den Hals legen kann. Wir stellen Hütten zur Verfügung und versuchen, Kastrationstermine für die Hunde zu bekommen. Sie können ihren Hund bei uns registrieren lassen und bekommen dann einmal im Monat einen 15-kg-Sack mit Futter.Für uns ist das ein guter Kompromiss. Zwar müssen wir die Säcke, bevor wir sie ausgeben, aufschneiden, damit sie nicht verkauft werden, aber die Menschen lernen dazu und gehen zumindest etwas achtsamer mit ihren Hunden um.

    Anne: Das klingt nach viel Aufklärungsarbeit.

    "Wir müssen viel runterschlucken"

    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator
    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator

    Lena: Das stimmt, es ist viel Aufklärung. Und auch viel Herunterschlucken. Es kommt so oft vor, dass man sich denkt, man würde diesen einen Hund jetzt am liebsten von der Kette befreien, mitnehmen und ein ganz tolles Zuhause für ihn finden. Das können wir aber natürlich nicht machen. Wir müssen da schon oft die Zähne zusammenbeißen und daran denken, dass wir auf diese Art zumindest für etwas Vertrauen und Verständnis sorgen können.

    Anne: Wie geht ihr da mit komischen Kommentaren um, wenn Ihr diese Verhältnisse online zeigt? Euch sind ja die Hände gebunden und Ihr könnt de facto nicht mehr tun, als zum Beispiel diese Kettenhunde zu versorgen und zu kastrieren.

    Lena: Punkt eins ist, dass die Videos, die wir bekommen, ganz häufig von Anwohner*innen oder Nachbar*innen sind, die sich Sorgen machen. Punkt zwei ist, dass wir uns an den Vertrag halten müssen. Das geht nur, wenn unsere Hunde auch ausreisen können. Da wir ohnehin schon unter erschwerten Bedingungen arbeiten, weil die Spenden extrem zurückgegangen sind, seit wir keine Tötungsstation mehr sind, zählt wirklich jeder Cent und wir können nicht mehr Hunde aufnehmen, als die, um die wir uns auch wirklich kümmern können. Das Moderieren solcher Kommentare habe ich inzwischen aufgegeben. Es sind die kleinsten Kleinigkeiten, an denen sich die Leute stören. Uns fehlt dazu schlichtweg die Zeit. Wenn ich gefragt werde, warum ich Zeit habe, mir die Nägel bunt zu lackieren, weil sie zufällig auf einem Bild zu sehen waren, fehlen mir wirklich irgendwann die Worte. Ich habe tatsächlich mal auf einen Kommentar in diese Richtung geantwortet. Die Person hat ab einem bestimmten Punkt mit sich selbst weiterdiskutiert.

    Anne: Denkst Du, dass das auch am eigenen schlechten Gewissen der Leute liegt, weil sie es selbst nicht auf die Kette bekommen, auch nur ein kleines bisschen zu helfen? Dann suchen sie so lange, bis sie einen vermeintlichen Fehler gefunden haben und auf dem wird dann intensiv herumgehackt? Man kennt das ja von Themen wie Veganismus und Klimaschutz auch.

    Lena: Ich denke, die Menschheit ist insgesamt sehr unzufrieden mit sich selbst. Es ist viel schwieriger, sich selbst etwas einzugestehen. Sich selbst seine Fehler einzugestehen würde ja bedeuten, dass man sich verändern müsste und das wollen die meisten nicht. Darum kritisiert man lieber, was andere so falsch machen könnten und versucht die niederzumachen und zu verunsichern.

    Wir machen sicher auch viele Fehler. Aber wir setzen uns ein und am Ende des Tages ist es ein Ehrenamt. Bis auf die beschriebenen Kommentare tun diese Leute meist gar nichts. Sie wollen damit der Welt zeigen, wie schlecht sie ist. Eigentlich ist es dasselbe wie mit den Menschen, die einen fragen, warum man den Hund nicht aus einem deutschen Tierheim geholt hat oder "Warum hilfst Du dem Hund aber keinem Kind?". Solche Fragen stellen immer die Leute, die selbst nichts tun.

    Wenn man etwas tut, macht man das, weil man dahinterstehen kann. Wie gesagt, ich wäre in Rumänien zugrunde gegangen. In Nyirbator habe ich für mich meine Möglichkeit gefunden, etwas zurückzugeben. Es ist ein Projekt, mit dem ich helfen und hinter dem ich stehen kann. Man hat dann auch keine Zeit, alles andere zu hinterfragen und kann nicht jede Entscheidung, die andere treffen, hinterfragen.

    Ich finde auch vieles nicht gut, aber ich nutze meine fünf Minuten, die ich abends habe, nicht dazu und schreibe irgendwelche anderen Tierschutzvereine an, weil mir ihre Posts nicht gefallen.

    Anne: Arbeitet Ihr für die Kastrationsaktionen mit anderen Tierschutzorganisationen zusammen?

    Lena: Wir arbeiten mit der Susi Utzinger Stiftung2 aus der Schweiz zusammen. Durch diese Kooperation haben die Menschen auch die Möglichkeit, ihre Hunde bei uns kastrieren zu lassen.

    Anne: Gibt es noch andere Kooperationen?

    Lena: In Ungarn gibt es einen Gnadenhof, der gelegentlich unvermittelbare Hunde von uns übernimmt – ältere Hunde, die Angst vor Menschen haben zum Beispiel. Vor Ort versuchen sich immer alle gegenseitig zu unterstützen. Henrietta hat zum Beispiel eine gute Freundin, die viele Rollstuhl-Hunde aufnimmt. Wir übernehmen dann auch mal einen Hund von ihr, der in ihrem Rudel nicht gut zurechtkommt, und dafür übernimmt sie einen von unseren.

    Anne: Wie groß ist Euer Team insgesamt?

    "Wir gehören zum born to live e. V."

    Tierrettung Nyirbator. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator
    Tierrettung Nyirbator. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator

    Lena: Wir sind Teil eines deutschen Vereins (born to live e. V.), der sich um unterschiedliche Stationen in Ost-Ungarn kümmert. Zur Tierrettung Nyirbator gehört Henrietta, die gemeinsam mit ihrem vor Ort mehr oder weniger allein arbeitet. Das deutsche Team besteht im Moment aus vier bis fünf Menschen. Es kommen immer wieder Leute dazu und gehen wieder.

    Anne: Du sagst, sie gehen wieder. Liegt das an den schlimmen Bildern, die sich Euch jeden Tag bieten?

    Lena: Ja. Die schlimmsten Sachen posten wir tatsächlich gar nicht. Henrietta sendet mir regelmäßig Bildern von Hunden, denen in den Kopf geschossen wurde oder die auf der Straße überfahren wurden. Man muss sich, bevor man anfängt, darüber im Klaren sein, was diese Arbeit eigentlich bedeutet.

    Ich kann mich noch genau daran erinnern, als ich das erste Mal in Nyirbator war. Ich saß abends mit Henrietta beim Essen und ihr Telefon ging. Sie meinte sofort, es sei ein Unfallhund und packte so eine riesige Rolle schwarze Plastiksäcke ein. Ich habe sie ganz ungläubig angeschaut und sie meinte nur "Wir wissen nicht, ob der Hund noch lebt, wenn wir dort ankommen". Das sind die prägenden Momente, die einen nie wieder loslassen. Man geht auch nicht nach Hause und nimmt sich einfach mal den Nachmittag frei, weil man es immer im Hinterkopf hat.

    Anne: Ihr erlebt täglich krasse Dinge. Erst vor ein paar Tagen habe ich die Nachricht von einem Hund gelesen, der angeschossen wurde. Ihr habt ihn dann zum Tierarzt gebracht, wo er notoperiert werden musste. Genauso bewegend war die Geschichte der Hündin, die ihre Welpen nicht bekommen konnte. Die Halterin hat sich mit Euch in Verbindung gesetzt und der Tierarzt konnte dann nur noch feststellen, dass ihre Welpen im Mutterleib gestorben sind. Zum Glück konnte die kleine Maus (die übrigens starke Ähnlichkeit mit unserer lieben Vally hat) geschafft und ist über den Berg. Wie schaffst Du es, damit umzugehen?

    Lena: Man härtet mit der Zeit schon ein wenig ab. Die Zeit in Rumänien war für mich mit das Schlimmste, was ich gesehen habe. Seitdem wird es für mich immer besser. Trotzdem weine ich um jeden Hund, der bei uns stirbt und um jeden toten Hund, den Henrietta findet. Ich saß schon beim Weihnachtsessen mit der Firma und habe plötzlich weinend in der Ecke gesessen. Das gehört für mich dazu.

    Ich denke allerdings auch, dass es wichtig ist, dass das nicht aufhört, einem nahezugehen. Was zählt ist das Wissen darum, dass es viele schaffen können, weil man ihnen geholfen hat.

    "Es ist schwer, Pflegehunde wieder abzugeben"

    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator
    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator

    Für mich ist es auch mein absoluter Albtraum, meine Pflegehündin wieder abzugeben, aber ich weiß, dass es noch so viele gibt, die warten; und ich möchte diesen Platz unbedingt frei machen. Auch, wenn sie mir schon so stark ans Herz gewachsen ist.

    Man lernt, seine eigenen Bedürfnisse hintanzustellen und zu sagen, dass es Lebewesen gibt, die Hilfe benötigen. Mein damaliger Freund hat mir etwas Schönes gesagt, als ich das erste Mal in Rumänien war:

    "Du fährst jetzt eine Woche lang da hin und dann kommst Du wieder heim und legst Dich in Dein schönes Bett und diese Hunde fragt niemand, ob sie da leben wollen. Für sie ist das keine Woche Urlaub, der ein bisschen anstrengend wird, die sie da machen."

    Für mich war natürlich nach meinem Besuch nichts mehr wie vorher, aber wir haben immer noch die Möglichkeit frei zu entscheiden und das haben diese Tiere nicht.

    Anne: Motiviert Dich das an Deiner Arbeit am meisten?

    Lena: Auf jeden Fall. Es ist das Einzige, was wir machen können: Zu versuchen, ihr Leben ein kleines bisschen zu verbessern.

    Anne: Wie kann man Euch unterstützen, außer durch die Adoption eines Hundes oder die Aufnahme von Hunden als Pflegestelle? Wo kann man spenden?

    Lena: Spenden nehmen wir unter dem Verwendungszweck "Nyirbator" gerne über das folgende Spendenkonto des Vereins entgegen:

    Tierhilfe born to live e.V
    Konto: Postbank
    IBAN: DE81 1001 0010 0922 9151 00
    BIC: PBNKDEFF

    Oder direkt an Henrietta in Ungarn über Paypal. Die E-Mail-Adresse ist hier nyirbatorigazdakeresok@gmail.com.

    Wer sich als Helfer*in melden möchte und sich der Verantwortung bewusst ist, kann sich auch über unsere Webseite bei uns melden.

    Anne: Was muss man tun, wenn man eine Pflegestelle werden möchte?

    Lena: Wir haben da ähnliche Voraussetzungen wie für die Endstellen. Man muss bereit sein, den Hund so zu nehmen, wie er ist. Man muss die Zeit haben und darf sich keine zeitliche Begrenzung setzen. Schau Dir Valea an. Sie ist klein und süß und war trotzdem relativ lange in der Pflegestelle, weil einfach weniger Anfragen kamen. Man muss sich darüber bewusst sein, dass es passieren kann, dass der Hund fünf Monate bei einem bleibt. Außerdem muss man sich selbst dazu in der Lage fühlen, den Hund wieder abzugeben.

    "Von wo man einen Hund adoptiert, sollte man immer sehr individuell überlegen"

    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator
    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator

    Anne: Wie gehst Du mit Aussagen um wie "Die Tierheime bei uns sind schon voll genug, warum einen Hund aus dem Ausland adoptieren"?

    Lena: Das kommt immer darauf an. Man sollte es immer sehr individuell betrachten, denke ich. Zuerst einmal sollte nicht jede*r einen Hund halten. Das muss man klar sagen. Und nicht zu jedem passt ein Hund aus einem deutschen Tierheim.

    Momentan ändert sich auch sehr viel. Die Art und Weise, wie Hunde ihren Weg in ein Tierheim in Deutschland finden, hat sich verändert. Während es vor Corona noch die Hunde waren, mit denen die Leute überhaupt nicht mehr klargekommen sind, die im Tierheim gelandet sind. Diesen Trend, seine Haustiere einfach wieder abzugeben oder vor dem Tierheim anzubinden, gibt es noch gar nicht so lange.

    Bei solchen "Problemhunden" ist es natürlich schwierig, eine Vermittlung zu finden. Das gilt zum Beispiel auch für die zahllosen Kategorie-Hunde, die derzeit in den Tierheimen ankommen. Für Menschen, die noch keine Erfahrung haben oder einfach auf der Suche nach einem Begleiter für den Alltag sind, kommen diese Hunde erst mal nicht infrage.

    Abgesehen davon, dass es auch nicht immer einfach ist, einen Hund aus dem deutschen Tierheim zu bekommen. Viele erhalten da zum Beispiel aufgrund ihres Alters eine Absage, obwohl sie sich noch toll um einen Hund kümmern können und das Zusammensein mit ihm sogar ihr Leben verbessern und verlängern kann. Man darf natürlich nicht alle Tierheime über einen Kamm stellen, aber es gibt auch viele Tierheime, die Anforderungen an ihre Adoptant*innen stellen, die teilweise schon übertrieben sind:

    Wenn Du nicht arbeitest, kannst Du kein Haus mit Garten haben und wenn Du arbeitest, kannst Du nicht 24/7 daheim sein. Das sind einfach immer diese Faktoren, die sich ausschließen. Es melden sich bei uns zum Beispiel auch immer mal wieder Leute, die sagen "Ich wollte einen Hund aus dem Tierheim adoptieren, aber ich bin jetzt 63 und sie möchten mir nicht mal mehr einen fünfjährigen Hund vermitteln". Das ist doch immer ganz unterschiedlich. Die einen gehen mit über 70 noch dreimal die Woche zum Sport und die anderen sind eben nicht mehr so mobil. Darauf kann man, finde ich, schon Rücksicht nehmen, finde ich.

    Vor ein paar Jahren hatte ich in der Richtung ein solch schönes Erlebnis. Eine 79-jährige Frau hatte sich für einen riesengroßen schwarzen Hund aus einer Tötungsstation entschieden. Sie hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt und sich um alles gekümmert, damit er bei ihr einziehen kann. Sie hat mit ihren Kindern geklärt, dass sie ihn im Notfall übernehmen können, ihre Wohnung komplett umgebaut, damit er es schön bei ihr hat, den kompletten Garten neu umzäunt, damit er nicht über den Zaun springen kann, einen Hundetrainer gesucht, Hotels gebucht, in denen sie auf der Reise mit ihm übernachten konnte und dann ist sie hingefahren und hat ihn in Ungarn abgeholt. Das Ganze ist jetzt neun Jahre her, der Hund ist inzwischen 14 Jahre alt und die Frau schreibt mir heute noch, wie es ihm geht. In einem deutschen Tierheim hätte man ihr niemals einen Hund anvertraut. Höchstens vielleicht einen 13-Jährigen, der voraussichtlich in einem halben Jahr ohnehin nicht mehr da ist. Aber man möchte sich ja auch nicht in dem Alter noch mit so vielen Abschieden befassen müssen, weil man immer nur Hunde bekommt, die einen nach ein paar Monaten verlassen. Vor allem möchte man ja, wenn man älter ist, auch keinen Hund an seiner Seite haben, der einen zurückwirft, sondern einen, die Energie, an der man sich noch erfreut, auch ausleben kann.

    In Deutschland werden heute viele Hunde abgegeben, die nicht so viele Probleme haben. Darum rate ich auch vielen Familien dazu, sich erst mal in einem örtlichen Tierheim umzuschauen. Ich kenne einfach auch viele Tierheime, die sehr gut arbeiten. Viele davon nehmen sogar Hunde aus dem Auslandstierschutz auf. Die ersten vier Wochen nehmen sie sich dann komplett Zeit, sie kennenzulernen, damit sie sie gut vermitteln können.

    Das ist generell im Tierschutz mit das Wichtigste: Den passenden Hund zum passenden Menschen zu vermitteln. Die Menschen, die dazwischen sitzen, haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass das passt. Es kann nicht einfach jede*r den Hund bekommen, den er*sie am schönsten findet – es sollte der sein, der am besten zu einem passt.

    Der Hund sollte zum Menschen passen

    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator
    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator

    Zusammenfassend würde ich sagen, es ist nicht jede*r für einen Hund aus dem Tierschutz geeignet, es ist nicht jede*r für einen Hund aus dem Tierheim geeignet. Es ist generell nicht jede*r für einen Hund geeignet. Aber es ist immer wichtig, dass man darauf achtet, dass man einen Hund sucht, der zu einem passt.

    Anne: Was rätst Du Menschen, die einen Hund aus dem Ausland adoptieren möchten?

    Lena: Man sollte sich der eigenen Grenzen bewusst sein. Ich würde mir immer selbst die Frage stellen, welcher Hund zu mir passt. Man sollte nicht nach dem Aussehen gehen. Wenn ich mir einen Hund wünsche, der aussieht wie ein Golden Retriever, lande ich in Rumänien, sehe einen Kuvasz-Mischling, der ein Herdenschutzhund ist, der auch hell ist und schöne lange Haare hat und aussieht wie ein Teddybär. Am Ende habe ich ein Tier daheim, dem ich gar nicht gerecht werden kann.

    Außerdem sollte ich mir die Frage stellen, was für mich in meinem Leben auf gar keinen Fall funktionieren würde und was ich nicht bewerkstelligen könnte. Dafür braucht man einen Plan B. Bissige Hunde können nicht in eine Familie mit Kindern und wenn ich zweimal die Woche ins Büro muss, brauche ich eine Lösung.

    Außerdem sollten all unsere Adoptant*innen unseren Fragebogen lesen und ausfüllen!

    Anne: Der hat mir sehr geholfen und mir noch mal einige Punkte vor Augen geführt.

    "Wenn man einen Hund adoptiert, sollte man alle Informationen annehmen, die man bekommt"

    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator
    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator

    Lena: Ja! Wir werden immer wieder gefragt, warum er so lang ist, aber ich finde, jede Frage hat ihre Berechtigung. Man sollte sich einfach darüber im Klaren sein, dass Hunde haaren und auch stinken können. Besonders, wenn sie nach dem langen Transport ankommen, ist das ganz normal!

    Auch unsere Tipps und Tricks für die ersten Tage sind sicherlich viel zu lesen, sind definitiv sinnvoll. Selbst Menschen, die schon mal einen Hund hatten, finden darin wertvolle Infos. Vor allem, wenn der Vorgängerhund kein Straßenhund war.

    Insgesamt würde ich immer alles an Informationen mitnehmen, die mir an die Hand gegeben werden. Ich weiß, dass es nicht bei allen Tierschutzvereinen so viel ist, wie bei uns, aber ich als Vermittlerin ärgere mich auch, wenn Leute im Fragebogen angeben, dass sie das Infoheft gelesen haben und mich danach fragen, ob der Hund zu ihnen nach Hause gebracht wird oder ob sie ihn irgendwo abholen müssen. Das steht da alles drin!

    Acht Seiten auszufüllen und 40 Seiten zu lesen, sollte einem ein Hund schon wert sein. Vor allem profitiert man ja auch davon! Und es erspart einem eine Menge Stress.

    Anne: Du lebst ja selbst auch vegan. Wie erklärst Du Dir, dass so viele Leute da auch heute noch Unterschiede machen? Ich meine: Sie sagen, dass sie Tiere lieben, engagieren sich vielleicht sogar im Tierschutz und essen Fleisch und trinken Milch. Das geht doch nicht zusammen, oder?

    Lena: Ich glaube, das ist tatsächlich so ähnlich wie bei den Menschen, die daheim sitzen und fiese Kommentare unter den Beiträgen von Personen schreiben, die helfen. Menschen sind faul und haben meistens gar keine Lust, das große Ganze zu sehen und die Verbindung herzustellen. Dazu noch eine Prise Egoismus... Man muss auch bedenken, dass Tierprodukte heute ja auch nichts mehr mit den Tieren zu tun haben. Kaum ein Mensch war schon mal beim Schlachten dabei. Vielen ist es gar nicht bewusst, dass eine Kuh ein Kalb haben muss, um Milch zu geben. Sie denken, dass es gut ist, wenn sie sie trinken, weil man doch irgendwas damit machen muss. Es ist zu anstrengend, um die nächste Ecke zu schauen und das eigene Handeln zu hinterfragen.

    Viele wollen sich auch einfach nicht mit dem Thema auseinandersetzen und zum Beispiel eine vegane Doku anschauen. Sie wissen, dass sie danach nicht mehr weitermachen können, wie bisher, darum ändern sie lieber nichts. Es ist im Grunde wie im Tierschutz: Wenn man es einmal live miterlebt hat, geht man nicht mehr nach Hause und setzt sich vor den Fernseher.

    Anne: Gibt es etwas, das Du Dir für die Zukunft wünschst, das Du gerne teilen möchtest?

    "Ich wünsche mir, dass die Menschen ihr Handeln mehr hinterfragen

    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator
    Lena. Bild/Picture: © Lena, Tierrettung Nyirbator

    Lena: Ich würde mich sehr freuen, wenn die Menschen anfangen würden, Dinge vernünftig zu hinterfragen. Wir sind glücklicherweise in einem Zeitalter angekommen, in dem sich jede*r die Informationen besorgen kann, die er*sie benötigt; das Internet ist groß und sehr reichhaltig gefüllt, dann sollte man diesen Schatz auch nutzen.

    Das bedeutet auch: Jeder sollte sich eine Meinung bilden, aber nicht nur von dem erst besten Input, den man bekommt, sondern immer auch hinterfragen. Wenn man ein schlimmes Bild sieht, ist es nicht immer nur das schlimme Bild – es gab eine Geschichte davor und es gibt eine Geschichte danach. Leider haben wir da etwas verloren.

    Das ist ähnlich wie mit dem Fleisch: Man hat nicht nur das Fleisch, es war davor etwas und es ist etwas danach und das Danach ist meist ein wenig weniger wert als das Davor.

    Darum fände ich es schön, wenn Menschen wieder lernen, ein kleines bisschen darüber nachzudenken, was sie eigentlich tun. Etwas weniger Selbstzentriertheit. Das wäre schön! Es lohnt sich, nicht faul zu sein.

    Anne: Also: Lesen, lesen, lesen, Infos besorgen und hinterfragen! Das ist ein schöner Schlusssatz!

    Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit genommen hast! Alles Gute, wir bleiben in Kontakt!

    Lena: Ich danke Dir! Auf jeden Fall!

    Spendenaufruf

    Die Tierrettung Nyirbator freut sich über Eure Unterstützung! Bitte überweist Eure Spenden unter dem Verwendungszweck "Nyirbator" an das folgende Konto:

    Tierhilfe born to live e.V
    Konto: Postbank
    IBAN: DE81 1001 0010 0922 9151 00
    BIC: PBNKDEFF

    Oder sende Euer Geld direkt über Paypal an Henrietta in Nyirbator. Die E-Mail-Adresse ist hier nyirbatorigazdakeresok@gmail.com.

    1. Tierrettung Nyirbator – Hundevermittlung
    2. Susi Utzinger Stiftung

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